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Veröffentlicht: 19/04/09 Aktualisiert: 01/02/10
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1. Kapitel 1

01. Teil

Ein Krankenhaus in New York.
In einem weißen, sterilen Zimmer lag Francis in einem großen Bett. Er starrte an die Decke, während seine Mutter zeternd auf und ab ging.
"Wie konnte es nur so weit kommen? Was habe ich falsch gemacht?"
"Nichts Mutter!" antwortete Francis emotionslos.
"Aber was ist es dann? Wie kommt ein fast erwachsener Junge darauf, nachts allein durch den Central Park zu gehen? Das schreit doch förmlich nach Überfall!"
Francis sah sie an. /Warum kann sie nicht einfach still sein?/ Sein Kopf brummte und seine Rippen schmerzten. Er konnte sich kaum bewegen, und er hatte auch nicht den Nerv dazu, sich jetzt mit seiner Mutter auseinander zu setzen.

"Mutter, kannst du bitte gehen? Ich bin müde, das war eine anstrengende Nacht!"
Entgeistert sah ihn seine Mutter an. "Anstrengend? Denkst du, für mich und deinen Vater war es nicht anstrengend? Da werden wir mitten in der Nacht geweckt und erfahren, dass unser Sohn überfallen wurde und im Krankenhaus liegt!"
Francis seufzte genervt auf. "Mutter bitte. Können wir uns nicht morgen darüber unterhalten?"
"Das werden wir, mein Lieber. Keine Angst. Dein Vater wird sich noch ausführlich mit dir beschäftigen! Das wird Konsequenzen für dich haben!" Doch dann beugte sie sich über ihn und küsste ihn sanft auf die Stirn. "Gute Nacht, Francis" sagte sie und ging zur Tür.
"Gute Nacht, Mutter"

Endlich war sie verschwunden. Francis ließ sich in die Kissen zurück fallen und starrte wieder an die Decke. Trotz übermächtiger Müdigkeit konnte er nicht schlafen; sobald er die Augen schloss kamen die Bilder der drei Typen, die ihn brutal zusammen geschlagen hatten, zurück. Wieder und wieder durchlebte er die schrecklichen Minuten und wieder und wieder spürte er die schmerzvollen Tritte und Schläge. Sie hatten nur sein Geld gewollt und hatten es auch bekommen. Seine Kamera hatten sie weggeworfen und zerstört. Alles war sehr schnell gegangen und es kam auch sehr schnell Hilfe, in Form einer alten Frau, die mit ihrem Hund spazieren gegangen war. Sie hatte den Notarzt gerufen und dieser hatte ihn dann hier ins Krankenhaus gebracht.
Er dachte an seine Kamera. Er hatte sie noch nicht lange, es war das neuste Modell auf dem Markt. Damit hatte er schon sehr schöne Bilder gemacht. Auch heute Nacht war er wieder auf der Suche nach Motiven gewesen und er hatte ein paar interessante Fotos geschossen. Doch die konnte er jetzt vergessen, die Kamera war hinüber, ebenso der Film.
Fluchend drehte sich Francis auf die Seite und hätte beinahe vor Schmerzen aufgeschrieen. Schnell legte er sich wieder auf den Rücken. Er versuchte sich zu entspannen, doch es wollte ihm nicht so recht gelingen. Nach einigen quälenden Minuten griff er zum Klingelknopf am Kopfende des Bettes und rief die Nachtschwester. Sie brachte ihm eine Schlaftablette und schon bald befand Francis sich im süßen Traumland.


Das Telefon klingelte und Max sah überrascht auf den altmodischen Apparat. Wer wusste, dass er hier war? Eigentlich nur sein Vermittler und Jack, und mit letzterem wollte er momentan auf keinen Fall reden. Etwas panisch nahm er trotzdem den Hörer ab.
"Bench", meldete er sich nervös und strich durch sein schwarzes Haar, doch zu seiner Erleichterung war es eine Mitarbeiterin der Agentur. Seine übliche Gefasstheit stellte sich wieder ein, als sie ihm Name und Adresse eines Auftraggebers nannte. An sich klang der Job gut, genau was er gesucht hatte. Ein 24-Stunden-Schützling, so würde er immer beschäftigt sein und keine Zeit zum Grübeln haben.

Stunden später betrat er zum ersten Mal das Penthouse der Familie Jacobson. Er war der einzige Besucher, was ihn nicht verwunderte. Ein Mann wie Jacobson würde nicht den Fehler begehen, zwei Bewerber aufeinander treffen zu lassen. Das folgende Gespräch an sich war kurz. Als Max das Hochhaus verließ, fragte er sich, ob es nicht vielleicht besser wäre, den Job nicht zu bekommen. Sicher, das Gehalt war verlockend, aber Francis Jacobson II war ein konservatives Arschloch erster Klasse. Höchstwahrscheinlich wählte er die Republikaner und in früheren Zeiten wäre er wohl ein Mitglied des Ku-Klux-Klans gewesen.
Er nahm den Job trotzdem an, als schließlich der Anruf von Jacobsons Sekretärin kam, der Vertrag lief nur auf zwei Jahre und die würde er durchhalten. Er zog noch am Tag des Vertragsabschlusses ein und ließ Überwachungskameras installieren, welche er von seinem Zimmer aus im Auge behalten konnte. Dann hieß es warten, bis sein Schützling zurück nach Hause kam.

Zwei Wochen später wurde Francis endlich aus dem Krankenhaus entlassen. Er hatte seine Taschen gepackt und wartete darauf, abgeholt zu werden. Es überraschte ihn nicht im Geringsten, als George, der langjährige Chauffeur der Familie, das Zimmer betrat.
"Guten Morgen, Sir"
"George" sagte Francis nur. Er schnappte sich eine kleine Tasche und verließ das Zimmer. Der Chauffeur nahm die große Reisetasche und ging hinter ihm her. Francis' Eltern hatten schon die Entlassungspapiere unterschrieben, so brauchten sie nur das Krankenhaus verlassen und nach Hause fahren.

Im Wagen, ein großer schwarzer Rolls Royce, nahm sich Francis erst einmal eine Cola. Der Weg zum Penthouse seiner Eltern war nicht sehr lang, sodass sie schon nach 10 Minuten in der Tiefgarage standen.
Im Fahrstuhl sagte George: "Sir, Ihr Vater möchte bitte sofort mit Ihnen sprechen, wenn Sie da sind."
/Wenn er mit mir sprechen will, warum hat er mich dann nicht selbst abgeholt?/ Er hatte schon eine Auseinandersetzung mit seinem Vater im Krankenhaus gehabt. Dieser hatte seinem Sohn Vorhaltungen gemacht, warum er nachts allein durch den Park gelaufen war. Francis' Vater war immer darauf bedacht, seinen Sohn aus allen Schwierigkeiten heraus zu halten. Doch nicht etwa, weil er besorgt um ihn war, sondern weil er fürchtete, dass schlechte Schlagzeilen auf seine Firma zurückkommen würden.
Der Fahrstuhl hielt und die Türen öffneten sich mit einem leisen Summen. Sie standen im prunkvollen Wohnzimmer des Penthouses. Francis schnappte sich seine Tasche und ging zu seinen Räumen. George kam hinter ihm her.
"Sir, Ihr Vater wartet."
"Ja, gleich"
Er ging in sein Schlafzimmer und warf die Tasche auf das Bett. Es hatte sich nichts verändert, nur dass das Zimmer sehr aufgeräumt aussah. Jannette, das momentane Hausmädchen der Jacobsons hatte die Möglichkeit genutzt und Francis' Zimmer geputzt.
George, der ebenfalls im Zimmer stand, räusperte sich. Francis drehte sich zu ihm um.
"Ich geh ja schon!"


Fünf Minuten später stand er im Büro seines Vaters. Dieser telefonierte grad mit einem seiner Assistenten. Er blickte zu Francis und gab ihm zu verstehen, er solle sich noch ein wenig gedulden.
Endlich hatte er aufgelegt. Francis Jacobson II sah seinen Sohn an.
"Ich habe lange überlegt, was ich mit dir machen soll. So was darf nicht mehr geschehen! Da du dich strikt weigerst, mir und deiner Mutter zu sagen, was du draußen im Park getrieben hast, sehe ich mich gezwungen, andere Geschütze aufzufahren."
Francis stand noch immer still mitten im Zimmer und musterte seinen Vater mit undurchdringlicher Miene.
Sein Vater fuhr fort: "Also habe ich eine Agentur angerufen und dir einen Bodyguard engagiert. Dieser wird dich überall hin begleiten, Tag und Nacht, und darauf achten, dass so etwas nicht noch einmal geschieht."
Jetzt kam Leben in Francis' Gesicht. Entsetzt sah er seinen Vater an. "Einen Bodyguard? Vater, ich denke, ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen!"
"Nun, mein Sohn, das habe ich auch gedacht, aber dem scheint nicht so zu sein!" Er drückte auf einen Knopf der Sprechanlage und sagte: "Schicken Sie ihn rein!"
"Was soll das, Vater?"

