Über die Angst etwas zu verpassen von veri (Abgeschlossen)
Inhalt: Daniel und Fabian treffen sich fünf Jahre nachdem Fabi ihre Beziehung sehr überraschend beenndet hat wieder.
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Challenges: Die HIV/AIDS-Challenge
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 06/09/09
Aktualisiert: 01/02/10
Über die Angst etwas zu verpassen
„Fabi?!“
„Oh, Daniel …“
„Na wunderbar.“

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Fünf Jahre sind Daniel und ich zusammen gewesen. Von 89 bis 94. Zu Beginn unserer Beziehung war ich gerade 18 geworden, er 20. Fünf Jahre sind ein halbes Jahrzehnt. Wenn das endet, ist es immer wirklich unschön. Aber um eines gleich klarzustellen: In dieser Geschichte bin ich das Arschloch. Daniel war immer ein vorbildlicher Freund und eigentlich sah alles nach großer Liebe aus …

Ich hatte gerade die zwölfte Klasse begonnen, die Punktejagd. Daniel studierte schon, das war ziemlich cool. Wir kamen aus dem gleichen Kaff und kannten uns eigentlich schon immer, zumindest vom Sehen. Dann trafen wir uns auf der Party eines gemeinsamen Bekannten und einige Tage später am Bahnhof. Der Zug fiel mal wieder aus und Daniel nahm mich mit zu sich, wo wir sein Auto holten und er mich zur Schule brachte. Wir stellten fest, dass wir uns viel zu sagen hatten. Über Filme, Bücher, Musik, aber auch über Politik und Zeitgeschehen. Gott, es war fast gespenstisch, wie ähnlich wir alles sahen.

Seltsamerweise dachte ich zuerst gar nicht daran, dass wir vielleicht mehr werden könnten, als gute Freunde, alleine schon aus Selbstschutz. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass er ebenfalls auf Jungs stand? Ich meinte mich sogar zu erinnern, ihn schon das ein oder andere Mal mit einer Freundin gesehen zu haben.

Wir trafen uns zwei Mal die Woche morgens am Bahnhof und redeten die ganze zwanzigminütige Zugfahrt über, bis ich aussteigen musste. Nie fanden wir einen Abschluss, deshalb beschlossen wir kurzerhand, dass wir uns mal absichtlich treffen sollten.

Eines Montagnachmittags kam er gegen vier zu mir nach Hause. Wir tranken Tee, redeten, plötzlich war es nach sieben und wir hatten Hunger. Es gab Tiefkühlpizza, die wir in meinem Zimmer am Boden aßen. Meine Eltern warfen uns Blicke wie Dolche zu, als wir uns kurz unten sehen ließen. Im Sommer zuvor hatte ich ihnen während eines Streits spontan vor den Latz geknallt, dass ich schwul bin und sie hatten mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich treiben konnte, was ich wollte, aber nicht in ihrem Haus. Nun, offensichtlich hatten sie die Situation fehlinterpretiert. Mir egal, sollten die doch denken, was sie wollten.

Gegen Mitternacht machte Daniel Anstalten zu gehen. Ich konnte nicht glauben, wie spät es geworden war. Am nächsten Tag mussten wir beide früh raus. Natürlich brachte ich ihn zur Tür, allein schon, um meinen Eltern keine Möglichkeit zu geben, etwas Dummes zu tun.

Im Vorraum bei der Garderobe hielten wir inne. Ich vermutete, dass meine Eltern noch immer hinter der Küchentür lauerten.
„Danke für den Besuch.“
Was Blöderes fiel mir nicht ein.
„Gern. Ich hatte echt einen schönen Abend. Ich kopier dir mal die Songs.“
„Ja, cool. Und ich komm mal vorbei, um deinen Scanner zu benutzen.“
„Klar, jeder Zeit.“
„Na schön, komm gut heim.“
Ich öffnete die Tür für ihn. Und dann küsste er mich, aus heiterem Himmel.