In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein großer, schwarzhaariger Mann mittleren Alters betrat das Zimmer. "Guten Tag, Mr Jacobson"
"Mr Bench, das ist mein Sohn Francis, Ihr Schützling!"

"Guten Tag, Mr Jacobson", sagte Max in ruhigem Tonfall, als er in das Zimmer trat. Die Atmosphäre im Raum war gespannt. Der ältere Jacobson saß hinter seinem Schreibtisch und ihm gegenüber stand ein junger Mann, mit platinblond gefärbten Haaren.
"Mr Bench, das ist mein Sohn Francis, Ihr Schützling!", sagte Jacobson und deutete auf den sichtlich aufgebrachten Jungen. Feine Zornesröte zeigte sich in dessen Gesicht, kaum sichtbar bei der gebräunten Haut.
"Ich brauche keinen gottverdammten Bodyguard!" fauchte Francis, den Mann völlig ignorierend, an seinen Vater gewandt.
Francis Jacobson senior runzelte über die Ausdrucksweise seines Sohnes verärgert die Stirn.
"Du hast gerade zwei Wochen im Krankenhaus verbracht, die beweisen, dass du sehr wohl jemanden brauchst, der auf dich aufpasst.", meinte der alte Mann unerbittlich.
Max beobachtete die Auseinandersetzung teilnahmslos. Der alte Jacobson schien die Anwesenheit des Bodyguards völlig zu ignorieren, während der Junge sich weigerte, ihn zur Kenntnis zu nehmen.

/Das wird was werden./ dachte Max und schüttelte innerlich den Kopf. Ein verwöhnter Bengel war das vielleicht, noch dazu reich und gutaussehend, ziemlich fatale Mischung. Von Daddy bekam er wohl alles in den Hintern geschoben und die Frauen liefen ihm scharenweise nach.
/Zwei Jahre,.../, tröstete sich Max und verfolgte neugierig die Auseinandersetzung seines Schützlings mit dessen Vater. Viel gab es dabei jedoch nicht zu sehen. Der alte Mann hatte seine Entscheidung getroffen und weder das Fluchen noch das Bitten seines Sohnes brachten ihn davon ab. Schließlich drehte sich Francis wütend um und wollte aus dem Raum stürmen. Max öffnete ihm zuvorkommend die Tür. Funkelnde grüne Augen trafen auf ruhige dunkelblaue. Wenn Blicke töten könnten, wäre der Leibwächter vermutlich tausend Tode gestorben, während er die Tür aufhielt. Der Junge stürmte schließlich aus dem Raum und sein dramatischer Abgang wurde nur dadurch gemildert, dass Max die Tür leise hinter ihm schloss, als er seinem neuen Schützling folgte.

Francis war wahnsinnig wütend. Er rannte in seinen Salon, das erschrockene Dienstmädchen ignorierend. Max folgte ihm langsam. Der Junge knallte die Türen hinter sich zu und warf sich auf sein großes rotes Sofa, das sehr bequem aussah. Max betrat den Salon und sah sich um.
"Verschwinden Sie, verdammt noch mal!"
"Ihr Vater hat mich eingestellt damit ich auf Sie aufpasse."
Francis schnaubte verächtlich. "Hier wird mir bestimmt nichts passieren" fauchte er.
Max lächelte. "Bestimmt nicht. Doch ich dachte, wir könnten die Gelegenheit nutzen und uns etwas näher kennen lernen. Da wir doch die nächste Zeit eng miteinander zu tun haben werden."
Francis lachte trocken auf. "Daraus wird nichts. Ich werde bestimmt nicht zulassen, dass Sie mir überall hin folgen und mich wie ein Luchs beobachten!"

Der Leibwächter sah den Jungen an. Dieser erwiderte seinen Blick wütend. Nach einigen Momenten drehte sich Max um und verließ das Zimmer.
Francis griff zum Telefon und rief seinen Freund Damon an.
"Hallo Damon. Ich bin wieder im Lande" ...
"Scheiße geht's mir. Mein Vater hat einen Leibwächter engagiert, der Tag und Nacht Wache an meiner Seite halten soll." ...
"So ein alter Knacker, der sich als Möchtegern - Bodyguard aufspielt. Steht heute Abend was an?" ...
"Party bei Susan? Gut!" ...
"Nee, komm so gegen acht, da können wir noch ein bisschen quatschen und was trinken, bevor wir fahren." ...
"Chris? Er war vor ein paar Tagen im Krankenhaus, hat sich aber seit dem nicht mehr bei mir gemeldet. Er hat wohl einiges zu tun!" ...
"Ja, hol ihn ab und bring ihn mit. Das wird ein lustiger Abend." ...

"Bye" Er legte auf.

Damon und Chris waren Francis' beste Freunde, seit er 7 war. Sie waren durch dick und dünn gegangen, wenn man das heute noch so sagen konnte. Mit ihnen hatte er schon viel erlebt und ausgefressen.
Damon war ein sehr extrovertierter Typ. Seine schwarzen Klamotten und sein düsteres Aussehen schreckten viele ab, doch er ging auf die Menschen zu und laberte sie mit Zitaten aus dem Buch, das er gerade las oder das er schon gelesen hatte, voll. Er war ein Philosoph und provozierte jeden mit ausgefallenen Kommentaren. Lehrer und Psychologen hatten sich schon die Zähne an ihm ausgebissen. Francis staunte immer wieder über Damons Wissen über Philosophie und Literatur. Es wunderte ihn, das er nicht eins dieser beiden Fächer studierte, sondern Wirtschaft und Recht.
Chris war ein Jahr jünger als Damon und Francis. Er war sehr schüchtern und hatte wenig andere Freunde. Wenn er mit Damon und Francis zusammen war, konnte er witzig und wortgewandt sein, doch sobald sie in Gesellschaft waren, zog er sich in sein Schneckenhaus zurück und es war schwer, ihn dort wieder herauszulocken. Sein größtes Hobby war der Computer. Stundenlang konnte er vor dem Ding sitzen und er wusste so gut wie alles darüber. In der Highschool war er in den Schulcomputer eingedrungen und hatte seine, Damons und Francis' Noten geändert. Oder er hatte den Computer einer Bank geknackt und hatte den dreien ein hübsches Sümmchen überwiesen.

Francis lauschte, ob er draußen Stimmen hörte. Alles schien still. Also ging er in sein Schlafzimmer. Unter dem Nachtschränkchen holte er einen Schlüssel hervor und schloss damit eine weitere Tür auf. Dann betrat er sein Arbeitszimmer. Es war sehr klein und spärlich eingerichtet. Nur ein Schreibtisch, ein weiterer Tisch, ein Aktenschrank und ein kleines Sofa befanden sich darin. Er sah sich um. Das Zimmer war so, wie er es verlassen hatte. Etwas anderes hätte Francis auch sehr überrascht, denn nur er hatte einen Schlüssel für dieses Zimmer.
Francis setzte sich an den Schreibtisch und holte ein, in schwarzes Leder gebundenes, dickes Buch heraus, öffnete es, nahm einen Stift und begann zu schreiben.

-14. März 19..

Endlich bin ich aus diesem Krankenhaus raus. Zwei Wochen musste ich in dem sterilen Kasten verbringen. Doch zu Hause wartete schon eine Überraschung auf mich. Mein Vater hat einen Bodyguard für mich engagiert. Zuerst dachte ich, das sei ein Scherz, doch dann sah ich diesen Mann, Bert oder so ähnlich, und mein Vater schien es sehr wohl ernst zu meinen. Was soll der Scheiß? Wenn er sich so große Sorgen um mich macht, warum hat er es dann nicht EINMAL so gezeigt, wie jeder andere normale Vater auch??? Aber er macht sich mehr Sorgen um seine Firma, als um mich. Er will nur wieder nicht, dass irgendwelche Artikel über mich erscheinen, die ihm in irgendeiner Weise schaden könnten.
Meine Mutter führt sich wie eine Löwenmutter auf, verhätschelt und betätschelt mich, als wäre ich noch ein Kleinkind. Mensch, dabei ist doch nichts weiter passiert! Okay, ein paar geprellte Rippen und blaue Flecke. Aber mehr auch nicht! Ich bin 19 und die Frau will jetzt anfangen Mutter zu spielen.
Mir tut eher die Kamera leid. Jetzt muss ich mir eine neue holen. Und die Bilder aus dem Park kann mir auch keiner ersetzen. An dem Abend war wunderbares Licht und ich habe ein paar tolle Fotos geschossen.-


Francis las sich das Geschriebene noch einmal durch und legte dann das Buch wieder in die Schublade zurück. Bis zum Abend war noch viel Zeit.

Max verließ Francis' Räume mit einem beunruhigenden Gefühl. Das würde ganz sicher nicht einfach werden. Dieser Junge war schlimmer, als die sechzehnjährige verwöhnte Gouverneurstochter, die Max vor zwei Jahren für wenige Monate beschützt hatte. Das Mädchen war jedoch in echter Gefahr gewesen. Die einzige Gefahr, die Francis zu drohen schien, war der Rausschmiss vom College für sein häufiges Schwänzen. Doch Daddy würde dies schon mit seinen Spenden zu verhindern wissen.