Und seitdem waren wir zusammen. Daniel zögerte nie lange, wenn er etwas wollte. So hatten wir auch bald unser erstes Mal. Also ich hatte meines, er hatte bereits Erfahrungen. Mit Frauen.

Schnell war uns beiden klar, dass wir den einen Menschen gefunden hatten, teilten das unseren Familien mit, die eigentlich kein großes Problem damit hatten und schon nach einem halben Jahr zogen wir zusammen in die ausgebaute Wohnung im zweiten Stock seines Elternhauses. Wir waren eben eine Familie, legten uns sogar zwei Katzen zu und waren einfach nur glücklich miteinander.

Nach zwei Jahren, zu Beginn meiner Studienzeit, hatten wir ein Tief. Irgendwie war die Luft raus. Aber wir rissen uns zusammen, fuhren in Urlaub und erlebten so was wie einen zweiten Frühling. Wir verhielten uns wieder wie ein frisch verliebtes Pärchen, konnten kaum die Finger voneinander lassen und verbrachten die meisten Samstagabende in trauter Zweisamkeit zu Hause. Außerdem hatten wir ein paar gemeinsame Vorlesungen, denn Daniel hatte mich überzeugt, dass ich mein Ziel, die Welt zu retten, nur durch Ökonomie erreichen konnte. Sen und Yunus, beide große Weltverbesserer und Ökonomen.

Nach dem Grundstudium gingen die meisten meiner Kommilitonen ins Ausland. Das hätte mich auch sehr interessiert, aber leider stand Daniel kurz vor dem Diplom. Und ohne ihn weggehen? Das kam offiziell nicht in Frage, inoffiziell spielte ich lange mit dem Gedanken. Am Ende habe ich mich nicht getraut und gab heimlich ihm die Schuld daran. Er hing ständig über seinen Büchern, war zu keiner Party mehr zu gebrauchen und ließ mich unterschwellig spüren, dass er nicht wollte, dass ich alleine meinen Spaß hatte. Irgendwann hatte ich genug von dem bürgerlichen Leben und machte alleine einen auf Partylöwen.

Eines Nachmittags wachte ich auf, ging mit dröhnendem Kopf in die Küche, wo Daniel gerade die Katzen fütterte und versuchte, mir zusammenzureimen, wie ich nach Hause gekommen war. Erinnerungsfetzen tauchten wieder auf. Viele halbnackte Körper, noch mehr Alkohol, meine Freunde, die sich vergnügten, und ich, der mal wieder jedem eine Abfuhr erteilte. Ich bin Daniel nie fremdgegangen, nicht mal ein klein wenig. Aber damals an diesem Nachmittag sah ich ihn an, in seinem Schlabber-Outfit, das ich einst so sexy gefunden hatte, sah mich in unserer Küche um, deren Sauberkeit schon so oft Streitthema gewesen war, sah mich, mein bürgerliches Leben, meine Zukunft und wusste einfach, dass es mich nicht mehr glücklich machte. Ich wollte mehr. Mehr Spaß, mehr Freiheit, mehr Sex, mehr erleben! Der Gedanke, einfach abzuhauen, hatte sich schon oft in mein Hirn geschlichen und ich hatte mich selbst dafür gehasst, bestraft, verdammt. Aber in diesem Moment ging es einfach nicht mehr.

Daniel schaute mich skeptisch an.
„Schatz? Alles klar? Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen.“
„Ich ... Daniel, ich glaube es ist aus.“
„Was ist aus?“
„Das hier, ich kann das nicht mehr, ich liebe dich nicht mehr, du machst mich nicht mehr glücklich.“
„Was?“
Er sprach leise und war offensichtlich hin und her gerissen zwischen tiefster Erschütterung und der Hoffnung, das Ganze möge ein schlechter Scherz sein.
„Das meinst du doch nicht so, oder? Ich meine, es läuft gerade nicht so toll, aber das stehen wir doch durch, ich meine, wir sind doch eine Familie!“
„Es tut mir leid, es geht einfach nicht mehr. Ich zieh erst mal zu Georg oder so.“
Ich wandte mich zum Gehen.
„Fabian, bitte, jetzt lass uns darüber reden, das kann doch bloß ein Albtraum sein. Oh Gott, hast du jemanden kennengelernt? Ich wusste es doch, weil du immer alleine unterwegs warst.“
„Nein, ich hab niemand anderen. Aber ich will andere. Das ist das Problem. Ich bin noch zu jung, um einen auf Hausfrau und Mutter zu machen. Hör mal, ich kann mit der Situation gerade echt nicht umgehen. Ich muss hier raus, ich bekomm hier keine Luft mehr. Ich ruf dich an und sag dir, wann ich meine Sachen hole.“
„Einfach so?“
„Es tut mir wirklich unendlich leid.“

Und das war tatsächlich das letzte Mal, dass ich in der Wohnung gewesen bin. Meine Eltern haben die Sachen, die Daniel nach zwei Wochen und unendlich vielen, unendlich langen, unendlich schmerzhaften Telefonaten zusammengesucht hatte, für mich abgeholt. Ich wollte ihm nicht mehr begegnen. Ich konnte es einfach nicht, denn dann wäre ich wieder schwach geworden, und unglücklich.

Ich bin damals zu Freunden in die WG gezogen, endlich weg aus meinem Heimatkaff und hab meine neue Freiheit in vollen Zügen genossen. Nebenbei hab ich auch noch mein Studium abgeschlossen und war ein halbes Jahr in den Staaten.

Danach war mir sogar München zu klein und provinzial, also zog ich in die Hauptstadt. Ein schwuler Mittzwanziger in Berlin. Ja, ich war in meinem Element.

Doch als ich 28 war, änderte sich alles.

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Jetzt bin ich wieder in München und suche einen neuen Job und alte Freunde.

Da ist diese Stelle bei einem globalen Unternehmen, das eine eigene Bio-Marke herausbringen will und dazu jede Menge junge, idealistische Menschen verschiedenster Bereiche sucht, die das Ganze auf die Beine stellen. Zwei Runden Bewerbungsgespräche später bin ich in der „engeren Auswahl“ und soll mich auf einer firmenorganisierten Wohltätigkeitsveranstaltung beweisen. Nichts leichter als das. Small-Talk ist für mich schon lange kein Problem mehr. Früher, als Teeny, war ich der typische Schüchterne, der sich auf Parties immer hinter seinem Bier versteckt hat. Aber jetzt bin ich erwachsen, habe mich weiterentwickelt, auch wenn ich jetzt wieder näher an meinem Heimatort lebe, um meine Eltern und alte Freunde ab und an besuchen zu können.

Der Abend vergeht, ich knüpfte Kontakte, mache Eindruck, bin vorbildlich amüsant. Frau Henning, eine quirlige Frau aus dem Vorstand, schleppt mich mal wieder fort, um mir noch mehr Menschen vorzustellen.
„Ah, Herr Meierhofer, kommen sie, ich möchte sie dem Mann vorstellen, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Hoffentlich ihr zukünftiger Chef. Ich habe ihn gerade da drüben erspäht. So, Herr Daimer. Darf ich ihnen einen unserer vielversprechendsten Bewerber vorstellen? Ein Volkswirt-Kollege von ihnen. Herr Meierhofer.“
„Fabi?!“
„Oh, Daniel…“
„Na wunderbar.“
„Sie kennen sich?“
Bevor ich etwas dazu sagen kann, fällt Daniel mir schon ins Wort.
„Herr Meierhofer und ich kommen aus dem gleichen Dorf.“
„Ah, das ist ja ein Zufall. Wo ist denn Silvia?“
„Sie hat eine Bekannte getroffen.“
„Dann will ich sie mal suchen gehen.“