Max schlich sich leise in Richtung Fahrstuhl. Vorhin hatte er kurz Elisabeth Jacobsons Stimme gehört; wenn er eines vermeiden wollte, dann schon wieder dieser Frau /"Nennen Sie mich doch einfach Liz!"/ zu begegnen. Die Tonlage, mit welcher sie auf einen einredete, verursachte bei Max Kopfschmerzen. Er drückte auf den Knopf des Fahrstuhls und wartete auf die Kabine. Der Bodyguard stieg in den Fahrstuhl. Erleichtert darüber, nicht "Liz" begegnet zu sein, atmete er aus und fuhr ein Stockwerk tiefer zu seinen Räumen. Als er an der Küche vorbeiging nickte ihm Antoine, der Koch, flüchtig zu.

Beim Betreten seines Apartments blickte er als erstes zur Wand gegenüber der Couch. Dort waren mehrere Bildschirme angebracht und zeigten ihm die jetzt überwachten Gänge. Jacobson hatte anfangs viel größere Änderungen geplant. Kameras in sämtlichen Räumen seines Sohnes hatte Max ihm mit ruhigen Begründungen ausreden können. Vom sicherheitstechnischen Standpunkt aus wäre es sicher von Vorteil gewesen, aber die Idee an sich fand Max widerwärtig. Francis sollte beschützt werden, nicht überwacht. Er zoomte die Tür von Francis' Zimmer auf den Hauptschirm und legte sein Jackett ab. Erst einmal würde wohl nichts geschehen, also hatte er Zeit, die letzten zwei Umzugskartons auszupacken. Viel war nicht mehr drin, nur ein paar Kochutensilien aus seiner alten Küche. Das Appartement hier war zum Glück mit allem ausgestattet; er hatte Jack den größten Teil der Einrichtung überlassen, als er aus ihrem gemeinsamen Heim in Washington ausgezogen war.


Max räumte noch eine Weile und warf dabei den Bildschirmen immer wieder einen flüchtigen Blick zu. Das stressigste an dem Job hier würde es vermutlich werden, Francis nicht aus den Augen zu verlieren.
/Wenigstens keine umherfliegenden Kugeln.../ dachte er, setzte sich in einen der Sessel und rückte unbewusst sein Schulterholster zurecht. Dann nahm er sein gestern angefangenes Buch auf und widmete sich dem nächsten Kapitel.

Anekdoten der Autorinnen:
Scarabae: "Ich hab' da eine Idee für eine Geschichte, die ich schreiben will. Können wir die mal zusammen durchsprechen? Und vielleicht über die Namensauswahl reden?"
Stunden vergehen...
Little Witch diskutiert: "Nein, das würde Francis nicht machen!"
Scarabae: "Na, wenn du meinst... Am besten wir schreiben das ganze zusammen. Ansonsten verhunze ich noch die Figur, die du so schön charakterisiert hast."
Little Witch grübelt: "Hast du das geplant?"
Scarabae schaut unschuldig: "Was meinst du?"

02. Teil

Punkt um acht stürmten Chris und Damon in den Salon von Francis. Die Begrüßung war herzlich und laut. Alle lagen sich in den Armen und lachten dabei.
Damon holte aus seinem Rucksack eine Flasche Wein und ein kleines weißes Tütchen hervor. "Hier, damit wir in Stimmung kommen!" Er grinste. Auch Chris und Francis mußten feixen. Er holte Gläser aus einem der Schränke und stellte sie auf den Tisch, sodass Damon die Flasche aufmachen konnte und die Gläser füllte. Chris bastelte nebenbei einen Joint und zündete ihn an. Dann reichte er ihn an Francis weiter.
Als sie alle einen tiefen Zug genommen hatten und sich den neuesten Klatsch und Tratsch erzählten klopfte es plötzlich an der Tür und Elizabeth Jacobson kam herein.
"Hallo Jungs! Kann ich euch was bringen?"
"Mutter, verschwinde!"
"Aber ... ich will doch nur höflich sein!"
"Das bist du sonst auch nicht, also lass es jetzt!"
Liz sah auf die Weinflasche und zu Damon, der den Joint hielt.
"Ich hoffe, ihr macht hier nichts verbotenes."
"Nein Mutter. Und jetzt geh!"
Ein wenig enttäuscht verliess Liz wieder das Zimmer.


"Was ist denn mit deiner Mutter los?" fragte Chris, nachdem die Tür geschlossen war.
"Ich weiß nicht. Seit ich im Krankenhaus war führt sie sich auf, als wäre ich ein Kleinkind. Ständig scharwenzelt sie in meiner Nähe rum und will irgendwas für mich tun."
"Na, das klingt doch nett. Vielleicht sollte ich mich auch mal zusammenschlagen lassen, dann kümmert sie sich etwas mehr um mich!" In Damons Gesicht lag ein gieriger Ausdruck.
Francis sah ihn angewidert an und bewarf ihn mit einem Sofakissen.
"Hey, trotz allem ist sie noch meine Mutter!"
"Na und? Sie macht mich eben scharf!"
Chris lachte laut auf. "Also, deine sexuelle Gesinnung versteh ich einfach nicht."
"Was gibt's denn da zu verstehen? Ich probier mich halt aus!" Damon grinste diabolisch.
Francis konnte nur noch lachen. Das Marihuana tat seine Wirkung.

Gegen halb elf machten sich die drei auf zur Party. Doch kaum waren sie am Fahrstuhl angelangt tauchte Mr Bench auf. "Wohin wollt ihr denn noch?"
"Das geht Sie einen Scheißdreck an!" fauchte Francis gereizt, dem schon die bloße Anwesenheit dieses Mannes störte.
"Sir, ich habe es Ihnen heute schonmal gesagt: Ihr Vater hat mich eingestellt, ich soll Sie beschützen. Tag und Nacht. Und ich beabsichtige, meinen Job zu machen!"
Francis hatte schon einen Spruch auf den Lippen, doch in diesem Moment kam seine Mutter dazu.
"Ah, Mr Bench. Begleiten Sie meinen Sohn mit zu dieser Party?"
/Woher weiß sie von der Party?/

Doch bevor Francis sie das fragen konnte, sagte Liz: "Bei euch jungen Leuten findet doch immer irgendwo eine Party statt, nicht wahr?" Liebevoll strich sie ihrem Sohn über das Haar.
Francis schlug hart ihre Hand weg.
Damon jedoch lächelte sie an und leckte sich über die Lippen.
"Nun, Mrs Jacobson, schon Sokrates sagte einmal: Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. "
Liz lächelte ihn an, doch man sah in ihrem Blick, dass sie ihn nicht verstand.

Max war diesem Dialog gefolgt. Er war froh, dass sich Lizs Aufmerksamkeit auf ihren Sohn legte und nicht auf ihn. Doch jetzt musste er sich bemerkbar machen.
"Ja, Mrs Jacobson, ich werde Ihren Sohn begleiten!"
Wütend sah ihn Francis an. "Unterstehen Sie sich!" sagte er leise, aber böswillig. "Ich werde das nicht zulassen!"
"Aber Schatz, Mr Bench ist zu deinem Schutz da."
"Ich brauche keinen Aufpasser, Mutter. Das habe ich Vater auch schon gesagt. Mr Bert kann gleich wieder abreisen. Er wird hier nichts zu tun haben!"
"Bench, Liebling! Er heisst Mr. Bench. Aber versteh doch, dein Vater und ich machen uns Sorgen um dich. Willst du noch einmal überfallen werden?"
"Vater macht sich Sorgen um mich? Das wäre mir neu. Er kümmert sich doch nur um seine Firma und lässt uns hier allein rumsitzen."
"Aber Francis-Schatz. Er arbeitet doch nur so hart, weil er deine Zukunft sichern will. Du wirst schließlich einmal die Firma deines Vaters übernehmen. Und du sollst es nicht so schwer haben."
Francis lachte hart auf und stieg dann in den Fahrstuhl, der inzwischen oben angekommen war und die Türen geöffnet hatte. Damon und Chris folgten ihm. Als die Türen sich wieder schlossen grinste Francis böse zu seiner Mutter.
"Gute Nacht, Mutter. Warte nicht auf mich." Damit war er verschwunden.


Fassungslos stand Liz vor den geschlossenen Türen des Fahrstuhls.
"Mrs Jacobson, machen Sie sich keine Sorgen, ich werde ihnen folgen. "
Dankbar lächelte sie ihn an und legte vertraulich ihre Hand auf Max' Arm. Er schüttelte sie sanft aber bestimmt ab und ging.

Er nahm den Fahrstuhl, der in die Küche des Penthouses führte und den die Angestellten meistens benutzten, und fuhr hinunter in die Tiefgarage. Er hörte die drei Jungs lachen. Sie stiegen in ein schwarzes BMW Cabrio und brausten los. Max sprang in den dunklen Mercedes, den er von Mr Jacobson zur Verfügung gestellt bekommen hatte und fuhr ebenfalls zum Ausgang. Den Pförtner fragte er, in welche Richtung die Jungs gefahren waren und fuhr ihnen dann hinterher. An der nächsten Kreuzung sah er auch schon das Auto, das mit offenem Verdeck und lauter Musik an der roten Ampel stand.