Und damit stehen wir uns zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder gegenüber. Ich mustere ihn. Sein dunkelblondes Haar, das er jetzt viel kürzer trägt als früher, seinen teuer aussehenden Anzug, unter dem man seine breiten Schultern vermuten kann. Seine immer noch betont lässige aber doch (völlig zurecht) abweisende Haltung.
„Bist du dann fertig mit Gaffen? Du bekommst den Job auf keinen Fall. Das letzte, was ich will, ist mit dir zusammenzuarbeiten.“
„Ich schätze, dann hab ich hier nichts mehr verloren, oder?“

Warum ich nicht um den tollen Job kämpfe? Weil ich Daniel das schulde. Ich schulde es ihm, ihm nicht mehr unter die Augen zu treten, denn offensichtlich ist es nach fünf Jahren noch immer schlimm für ihn. Ich habe bei ihm alles falsch gemacht, jetzt weiß ich das. Aber damals konnte ich einfach nicht anders handeln. Ich habe ihm nicht nur das Herz gebrochen, ich habe seinen kompletten Lebensentwurf über den Haufen geworfen. Einfach so, aus heiterem Himmel. Er ist bald darauf aus unserer Wohnung ausgezogen, hat, genau wie ich, noch mal von vorne angefangen, allerdings unfreiwillig. Ich schulde es ihm, mich einfach zu verziehen. Ich bin auch schon auf dem Weg zur Garderobe.

„Herr Meierhofer, sie haben es aber eilig. Würden sie mir vielleicht einen Moment nach oben folgen?“
Das ist der Oberboss und er hat zwei der anderen Bewerber im Schlepptau. Die beiden Frauen. Dahinter stehen noch einige wichtige Menschen. Total überrumpelt folge ich durch einen Korridor in einen großen Konferenzraum.

Zehn Minuten später habe ich einen Stapel Verträge vor mir liegen, zur Durchsicht, und einen Gehaltsplan, dass mir, gelinde gesagt, die Spucke wegblieb. Die beiden Kolleginnen sind tatsächlich schon fröhlich am Ausfüllen. Die großen Tiere haben den Raum bereits wieder verlassen und ich sitze da und weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Ich weiß, was richtig wäre, aber ich weiß auch, dass der Job eine einmalige Gelegenheit wäre. Und zwar nicht nur um monsterviel Kohle zu scheffeln, sondern auch um wirklich etwas Gutes auf die Beine zu stellen.
„Sie zögern?“
Die Dame, die mich vor Daniel geschleift hatte.
„Ich, nein, ich weiß nur nicht, ob es eine gute Idee ist, dass ich mit Da... Herrn Daimer zusammenarbeite.“
„Ich weiß natürlich nichts über ihr persönliches Verhältnis, aber ich versichere ihnen, dass er sehr professionell ist und Privates und Berufliches strikt zu trennen weiß. Herr Daimer wird es sich mit ihnen nicht verscherzen wollen, sie sind der Wunschkandidat des Vorstandes.“
„Wirklich? Ich meine, wow. Ich ...“
„Nun nehmen sie den Stapel, gehen nach Hause und füllen das alles in Ruhe aus. Soll ich ihnen ein Taxi rufen?“
„Ich bin mit dem Auto hier, danke.“

Auf dem Weg nach draußen hält mich noch eine junge, hübsche Frau auf.
„Herr Meierhofer, richtig?“
„Ja genau“, bestätigte ich.
„Silvie Golder, ich möchte sie zu einem kleinen Essen am Freitag einladen. Hier, meine Karte. Gegen sieben, der halbe Vorstand wird da sein, also stellen sie sich auf etwas nicht ganz so zwangloses ein.“
„Oh, okay, danke für die Einladung.“
„Bringen sie jemanden mit?“
„Nein, wohl eher nicht.“
„Gut, dann weiß ich Bescheid. Bis Freitag, auf Wiedersehen.“

Nein, in dieser Nacht schlafe ich nicht. Ich lese mir die Verträge durch, grüble über die alten Zeiten, die ich so lange verdrängt habe, denke darüber nach, was wohl gewesen wäre wenn ...
Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass es der größte Fehler meines Lebens war, mit Daniel Schluss zu machen. Aber das weiß ich eigentlich schon eine ganze Weile, spätestens seit jenem schrecklichen Tag vor zwei Monaten.