Francis, Damon und Chris kamen gut gelaunt in Susans Haus an. Sie hatten während der ganzen Fahrt nicht bemerkt, dass ihnen ein dunkler Mercedes gefolgt war, der sich jetzt etwas abseits hinstellte. Max beobachtete, wie die drei das hell erleuchtete Haus betraten.

Mit großem Hallo wurde Francis von seinen Freunden begrüßt. Die Mädchen umarmten ihn, die Jungs schlugen ihm auf den Rücken. Chris drückte ihm ein Bier in die Hand und setzte sich auf das Sofa. Dies würde sein Platz für die nächsten Stunden sein.
Francis und Damon warfen sich dagegen sofort ins Getümmel. Sie lachten und tanzten ausgelassen, der Alkohol floss in Strömen und sie hatten viel Spaß. Immer wieder mußte Francis von dem Überfall erzählen. Die Mädchen himmelten ihn an, Francis war das schon gewohnt. Doch er bemerkte ein neues Gesicht in der Menge.

Das Mädchen war höchstens 16 und sehr schön. Sie hatte langes blondes Haar, das ihr weich über die Schultern fiel. Ihre blauen Augen strahlten. Ihre schlanke Figur war sehr gut proportioniert und das raffinierte rote Kleid, das sie trug, umschmeichelte ihre Kurven.
"Wer ist das?" fragte er seinen Freund, der neben ihm stand und zeigte auf das Mädchen.
"Die? Michelle heißt sie. Ist wohl eine Freundin von Susan."
"Sie ist niedlich!"
Er lächelte zu Michelle, die das Lächeln erwiderte. Francis erhob sich und schlenderte auf das Mädchen zu.
"Hallo, ich bin Francis" begrüßte er sie lächelnd.

"Hallo" antwortete sie schüchtern. Sie schien sich etwas unwohl zu fühlen, doch Francis wußte, wie er damit umzugehen hatte. Er kam einen Schritt näher und sah ihr tief in die Augen.
"Woher kommst du? Ich hab dich hier noch nie gesehen."
"Ich komme aus Boston. Ich bin eine Freundin von Susan."
"Aus Boston? Das ist eine sehr schöne Stadt. Ich bin dort öfters im Herbst."
Sie lächelte.
"Du hast ein wunderschönes Lächeln."
Francis beugte sich über das Mädchen, um ihr diese Worte ins Ohr zu flüstern. Sie errötete und sah ihn an.
"Wirklich! Ich habe selten so ein süßes Lächeln gesehen."
"Danke" erwiderte die Kleine schüchtern.
"Wollen wir woanders hingehen, wo es nicht so laut ist."
Francis sah sich um, als suche er etwas. Dabei schätzte er nur den kürzesten Weg in ein leeres Zimmer ab.
"Da können wir uns besser unterhalten."
"Klar."
Also legte Francis einen Arm um ihre Schulter und führte sie aus dem Zimmer hinaus. Sie verließen das Haus und liefen um den Pool. Francis kannte sich aus und steuerte direkt auf das Poolhaus zu.
Drinnen war es still und dunkel. Francis machte das Licht an und eine gemütliche Sitzecke wurde sichtbar.
"Setzen wir uns da hin." sagte er und führte sie zum Sofa.
Mit ein paar geschickten Worten verwickelte er sie in ein seichtes Gespräch und schon nach wenigen Minuten lag sie in seinen Armen und küsste ihn leidenschaftlich. Francis grinste innerlich. Er hatte es nicht anders erwartet.


Drinnen saß Damon mit Susan in der Küche und unterhielt sich mit ihr. Er war nicht mehr so gut drauf. Die Wirkung des Rauschgiftes hatte nachgelassen und er dachte gelegentlich noch an Francis' Mutter, die ihn so erregte. Diese Gelüste wollte er irgendwie ausleben. In diesem Moment betrat ein junger Mann Anfang 20 die Küche und küsste Susan auf die Wange.
"Hallo Schwesterherz" begrüßte er das Mädchen. "Sind unsere Eltern mal wieder nicht da?"
Sie lachte auf. "Wie du siehst, nicht. Pascal, das ist Damon, ein alter Freund aus der Highschool."
Die beiden Jungs gaben sich die Hände.
Damon war fasziniert. Pascal war sehr interessant. Sein blondes Haar trug er schulterlang und hatte es zu einem Zopf im Nacken zusammengebunden. Seine Gesichtszüge waren sehr männlich und sein Körper durchtrainiert. Auch Pascal musterte ihn gründlich und lächelte ihn an. Der One - night - Stand stand beiden förmlich auf die Stirn geschrieben.

Gegen drei Uhr verließen die Jungs die Party. Damon sah sehr zufrieden aus. In seiner Hand hielt er den Zettel mit Pascals Nummer. Der Sex war gut gewesen, kurz, aber sehr erregend. Chris hatte ein wenig zu viel Bier getrunken und wankte zwischen Damon und Francis hin und her. Damon verfrachtete ihn ins Auto, während Francis es sich mit Michelle auf dem Rücksitz bequem machte. Die Kleine kicherte unaufhörlich und konnte gar nicht die Finger von Francis lassen. Nun, heute Nacht würde sie schon merken, worauf sie sich da eingelassen hatte.

Damon setzte Francis zu Hause ab und fuhr gleich weiter, um auch Chris nach Hause zu bringen.

Francis führte Michelle ins Haus und in den Fahrstuhl. Er steckte den Schlüssel in ein Schloß über der Tastatur und drückte den Knopf für das Penthouse. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und Francis wandte sich wieder dem Mädchen zu. Er küsste sie.
Sie lachte auf und fragte: "Wohin bringst du mich?"
"In mein Bett!"
Michelle kicherte. Man konnte nicht einschätzen, ob sie wußte, was mit ihr passierte. Sie hatte im Laufe des Abends sehr viel getrunken. Doch Francis gefiel ihr und sie wollte ihn nicht mehr loslassen.
Oben angekommen führte er das Mädchen wie versprochen in sein Schlafzimmer. Er schloß die Tür hinter sich und setzte sich zu ihr aufs Bett. Wieder küssten sie sich. Er brachte sie dazu, sich hinzulegen und streichelte ihr über den Oberkörper.
Nach einer Stunde schlief Michelle fest. Ihre Jungfräulichkeit, vor der sie Francis noch gewarnt hatte, war nicht mehr existent und er war zufrieden. Er betrachtete sie noch eine Weile. Morgen würde er sie wieder zu Susan bringen, ihr versprechen, sie anzurufen und sie schnell wieder vergessen. Für ihn war sie nur die nächste Eroberung in seiner Liste gewesen.


Max war den Jungen gefolgt und hatte die nächsten paar Stunden gelangweilt im Auto verbracht. Er war nicht überrascht gewesen, als Francis mit einem Mädchen zurückfuhr. Über die häufigen Eskapaden des Jungen hatte ihm George schon berichtet.

Er wartete bis Damons Auto die Tiefgarage verließ und parkte erst einige Minuten danach, um Francis die Möglichkeit zu geben, mit dem Mädchen nach oben zu verschwinden. Der Rest der Nacht verlief ruhig und der Bewegungssensor vor Francis Tür rührte sich nicht. Max erwachte vor seinem Schützling und seiner Eroberung, als Jeanette, das Dienstmädchen, durch den Korridor vor Francis Zimmer ging. Max zuckte erschrocken aus dem Schlaf hoch, als das piepsende Geräusch erklang. Er ging duschen und frühstücken, doch noch immer rührte sich nichts.
/Langschläfer...,/ dachte Max schmunzelnd und widmete sich wieder seinem Buch.

Gegen halb drei wachte Francis auf. Das Bett neben ihm war leer. Alarmiert sah er sich um.
/Wo ist Michelle?/
Da entdeckte er sie an der Tür zu seinem Arbeitszimmer.
"Was tust du da?" fragte er verärgert.
Erschrocken sah Michelle ihn an. Dann lächelte sie.
"Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?"
"Ich habe gefragt, was du da machst!"
Verwirrt blickte das Mädchen zu ihm. Warum war er nur so verärgert?
"Ich ... ich suche das Bad." stammelte sie dann endlich.
Francis atmete tief ein und aus. Dann sagte er, milder gestimmt: "Das ist die Tür daneben."
"Danke"

/Weiber! Wieso mußte ich sie auch mit hier her bringen???/
Michelle ging ins Bad und er stand auf.
Er verließ sein Zimmer, um dem Zimmermädchen zu sagen, das er frühstücken wollte. Natürlich war die Frau nirgends zu finden. Dafür lief ihm George über den Weg.
"Wo ist Sarah?"
"Sarah, Sir? Sie ist bereits seit zwei Monaten nicht mehr bei uns."
"Na, dann eben die Neue! Ich will Frühstück!"
"Ich werde es dem Koch sagen. Haben Sie irgendwelche speziellen Wünsche?"
"Was deftiges. Keine Pfannkuchen oder so."
"Wie Sie wünschen, Sir." Damit ging George in Richtung Fahrstuhl und Francis wieder in sein Zimmer.
Als er an dem Anrufbeantworter vorbei ging, sah er, dass das Ding blinkte. Er drückte auf den Knopf.
"Sie haben zwei Nachrichten"
Das erste war Susan, die sich nach ihrer Freundin erkundigte.
Das zweite war Damon. Er wolle ihn in ihrem Stammcafé treffen. Also griff Francis zum Telefon und rief ihn an. Sie machten sich eine Zeit aus. Im gleichen Moment, in dem er aufgelegt hatte, kam Michelle aus dem Bad, umwickelt mit einem Handtuch und nassen Haaren.
"Wer war das?"
"Das brauch dich nicht interessieren. Hier," er warf ihr das Telefon zu. "Ruf Susan an und sag ihr, das ich dich nachher nach Hause bringe!"
"Nach Hause? Ich dachte, wir verbringen einen gemütlichen Tag miteinander."
Genervt sah Francis das Mädchen an. "Ich habe keine Zeit." Damit verschwand er im Bad und stellte sich unter die Dusche.


Das Mädchen begann zu nerven, kaum das sie mit Susan telefoniert hatte. Sie setzte sich zu ihm an den Frühstückstisch und redete ununterbrochen auf ihn ein. Nach dem ersten Satz schaltete Francis ab und beschäftigte sich innerlich mit seiner Tagesplanung. Gelegentlich schnappte er etwas von wegen "...etwas zusammen unternehmen..." und "... liebe dich doch..." auf. Es war immer das gleiche mit den Weibern!

Der Junge frühstückte mit seiner Eroberung. Das Mädchen sah ganz nett aus, auf ihre nervöse Art. Sie schien nicht ganz zu wissen, was sie tun sollte, ihre Augen huschten immer wieder zaghaft zu Francis, welcher sie jedoch rundweg ignorierte. Max seufzte auf und setzte sich an den Tresen seiner Küche und nahm einen Schluck Tee. Nach allem, was der Bodyguard von den Erzählungen des Personals über Francis Liebschaften wußte, würde Francis sie wohl schnell abservieren.

Nachdem die Schnecke endlich aufgehört hatte zu labern, versuchte Francis sie zu beruhigen.
"Natürlich, ich rufe dich morgen an. Heute habe ich leider keine Zeit."
So abgespeist war es leicht, sie zum Gehen zu bewegen. Als sie beim Fahrstuhl ankamen stand dieser seltsame Vogel, den sein Vater ihm aufgedrängt hatte, schon da.
"Sie verlassen die Wohnung?"
"Ja, was dagegen?"
"Nein, wenn Sie nichts dagegen haben, dass ich Sie begleite!"
Francis sah den Leibwächter mit gemischten Gefühlen an. Er schien zu überlegen und die Vor- und Nachteile abzuwiegen.
"Tun Sie, was Sie nicht lassen können!"
Damit ging er in den Fahrstuhl, gefolgt von Michelle. /So bin ich wenigstens nicht allein mit dieser nervenden Ziege! Und so kann ich sie schneller abwimmeln!/
Michelle besah sich Max. Sie konnte sich nicht vorstellen, was dieser alte Mann hier bei ihr und Francis zu suchen hatte. /Er vermasselt mir noch alles! Wenn er dabei ist, bekomme ich Francy nie dazu, noch mit bei Susan zu bleiben!/ Doch der Typ schien sich nicht abschütteln zu lassen.

Max bemerkte den grimmigen Blick, welchen ihm Francis' Mädchen zuwarf, als er mit in den Fahrstuhl stieg und bemühte sich um eine nichtssagende Miene. Das letzte, was er wollte, war, sich in Francis' Leben einzumischen. Er mußte nur dafür sorgen, dass der Junge bis zu seiner Volljährigkeit überlebte. Warum das Milliardärssöhnchen jetzt aber auf einmal einlenkte war ihm ein Rätsel. Der Grund für das versöhnliche Verhalten wurde ihm jedoch klarer, als sie in die Tiefgarage fuhren. Das Mädchen redete wie ein Wasserfall und drängte Francis, heute abend mit ihr ins Kino zu gehen.


"Ich würde ja gern mit dir hingehen, aber meine Freundin hätte, glaube ich, was dagegen, wenn ich weiter mit dir ausgehe."

Max blinzelte verblüfft, als er den Inhalt von Francis' Satz realisierte. Schweigen breitete sich im Fahrstuhl aus. Die Gesichtsfarbe des Mädchens wechselte von knallrot zu leichenblaß und dann wieder zu knallrot, bevor sie einen cholerischen Anfall bekam.
"Deine Freundin!? DEINE FREUNDIN?!" Max zuckte zusammen, sie hatte ein ganz schönes Organ, wenn sie in Fahrt war. Er wünschte sich zum ersten Mal, diesen Job nicht angenommen zu haben.

Francis sah belustigt zu Max, der ihn entsetzt ansah und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Max hatte sich inzwischen gefangen und warf dem Jungen einen geringschätzigen Blick zu. Francis Grinsen wurde breiter.
"Beruhige dich, Süße." Tätschelnd glitt seine Hand über ihren Hintern.
Endlich in der Tiefgarage angekommen, steuerte Max seinen Mercedes an. Francis entschied sich, ohne zu murren in das Auto zu steigen und den Bodyguard fahren zu lassen.
"Ich wette, Sie sind uns gestern abend gefolgt. Dann wissen Sie ja, wohin die Fahrt jetzt geht."
Max startete den Motor und sie fuhren aus der Tiefgarage.
Die Fahrt verlief still. Auf dem Rücksitz hörte man Michelle glucksen. Sie versuchte krampfhaft zu vertuschen, das sie weinte. Francis konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Max sah nur stur geradeaus und fuhr auf direktem Weg zu Susans Haus. Als sie ankamen stiegen Michelle und Francis aus. Er umarmte sie hart und küsste sie. Sie versuchte sich zu wehren, doch Francis hielt sie fest. Endlich konnte sie sich losreißen und lief weinend und schreiend in das Haus. Zufrieden stieg der Junge wieder in den Wagen.
"Und nun bitte zum Russian Tearoom."

Die Ohrfeige traf Francis unerwartet; sein Kopf flog gegen die Nackenlehne und er sah den älteren Mann mit einer Mischung aus Verblüffung und Nicht-Glauben-Wollen an.
"Du bist ein verwöhntes Balg!" sagte Max, da er schon einmal seine Grenzen überschritten hatte, brauchte er auch nicht mehr auf Förmlichkeiten beharren.
Francis starrte ihn noch immer fassungslos an und hielt die Hand an seine rot werdende Wange.

"Dafür wird Sie mein Vater feuern!" fauchte er schließlich.
Max zuckte gleichmütig mit den Schultern. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Denn wenn du mich anschwärzt mußt du wohl auch den Grund für mein Verhalten nennen und den wirst du deinem Vater wohl kaum mitteilen wollen, oder?"

"Warum nicht?" Francis' Sicherheit war wieder zu ihm zurück gekehrt. "Woher, denken Sie, habe ich dieses Verhalten?"
"Du hast diesem Mädchen das Herz gebrochen! Was wolltest du damit erreichen?"
"Was geht mich fremdes Leid an? Soll sie selbst damit klarkommen!"
Wütend erwiderte er die kalten Blicke des Jungen.
"Hat dir eigentlich niemand Manieren beigebracht? Oder erklärt, das andere Menschen auch Gefühle haben?"
Francis' Augen verengten sich zu Schlitzen!
"Du mieser kleiner ... Angestellter! Ich werde dafür sorgen, das mein Vater dich achtkantig rausschmeißt!"
Er warf Max noch einen wütenden Blick zu und stieg aus dem Wagen. Das nächste Taxi, das an ihm vorbeifuhr, hielt er an und brauste damit weg.

Max starrte dem fortfahrenden Taxi hinterher und seine Hände hielten das Lenkrad krampfhaft umklammert. Erst als es aus der Sichtweite verschwunden war, gab er dem aufsteigenden Lachkrampf nach.
"Angestellter?" brachte er unter Tränen hervor und krümmte sich in dem Wagen. "Angestellter..."
Die Passanten sahen verwirrt auf den hysterischen Mann in dem schwarzen Wagen, aber dies hier war New York und da war alles möglich. Nach ein paar Minuten hatte sich der Bodyguard beruhigt und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Praktisch, dass Francis ihm gesagt hatte, wohin er wollte. Er startete den Wagen und fuhr los.

In Susans Haus war derweil das Chaos ausgebrochen. Michelle war weinend in Susans Arme gestürzt. Unter Tränen hatte sie ihrer Freundin von Francis' Auftritt berichtet.

"Er sagte, er liebe mich! Er wollte mir schreiben und mich in den Semesterferien besuchen!"
Susan, die Francis' Eskapaden schon zur Genüge kannte, versuchte, ihre Freundin zu beruhigen. Doch diese steigerte sich immer tiefer in ihren Schmerz. Erst nach Stunden schien sie sich soweit beruhigt zu haben, dass man sie allein lassen konnte. Susan kochte ihr einen Tee und wartete an ihrem Bett, bis Michelle eingeschlafen war. Dann setzte sie sich erschöpft in das Wohnzimmer.