Am Freitag stehe ich also vorbildlich pünktlich um Sieben bei der angegebenen Adresse. Ein schniekes Apartmenthaus. Die Miete hier könnte ich mir vermutlich noch nicht mal trotz des neuen Jobs leisten. Anna, einer meiner beiden Mitneulinge, steigt ebenfalls gerade aus ihrem Auto und schaut sich beeindruckt um. Ein gutaussehender Südländer steigt auf der Fahrerseite aus.
„Ah, Fabian. Schick hier, was? Das ist Adrian, mein Verlobter. Und du, bist du alleine?“
„Ich fliege zur Zeit solo, ja.“
„Hey, ich hab ein paar nette Single-Freundinnen, sag Bescheid, falls du ...“
„Danke, aber ich hätte mehr Interesse an deinen netten Single-Freunden. Also männlich.“
„Oh, achso, na gut, ich halt die Augen offen.“
Sie überspielt ihre Nervosität wegen dem Essen eher ungeschickt mit belanglosem Geplauder, bis wir vor der richtigen Türe stehen.
„Na dann wollen wir mal.“
Mutig drückt sie auf den Klingelknopf.

Die Türe geht auf, und da steht Daniel. Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück, aber er scheint nicht besonders überrascht, mich zu sehen.
„Ah, damit sind alle drei Ehrengäste anwesend. Kommt rein, gerade durch, macht es euch bequem. Und da wir jetzt Kollegen sind: Ich heiße Daniel.“
„Anna und mein Verlobter Adrian.“
„Willkommen.“
Er reicht beiden die Hand, wohingegen ich ignoriert werde. Sogar meinen Mantel darf ich selbst aufhängen.

Wir kommen ins Esszimmer, der Tisch ist schlicht dekoriert und die Menschen drum herum wirken noch etwas steif. Tatsächlich sitzen vier Mitglieder des Vorstandes mit ihren Partnern am Tisch. Daniel weist allen einen Platz zu. Warum führt der sich eigentlich auf, wie der Gastgeber und wo ist diese Silvie, die mich eingeladen hat?
„Ah, Herr Meierhofer, haben sie niemanden mitgebracht?“, fragt Frau Henning.
„Nein, derzeit wüsste ich nicht wen.“
„Naja, sie sind ja gerade erst hier her gezogen, sie finden bestimmt bald Gefallen an der ein oder anderen Münchnerin“, scherzt Herr Kohler.
Anna wirft mir einen verschwörerischen Blick zu, den ich mit einer zuckenden Augenbraue quittiere. In dem Moment kommt Silvie mit einem Tablett voller Salate aus der Küche, die sie lächelnd verteilt. Daniel bekommt seinen inklusive einem Kuss auf die Wange. Wie blind bin ich eigentlich?! Deshalb führt er sich auf wie der Gastgeber. Weil er der Gastgeber IST! Und Silvie seine Tussi. Und ich sitze hier und hab ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn verlassen habe!

Jetzt sehe ich, was ich hätte haben können, nie mehr bekommen werde. Ich will die Zeit zurückdrehen und ihn wiederhaben. Mein altes Leben will ich wieder haben, gern würde ich dafür auf den ganzen Scheiß der letzten Jahre verzichten, vor allem auf die letzten Monate.
„Herr Meierhofer, ist ihnen nicht gut?“
Ich registriere noch, dass Frau Henning mich besorgt mustert, bekomme noch ein „Entschuldigung“ heraus und erhebe mich Richtung Ausgang. An der Garderobe fische ich gerade nach meinem Mantel, als ich Frau Henning hinter mir höre.
„Herr M ... Fabian, warten sie.“
„Tut mir leid Frau Henning, ich kann den Job nicht annehmen. Ich muss jetzt wirklich los.“
„Aber, so warten sie doch!“
An der Tür neben mir ein Kratzen, ein Maunzen und das vertraute Geräusch einer nach unten gedrückten Türklinke. Oh bitte nicht. Da drinnen ist Jojo eingesperrt, mein Kater, mein kluger Kater, der schon mit drei Monaten wusste, wie man eine Türe öffnet!
„Er erkennt wohl deine Stimme.“
Daniel steht plötzlich im Gang. Aus irgendeinem blöden Grund rührt mich diese Vorstellung fast zu Tränen. Frau Henning geht kommentarlos wieder zurück ins Esszimmer.
„Willst du die beiden sehen?“
Mehr als ein Nicken bekomme ich nicht zustande. Daniel schließt die Tür auf, da kommen mir die beiden Katzen entgegen. Ich nehme sie hoch, sie schnurren und schmusen und ich wische verstohlen eine Träne mit Minnies weichem Fell weg.
„Sie scheinen dich wirklich wiederzuerkennen. Nach all den Jahren.“
„Es tut mir alles so leid, Dani.“
„Lass uns da rein gehen, ja?“

Er schiebt mich in den Raum, wo die Katzen eingesperrt waren. Ein großes Büro. Ich erkenne den Kirschholzschreibtisch seines Großvaters, der lange im Keller seines Elternhauses verstaubte.
„Setz dich, Fabi.“
Ich lasse mich in einem dunkelroten, äußerst bequemen Sessel nieder, die beiden schnurrenden Katzen immer noch auf mir. Damals waren sie wie unsere Kinder. Als wir den acht Wochen alten Kater nach Hause gebracht haben, er neben unserem Bett im Körbchen schlief ...
„Weinst du?“, fragt Dani irritiert.
„Es tut mir leid.“
„Das hast du schon gesagt. Warum hast du den Job angenommen, Fabi?“
„Ich brauch ihn. Ich brauch die Kohle und ich brauche das Gefühl, was Sinnvolles mit meinem Leben anzufangen. Aber ich habe die Verträge noch nicht abgegeben. Vielleicht wäre es besser, wenn ich einfach wieder zurück nach Berlin ziehen würde ...“
„Was erwartest du von mir, Fabi? Dass ich dich anflehe, hier zu bleiben, so wie damals?“
„Ich geh einfach. Tut mir leid. Ich hab alles vermasselt, das ist mir klar. Du musst mich nie wieder sehen, versprochen.“

Er hält mich nicht auf. Natürlich nicht. Ich brauche jetzt einen Freund. Aber meine alten Leute sind in alle Winde zerstreut. Wie naiv war ich eigentlich, zu glauben, die würden alle in München auf mich warten? In Berlin hatte ich ein paar wenige echte Freunde. Aber die lebten in einer ganz anderen Welt. In der Welt, die ich hinter mir gelassen habe.