Sie mußte wohl eine Weile eingedöst sein, denn das nächste, was sie wahrnahm, war ein dumpfes Geräusch aus dem Obergeschoss. Beunruhigt eilte sie nach oben und sah nach Michelle, das Mädchen war nicht mehr in ihrem Bett. Susan fand sie im Badezimmer, auf dem Boden liegend, in ihrer regungslosen Hand lag eine leere Packung Schlaftabletten.

Anekdoten der Autorinnen:
Little Witch beim Lesen von Scarabaes Absätzen.
Little Witch: *räusper*
*hüstel*
*seufz*
*mit den Augen roll*
Scarabae genervt: "Kommt da irgendwo ein Komma hin?"
Little Witch nickt.
Scarabae: "Da?"
Little Witch schüttelt den Kopf.
Scarabae: "Hier?"
Little Witch nickt erneut.
Scarabae murmelt: "Versteh ich nicht..."

03. Teil

Francis kochte; er konnte es einfach nicht fassen, dass er jetzt hier in diesem Flugzeug saß und auf dem Weg nach London war. Max saß ihm gegenüber auf einem Sessel und las eine Zeitung der Yellow Press. Auf der Titelseite war Francis' Foto abgebildet und ein reißerischer Titel stand daneben.
Mit dieser Zeitung war Francis' Vater am Tag zuvor schreiend in sein Zimmer gestürmt und hatte ihn angebrüllt. Francis hatte nicht gewusst, wovon sein Vater sprach, doch als er endlich die Zeitung zu fassen bekam, schwante ihm, was geschehen war. Die Titelstory hieß: "Milliardärssohn trieb junges Mädchen in Selbstmord!" Er hatte den Artikel überflogen, der hauptsächlich Müll enthielt, doch einwandfrei seinen und Michelles Namen erwähnte und das sie im Krankenhaus lag, nachdem sie mit Schlaftabletten versucht hatte, sich umzubringen. Ihre Eltern hatten Alarm geschlagen und alles war sehr schnell an die Presse gelangt.
Sein Vater hatte daraufhin am College erreicht, das Francis das Semester aussetzen konnte und hatte ihn mit Max in den Privatjet der Familie gesetzt und nach London geschickt. Dort solle er bleiben, bis Gras über die Sache gewachsen war.

Die Zeitung war reißerisch und viel zu bunt für Max' Geschmack, aber Francis' Gesichtsausdruck nach zu urteilen, erfüllte sie ihren Zweck. Wenn die Sache nicht so verdammt ernst gewesen wäre, hätte er darüber gelacht. Aber so hielt er ihm den Artikel nur wie eine Anklage entgegen. Vielleicht würde Francis Jacobson II. die ganze Tragödie unter den Teppich kehren können, aber zumindest Max würde nicht zulassen, dass Francis vergessen konnte. In einem unbeobachteten Moment lugte er über den Zeitungsrand und sah den Jungen an, suchte nach einem Zeichen von Bedauern. War es ihm wirklich egal oder war ihm nur einfach nicht klar, was er angerichtet hatte? Francis grüne Augen kreuzten seinen Blick mit einem Mal funkelnd.
"Zufrieden?" brachte der Junge wütend hervor, Max runzelte die Stirn.

"Wieso sollte ich zufrieden sein? Ich hab mir gewiss nicht gewünscht, dass Michelle etwas passiert."
Zu Max' Erstaunen wirkte Francis kurz verunsichert, als er den Namen des Mädchens erwähnte.
"Oder meinst du, zufrieden damit, dass ich mich jetzt über ein halbes Jahr alleine mit dir rumschlagen muss?"

Francis antwortete ihm nicht. Er versteckte sich hinter einem Buch, das er zu lesen vorgab. Doch er konnte die Buchstaben nur anstarren, seine Gedanken waren weit weg. Er war wütend und doch schlich sich ein anderes Gefühl bei ihm ein. Er dachte an Michelle und Max' Worte klangen noch in seinen Ohren.
/Was kann ich dafür, dass diese Ziege so überreagiert? Ich habe mir nichts zuzuschreiben!/
Doch plötzlich fühlte er Max' Hand wieder auf seiner Wange und seinen anklagenden Blick.

/Was regt er sich so auf? Er kennt sie doch gar nicht! Doch er benimmt sich, als hätte ich die Kleine umgebracht. Dabei lebt sie doch noch. Ist doch nichts weiter passiert./ Er sah zu Max, der noch immer die Zeitung las und sah wieder sein Bild auf der Titelseite. Weiter unten war ein kleineres Bild von Michelle abgebildet, wie sie von Sanitätern auf einer Trage in den Krankenwagen geschoben wurde.


Francis starrte unstet in sein Buch und rutschte auf seinem Sitz hin und her. Max warf ihm gelegentlich fragende Blicke zu, welche der Junge jedoch nicht bemerkte. Konnte es sein, dass er tatsächlich nachdachte? Francis' Blick fand immer wieder das Fenster, durch welches er die Wolken unter ihnen anstarrte. Schließlich räusperte sich Max und legte die Zeitung weg.
"Möchtest du irgendwas bestimmtes in London machen?" fragte er betont sanft, fast als spräche er mit einem kleinen Kind.
Francis sah misstrauisch zu ihm.
"Ich war noch nie da." sagte er schließlich zögerlich.

Max hingegen schien London sehr gut zu kennen, stellte Francis verblüfft fest, als sie zu ihrem Appartement gefahren wurden. Der Leibwächter ließ eine Fülle von Informationen auf ihn einrieseln, fast wie ein Stadtführer.

Francis war in dem Zimmer, das er sich ausgesucht hatte und packte aus. Das Appartement war altmodisch ausgestattet, mit vielen Antiquitäten, die sehr geschmackvoll arrangiert waren. Der Junge konnte das Gefühl des Wohlfühlens nicht ignorieren, das sich in ihm breit machte. Es war hier viel angenehmer, als in dem überladenen Penthouse seiner Eltern in New York. Gerade, als er seine Fotoutensilien in den Schrank räumte betrat Max das Zimmer.

"Na, richtest du dich häuslich ein?"
Francis bedachte ihn nur mit einem wütenden Blick. Er wollte dem Älteren nichts zugestehen und seine abweisende Haltung ihm gegenüber beibehalten. Doch Max schien gute Laune zu haben. Er sah sich im Zimmer um und bemerkte die teure Kamera auf dem Tisch. Sie sah sehr professionell aus. Wieso hatte Francis so eine Kamera? Interessierte er sich für Fotografie?
Francis bemerkte den Blick des Bodyguards. "Was ist?"
"Nichts! Interessierst du dich für Fotografie?"
"Ja, wieso?"
"Nur so."
Der Ältere schien Francis' Abneigung ihm gegenüber zu spüren, also verließ er das Zimmer.

Er ging in die Küche, um sich ein Sandwich zu machen. Die Küche war, im Gegensatz zum restlichen Appartement, auf dem neuesten Stand.

Die Schränke waren wohl gefüllt und nach dem langen Flug knurrte sein Magen. Ein Sandwich wäre zwar ganz nett, aber etwas Richtiges zu essen wäre bestimmt auch nicht schlecht. Francis hatte sicher ebenfalls Hunger. Max machte sich an die Arbeit. Eine Viertelstunde später standen zwei Omeletts mit Champignons und Schinken auf dem Tisch. Der Duft zog durch die Wohnung und lockte Francis aus seinem Zimmer.
An der Küchentür blieb der Junge stehen und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Rahmen. "Kann ich was abhaben?"
Max zog seine linke Augenbraue nach oben und lächelte spöttisch. "Nein, ich koche immer zwei Portionen für mich alleine."

Francis konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er setzte sich an den Tisch und Max stellte ihm einen Teller vor die Nase. Schweigend aßen sie.
Endlich brach der Junge die Stille: "Das schmeckt gut. Wo haben Sie kochen gelernt?"
"Nun, ob du es glaubst, oder nicht, bei meiner Mutter."
Überrascht sah Francis den Bodyguard an. "Bei Ihrer Mutter?"
Max lächelte. "Ja. Sie hat es mir beigebracht, als ich nach Amerika gehen wollte. Sie war der festen Überzeugung, dass ich mich in den USA nur von Fast Food ernähren würde und dem wollte sie vorbeugen. Also schleppte sie mich jeden Tag in ihre Küche."

"Sie kommen nicht aus Amerika?"
"Nein, aus England. Ich bin in Birmingham geboren, aber hier in London aufgewachsen."
/Daher weiß er also soviel über die Stadt./ Francis aß weiter. Er wollte Max noch etwas fragen, doch er ließ es sein. Der Bodyguard sollte nicht meinen, Francis könne ihn plötzlich leiden.
Als sie fertig waren, ging Francis wieder in sein Zimmer. Dort holte er sein Tagebuch aus dem Nachtschränkchen und setzte sich damit an den Schreibtisch.