Die unterschriebenen Papiere liegen auf meinem Schreibtisch. Ich sitze seit Stunden einfach nur rum und starre Löcher in die Luft. Nach gestern Abend hätte ich vermutlich sowieso keine Chance mehr auf den Job, selbst wenn ich ihn noch wollen würde. Was mach ich denn jetzt? So ein Angebot bekomme ich so schnell nicht wieder. Ich bin so müde, ich könnte den ganzen Tag schlafen. Mein Telefon klingelt. Keine Lust. Der AB wird das schon übernehmen.
„Fabi? Bist du da? Nimm ab. Ich bin's, Daniel.“
Mein Herz setzt einen Schlag aus, ich springe auf, stolpere über ein paar Kabel, bin trotzdem innerhalb von Sekunden beim Telefon.
„Dani?“
„Hey, ich ... ich wollte dich um einen Gefallen bitte.“
„Jeden!“, rutscht es mir heraus.
„Ehm, also Silvie hat eine Katzenallergie und ich dachte mir, also wenn du den Platz hast und so ...“
„Du willst mir die Katzen überlassen?“
„Ich hätte sie natürlich lieber behalten, aber das funktioniert auf Dauer einfach nicht. Sie sind immer im Büro eingepfercht ...“
„Ich würde sie gern nehmen.“
„Gott sei Dank. Wann kann ich sie dir vorbei bringen?“
„Immer, ich meine, ich hab nichts zu tun, also ...“
„Gut, dann bin ich so in einer Stunde bei dir. Die wichtigsten Utensilien haben sie ja. Und falls du sonst noch was brauchst, dann ...“
„Das bekomm ich schon alles hin.“
Er ist immer noch der gleiche Kontrollfreak wie früher. Ich springe unter die Dusche, räume ein wenig auf und dann klingelt es auch schon.

„Hey.“
„Hey.“
Wir stehen kurz etwas unschlüssig in der Tür, bis Daniel sich an mir vorbei in die Wohnung schiebt. In einer Hand trägt er eine Transportbox aus der mich zwei Paar Augen anfunkeln, in der anderen eine Katzentoilette.
„Ich stell das mal hier ab. Da drin sind die Näpfe, etwas Futter und ihr Lieblingsspielzeug. Du wirst noch Katzenstreu brauchen. Die Impfpässe liegen auch drinnen, aber da ist erst nächstes Jahr wieder was fällig. Der alte Kratzbaum fällt schon ausei…“
Das Telefon klingelt. Ich rühre mich nicht, sondern stehe einfach nur da und betrachte Dani, den erwachsenen Dani, der trotz allem Selbstbewusstsein noch genau so schnell redet wie immer, wenn er nervös ist.
„Willst du nicht rangehen?“
„AB …“
Und schon hört man die kurze Ansage und dann die Stimme eines guten Freundes aus Berlin.
„Hey Süßer. Meld dich mal bei mir. Ich will nur sicher gehen, dass es dir gut geht. Dr. Berner lässt dir Grüße bestellen. Ich war gestern mal wieder zum üblichen Check drinnen. Alles in Ordnung. Also, melde dich. Hab dich lieb. Bye Baby.“
Dani rümpft leicht die Nase.
„Na gut, ich geh dann mal.“
„Willst du nicht noch … also ich meine … zusehen wie sie sich hier umsehen?“
„Ich muss los.“
„Okay.“
Ich kann meine Enttäuschung darüber wohl nicht wirklich verstecken.
„Fabi, was willst du eigentlich?“
„Nichts das möglich wäre.“
„Du hast es dir selbst so ausgesucht.“
„Das weiß ich, okay?! Verschwinde einfach“, fahre ich ihn an, mehr aus Verzweiflung als aus Wut.
Nein, bitte nicht. Ich will vor ihm nicht weinen. Aber ich kann es nicht aufhalten. Durch den Anruf aus Berlin und die Erwähnung meines Arztes, und durch Danis Anwesenheit und die der Katzen in ihrer Box, dadurch kommt einfach zu viel an die Oberfläche.
„Fabi …“
Daniel wirkt hilflos. Er lässt erst mal Jojo und Minnie frei. Der Kater schnurrt sofort um meine Beine.
„Fabi, was soll ich machen?“
Ich schüttle nur den Kopf, denn es gibt nichts, was er tun kann. Ich hab es versaut. Ich habe meine Chance vertan, für immer. Und wofür? Für fünf Jahre Party. Bedeutungslose Jahre ohne etwas wirklich Echtes in meinem Leben. Ohne Liebe, ohne Zukunft und ohne eine Familie.
„Fabi, bitte sag doch was“, fleht er. „Willst du, ... dass wir wieder … ich meine, soll ich dich … festhalten?“
Ich nicke und er kommt langsam zu mir herüber, streicht zärtlich über meine Wange, nimmt mich fest in den Arm. Ich weiß nicht, wie lange wir da stehen und wie lange ich in seine Jacke weine. Irgendwann schiebt er mich ein Stück von sich weg und sieht mir fest in die verheulten Augen.
„Ich will dich immer noch, Fabi. Ich hab nie daran gezweifelt, dass du die Liebe meines Lebens bist. Ich hab ja auch gesehen, dass du nicht mehr glücklich mit mir warst, aber ich war so machtlos. Ich konnte nichts für dich tun, das Ganze hatte sich einfach viel zu sehr festgefahren. Aber Fabi, ich ertrag es nicht, dich so unglücklich zu sehen. Bitte sag mir, was ich machen soll.“
Er reibt sein Gesicht an meinen Haaren und hält mich noch ein wenig fester.
„Es ist zu spät“, flüstere ich.
„Sag das nicht. Es sind nur fünf Jahre vergangen, wir können einfach noch mal von vorne anfangen. Silvie und ich, wir … ich liebe sie, aber sie ist nicht meine Familie. Das bist du. Ich will, dass es wieder genau so ist wie früher.“

Die unglaubliche Größe, die er mit diesem Angebot beweist, lässt mich erneut aufschluchzen. Er wäre bereit, mir alles zu verzeihen, sein Herz wieder in meine unberechenbaren Hände zu geben.
„Fabi, bitte wein nicht mehr. Bitte. Wir können wieder zusammen sein, du, ich und die Katzen. Wir haben ein paar Jahre verloren, aber wir bekommen das wieder hin, ganz sicher.“
Seine Hände streichen jetzt beschwörend über meinen Rücken. Alles in mir will ihn küssen, ihm sagen, dass er recht hat, dass alles wieder gut werden kann, dass wir unseren Plan, zusammen alt und grau zu werden, doch noch verwirklichen können. Aber das geht nicht. Ich hasse mich dafür, dass ich ihm gleich zum zweiten Mal das Herz brechen muss. Aber ich habe keine Wahl, ich muss ehrlich zu ihm sein.
„Dani, es ist zu spät, es tut mir leid, ich hab es versaut. Ich kann nicht mehr mit dir zusammen alt werden, auch wenn ich das mehr will als alles andere auf der Welt.“
Ich ziehe ihn fest an mich, damit ich ihm nicht in die Augen schauen muss, wenn ich ihm gleich die drei Worte zuflüstere, die mir immer wieder durch den Kopf jagen und die mich nicht mehr ruhig schlafen lassen, die drei Worte, die mich dazu veranlasst haben, wieder hier her, in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Die drei Worte, die ich seit jenem Tag in Dr. Berners Praxis immer wieder vor mich hin murmle:
„Ich bin positiv.“

Daniel ist geschockt, seine Augen starren mich an, man kann dabei zusehen, wie das Blut seine Wangen verlässt. Ich bete zu Gott, dass er nicht gleich angewidert seine Hand zurückzieht, die meinen Nacken streichelt und sich so angenehm warm und weich anfühlt. Ich senke meinen Blick. Was wohl in ihm vorgehen mag? Ich weiß, wie er zu Positiven steht, wir haben oft darüber gesprochen. „Die sind selber Schuld. Man kann sich doch schützen.“ Und das stimmt ja auch. Er wird mich verurteilen und mir keine Chance mehr geben. Seine Hand regt sich, hinterlässt ein kaltes Gefühl auf der Stelle, wo sie eben noch lag, ein Schaudern durchfährt mich. Die Hand schiebt sich behäbig weiter, auf meine Wange.
„Das ist nicht das Ende, Fabi.“
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