-17. März. 19..
London! Ich könnte schreien. Was soll ich hier??? Mein Vater, der Alles-besser-Wisser, hat mich mit diesem Leibwächter hierher geschickt, nur weil Klein-Michelle nicht verstanden hat, dass ich sie nicht mag. Wie kann man auf so 'ne blöde Idee kommen und sich umbringen wollen? Dieses Weib ist echt zu weit gegangen. Susan musste mich natürlich aus dem Krankenhaus anrufen und mir brühwarm unter die Nase reiben, wie es Michelle geht. Damon konnte nur darüber lachen.
"So ein Spaß!" hatte er gerufen.
Irgendwie ... na ja ... Spaß? Witzig war es im ersten Moment schon, aber jetzt. Dieser Bench behandelt mich, als hätte ich den Weltuntergang herbeigeführt. Ich hätte keine Manieren ... Was soll der ganze Unsinn. Ich wette, der hält mir solange irgendwelche Vorträge, bis ich reumütig vor ihm auf die Knie gehe und das Unrecht eingestehe, das ich verbrochen habe ...

Ich mein, okay, ich bin vielleicht daran schuld, dass die Kleine sich das Leben nehmen wollte. Aber was geht mich fremdes Leid an?-


Francis las sich das Geschriebene noch einmal durch. Irgendwie stimmte hier was nicht! Seit wann machte er sich solche Gedanken? Er hatte keine Schuld! Die Kleine war Schuld! Er hatte sie nur gevögelt! /Ja, ich hab ihr gesagt, das ich sie liebe, aber wer hätte denn gedacht, das sie das ernst nimmt? Das war doch nur so daher gesagt!/ Er nahm seinen Stift und schrieb dahinter: "Oder?" Wütend klappte er das Buch zu. Er konnte, wollte nicht darüber nachdenken. Er hatte andere Probleme!

Schnell ließ er sein Tagebuch verschwinden. Dann setzte er sich an das Fenster und rauchte eine Zigarette, während er hinaus sah. Vor dem Haus war ein wunderschöner Park. Kinder spielten im Gras. Mütter saßen auf den Bänken und unterhielten sich, ein Pärchen lag im Schatten eines Baumes. Idylle pur. Plötzlich sprang er auf und griff zu seiner Kamera. Er knipste einige Bilder, bis ihm bewusst wurde, was er da tat. Ein wütender Schrei entfuhr ihm.
"Was zum Teufel soll das??? Werde endlich wieder normal!!!" Kleine Kinder und Mütter zu fotografieren war nun wirklich nicht sein Stil.

Francis schlief. Vermutlich war es ein Fehler gewesen mittags ins Bett zu gehen, denn gegen neun Uhr abends wachte er wieder auf. Putzmunter. Unruhig wälzte er sich eine Weile im Bett hin und her und beschloss schließlich, etwas essen zu gehen. Vielleicht waren noch Reste da.

Auf dem Weg zur Küche verlief er sich, irgendwie war er in Gedanken noch im Penthouse gewesen und so in die falsche Richtung gegangen. Er landete vor Max Tür. Zu seinem Erstaunen brannte dort noch Licht.

"... ich weiß noch nicht, ob ich dazu komme." erklang die Stimme des Bodyguards.
"Natürlich will ich zuhause vorbeischauen, aber ich muss mir erst überlegen, was ich derweil mit dem Jungen mache."
Er telefonierte wohl, folgerte Francis. Mit wem wohl? Seiner Freundin vielleicht? Plötzlich erklang ein tiefes Lachen.
"Ihn mitnehmen? Du machst Witze!"
"Na gut, damit hast du recht. Schwesterherz lässt sich von niemandem was sagen, auch nicht von einem verzogenem Bübchen wie ihm."
"Klar grüß ich sie von dir. ... Ja, alle beide. ... Ja, ich gebe der Kleinen einen Kuss von dir. Du weißt aber, dass "die Kleine" mittlerweile 17 Jahre alt ist?"
Wieder dieses Lachen und dann mit einem Mal ganz ernst.

"Thanks Giving? Ich weiß noch nicht... wenn ich noch in England bin sicher zu Hause, ansonsten... Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre, Jack."
"Keine Ahnung, aber es ist was anderes mit dir am Telefon zu reden, als mit dir Thanks Giving zu feiern." Max klang plötzlich aufgewühlt und sehr laut.
"Nein, tut mir leid. Ich hätte nicht laut werden sollen. Ich geh jetzt schlafen."
"Ja, ich dich auch."

Als Francis hörte, wie Max auflegte, schlich er sich von der Tür weg und ging in die Küche. Er machte sich ein Sandwich und ging wieder in sein Zimmer, in Gedanken immer bei dem eben gehörten Gespräch. Was sollte er davon halten? War sein Leibwächter etwa schwul? Oder hatte er nur mit einem Verwandten oder so telefoniert? Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. /Wie könnte man die Tatsache, das Max schwul ist, gegen ihn und zu meinem Vorteil nutzen? Ich könnte es Vater erzählen. Er würde ihn achtkantig rausschmeißen!/
Ein fast böswilliges Lächeln erschien auf seinen Lippen. Er wollte schon zum Telefon greifen, als er inne hielt. /Ich könnte ihn allerdings auch ein wenig erpressen. Er will sicherlich nicht, dass es jemand erfährt./
Ein Lachen entfuhr seiner Kehle.
/Nun, mal sehen, wie er sich benimmt .../


Max legte auf und starrte dann eine Weile auf den Hörer. Warum hatte er das jetzt gesagt? Aus Gewohnheit? Und warum hatte er Jack überhaupt angerufen? Aufseufzend strich er sich durch die Haare und beschloss, nun endlich schlafen zu gehen. Er war lange genug wach gewesen, um dem Jetlag entgegen zu wirken. Nach einer Dusche und ein paar Stunden Schlaf würde er vielleicht klarer sein.

Die Nacht verlief ruhig. Als er aufstand sinnierte er noch immer über die Frage. Francis schlief noch immer, als er, nach einem halbstündigem Selbstgespräch in Gedanken, zu dem Schluss kam, dass er immer noch viel für Jack empfand und Thanks Giving bei ihm und seiner Familie zu verbringen vielleicht gar keine schlechte Idee wäre. Dann rief er seine Schwester Claire an und sagte ihr, dass er wieder im Land war. Die obligatorische Einladung zum Abendessen schlug er erstmal aus, versprach ihr aber, demnächst vorbei zu kommen. Dann redete seine Nichte Sarah-Ann etwa eine halbe Stunde auf ihn ein, das Mädchen konnte man nicht bremsen, wenn sie erstmal angefangen hatte zu sprechen.

Am Nachmittag wachte Francis erneut auf und beschloss, nun auch aufzustehen. Er duschte und setzte sich dann in die Küche. Kaffee kochen konnte er nicht und so nahm er sich nur ein Glas Saft aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Tisch.
Max schien ihn gehört zu haben, denn er kam, kaum dass Francis saß, auch in die Küche.
"Na? Gut geschlafen?"
"Hmmm" nuschelte der Junge in sein Glas.

"Weißt du, der Traum aus der ersten Nacht in einem fremden Bett soll in Erfüllung gehen!"
"Na und?"

Max neigte den Kopf, sah Francis prüfend an und zuckte dann aufgebend die Schultern. Wenn der Junge nicht wollte...
"Wie wäre es mit Kaffee?" fragte er dann ruhig und begann, ohne auf eine Antwort zu warten, welchen zu kochen. Innerhalb von Minuten wurde Toast, Erdnussbutter, Konfitüre, Butter, ein Teller und Besteck vor Francis abgestellt. Heißer Kaffee folgte und schließlich setzte sich Max gegenüber von seinem Schützling an den Tisch.

Verdutzt sah Francis Max an. Dieser schmierte sich gerade einen Toast und bemerkte so den Blick des Jungen nicht. "Guten Appetit" sagte er und biss von seinem Toast ab. Nun griff auch Francis zu und aß mit Heißhunger.

Nach einigen Toast und zwei Tassen Kaffee spürte Francis den Tatendrang in sich, so wie jeden Morgen. Doch was wollte er in dieser fremden Stadt machen und dann auch noch ganz allein?

/Ich könnte Max fragen. Er kennt sich doch hier aus./ Also überwand er sich und räusperte sich.
Max, der gerade das dreckige Geschirr in die Spülmaschine räumte, drehte sich um und sah den Jungen fragend an.
"Hmmm ... nun ... Wissen Sie vielleicht, was man jetzt unternehmen könnte?"
Jetzt war es an Max, verdutzt zu sein. Nach einem kurzen Moment hatte er sich allerdings gefangen und antwortete: "Klar, wir könnten die Gegend ein wenig erkunden."
Das war zwar nicht das, was Francis vorschwebte, aber immer noch besser, als sinnlos hier rumzusitzen und nichts zu tun. So zogen die beiden kurze Zeit später los.

Die erste halbe Stunde ihres Spazierganges verlief still. Francis schaute sich interessiert um, doch er ließ es sich nicht anmerken. Max bemerkte sehr wohl das Interesse des Jungen, da dieser aber nichts sagte, zog auch er es vor zu schweigen.
Erst als sie am Piccadilly Circus ankamen schwand Francis' Zurückhaltung und er taute auf. Schnell ließ er sich von der herrschenden Atmosphäre anstecken und riss auch Max mit sich. Gemeinsam schauten die beiden sich die Schaufenster der Geschäfte an und lachten gelegentlich über die verrückten Leute, die ihnen begegneten.


Nach etlichen Stunden des durch die Gegend Laufens waren die beiden hungrig und geschafft. Sie waren nicht mehr im Zentrum Londons und wussten auch schon seit einiger Zeit nicht mehr genau, wo sie überhaupt waren. Endlich fanden sie ein kleines Fish & Chips Restaurant. Die Strasse wirkte nicht sehr einladend, überall lagen Abfall und leere Schnapsflaschen. Doch es waren überraschend viele Jugendliche unterwegs. Die beiden gingen in das Restaurant und setzten sich an einen Tisch. Es war nicht viel los. Am Nebentisch saßen zwei Mädchen, die sich angeregt unterhielten. Sie waren nicht älter als 18 und lachten viel und laut.

Max bestellte ohne Francis zu fragen zwei Portionen; als dieser ihm einen düsteren Blick zu warf blinzelte er ihm nur zu und lächelte. "Vertrau mir! Musst du mal probieren!"

Francis sah unruhig aus dem Fenster und bemerkte, warum hier so viele junge Leute unterwegs waren. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein herunter gekommenes Jugendhotel. "Generator" leuchtete es in roten Buchstaben an der dreckigen Ziegelwand und wenn er richtig sah, vergnügte sich gerade ein Pärchen neben dem Eingang. Grinsend wandte sich Francis ab und bemerkte, dass Max mit einem amüsierten Gesichtsausdruck die Mädchen am Nebentisch belauschte.

"... hast recht, er hat die gleiche Haarfarbe wie Spike." Plötzlich machten beide Mädchen ein seltsames Geräusch, eine Mischung aus Schnurren und Gurren.
"Aber kein Ledermantel." meinte eine von beiden bedauernd. Wieder machten die beiden ein synchrones Geräusch. Ein enttäuschtes "ooooh!"[1]

Max unterdrückte sichtlich sein Lachen.

"Was ist so lustig?" fragte Francis irritiert, aber noch immer gut gelaunt.
"Spike ist, soweit ich den Anfang des Gespräches verstanden habe, eine Figur in irgendeiner TV-Serie." sagte Max leise und beugte sich über den Tisch zu seinem Schützling. "Er hat platinblonde Haare."
Dann zwinkerte er und ließ sich zurück auf in Stuhl sinken.

Francis grinste breiter. "Ja, er stellt einen Vampir dar."
Er sah zu den beiden Mädchen und setzte sein dämonischstes Grinsen auf. Die beiden kicherten und schubsten sich gegenseitig an.
In diesem Moment wurde das Essen an den Tisch gebracht. Erstaunt sah Francis auf den Teller voller Fish & Chips. Es sah sehr lecker aus.

Max lächelte ihm zu. "Lass es dir schmecken!" sagte er und steckte sich einen Chip in den Mund.
Francis probierte das Gericht und war schnell überzeugt. "Das ist lecker" mampfte er.
"Hab ich doch gesagt." mampfte Max zurück und beide brachen in lautes Lachen aus.

Gegen 10 Uhr betraten die beiden erschöpft ihr Appartement. Sie hatten sich nach dem Essen total verlaufen und waren mit dem Taxi nach Hause gefahren. Jetzt saßen sie zusammen auf dem Sofa in dem Wohnzimmer.
"Wer ist Jack?" platzte da Francis heraus.
Erstaunt und verwirrt sah Max seinen Schützling an.

"Jack..." Max zögerte. Woher hatte Francis den Namen? Dann fiel es ihm ein.

"Lauschen ist keine nette Angewohnheit." meinte er kurz angebunden.

"Ich habe nicht gelauscht. Ich habe nur zufällig gestern Abend vor Ihrer Tür gestanden und Sie gehört. Also, wer ist Jack?"

Zufällig vor Ihrer Tür gestanden? Max sah den Jungen verblüfft an, unterdrückte jedoch die Frage, was er vor seiner Tür gemacht hatte.
"Jack ist ein Freund von mir." sagte er schließlich.
"Ein Freund, dem Sie sagen, dass sie ihn lieben?" meinte Francis ungläubig und neugierig.
"Ich glaube, das geht dich nichts an." der Bodyguard wirkte mit einem Mal unwirsch.
"Wieso nicht?" meinte Francis aufbegehrend. "Wenn ich mit einem Schwulen zusammenlebe will ich das wissen!"

Schweigen, Max starrte ihn an und nach einem Moment gab er ihm Recht.
"Jack ist mein ehemaliger Lebensgefährte und ja, ich bin schwul. Sonst noch Fragen?"

Francis grinste. "Ehemaliger Lebensgefährte? Wären Sie an einem neuen interessiert? Ich könnte Sie Damon vorstellen! Dann kommt er vielleicht von der Idee weg, meine Mutter zu vögeln!"
"Er will was?" Max starrte den Jungen fast etwas panisch an, die Gesichtsfarbe des älteren Mannes wandelte sich in einen feinen Rotton, als ihm bewusst wurde, was Francis gerade gesagt hatte.
"Ganz sicher nicht!" presste er schließlich hervor.

"Schade, wäre ganz lustig geworden. Ich werd jetzt ins Bett gehen. War etwas anstrengend heute."
"Gut, geh schlafen. Ich werde auch gleich gehen."

"Gute Nacht. Oh, und was ich noch sagen wollte, mir macht es nichts aus, das Sie vom anderen Ufer sind, aber lassen Sie es lieber nicht meine Eltern wissen." Damit verschwand er.
Max murmelte verdutzt: "Gute Nacht"

Max ging betäubt in sein Zimmer. Das war jetzt etwas ... überraschend gewesen. Mit leicht zitternden Fingern nestelte er an seiner Krawatte und brauchte schließlich drei Anläufe um sie zu öffnen.
/"...lassen Sie es lieber nicht meine Eltern wissen."/
"Hatte ich nicht vorgehabt." murmelte Max in das leere Zimmer. Er konnte nur hoffen, dass Francis dies ebenfalls nicht tun würde. Er ging duschen und ließ sich danach ins Bett fallen.

Francis lag in seinem Bett und grinste. Er griff in die Schublade seines Nachtschränkchens und holte sein Tagebuch heraus.


-18. März 19..
Der erste Tag ist überstanden und ich muss sagen, wir hatten viel Spaß. Ja, wir, denn ich war mit meinem Bodyguard unterwegs. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Letzte Nacht hat er mit einem Jack telefoniert und heute hat er zugegeben, dass das sein ehemaliger Lebensgefährte war. Er ist also schwul.
Mich stört es nicht, doch meine Eltern würden ihn auf der Stelle feuern. Ich bräuchte sie nur anzurufen und ihnen Bescheid sagen. Aber warum sollte ich?-


Einige Zeit starrte Francis auf das eben Geschriebene. "Ja, warum sollte ich?" fragte er dann noch einmal laut und schrieb weiter:

-Er hat mir heute ein wenig von London gezeigt. Jede Menge toller Geschäfte und verrückter Leute. Interessante Motive. Ich werde wohl morgen mal mit der Kamera und einigen Schwarz/Weiß Filmen losziehen.-

Anekdoten der Autorinnen:
Scarabae starrt missmutig auf Little Witchs neuesten Teil und beschwert sich.
Scarabae: "Und was soll ich jetzt damit anfangen?!?"
Little Witch: "Das ist dein Problem! Ich muss damit klar kommen, dass mein Bodyguard schwul ist!"
Aktualisiert: 19/04/09
Veröffentlicht: 19/04/09
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Katsumi am 25/04/09 16:35
woah, beim Lesen möchte man Francis am liebsten links und rechts eine reinhauen *lach*
er ist herrlich eklig geworden und ich kann ihn nicht ausstehen. Kompliment *g*

Antwort des Autors Scarabae (01/05/09 17:24):
Hi Katsumi, "Dankeschön" von Witch. Aber wir hoffen, dass sich das zum Ende von "Bodyguard" geändert hat. Little Witch & Scarabae
Kapitel 1
Witch23 am 25/06/09 22:06
also zuallererst die Anekdoten finde ich zwar etwas irritierend aber witzig XD

ansonsten lässt sich das ganze ganz gut lesen und ich bin neugierig was weiter passiert
ob alle Chars so sind wie sie oberflächlich erscheinen ob sich da noch was tut

>SPOILER< ob Francis seinen Bodyguard bei seinen Eltern anschwärzt

Antwort des Autors Scarabae (26/06/09 21:34):
Liebe Witch23,

danke für dein Review. Wir wünschen dir viel Spaß beim Weiterlesen.

Liebe Grüße,
Little Witch & Scarabae
Kapitel 1
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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