Auf den zweiten Blick von Celia (Abgeschlossen)
Inhalt: Kerstin hat ein Blinddate, das zunächst gar nicht gut läuft.
Genres: Reale Welt, F/F (Yuri)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 14/10/10
Aktualisiert: 14/10/10
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Anmerkungen zum Kapitel:Meine erste abgeschlossene F/F-Geschichte und außerdem meine erste, die in Bremen spielt.
Alle Personen sind frei erfunden.

Ich freue mich wie immer sehr über reviews, und auch über konstruktive Kritik.
Kerstin betrachtete sich selbst schon seit einer Weile prüfend im Spiegel. Normalerweise schminkte sie sich kaum. Höchstens Maskara und dezenten Lippenstift – allerhöchstens.

Nun überlegte sie schon seit längerem, ob sie den zartrosa Lippenstift auflegen sollte, oder nicht. Rosa war sonst ihre absolute Hass-Farbe, aber als Lippenstift stand es ihr. Also drauf damit. Noch einmal über die kinnlangen Haare gekämmt, und sie konnte los.

Es war einfach nicht ihre Art, sich für irgendwas schick zu machen, auch nicht für ein Date. War ja auch Blödsinn, wenn sie sich jetzt ganz anders anzog als sonst, und beim nächsten Treffen war die andere dann entsetzt. Sollte es denn ein zweites Treffen geben.

Sie schwang sich auf ihr Rad und hatte nach wenigen Minuten die Kneipe erreicht, vor der sie sich verabredet hatten. Sie schloss das Rad an, und sah sich um. Hoffentlich sah ihr „Date“ in echt genauso aus, wie auf den Fotos, und sie würden sich erkennen.

Eine Straßenbahn hielt direkt vor ihr, denn die Haltestelle war gegenüber der Kneipe. Es stiegen einige Leute aus, und dann entdeckte sie eine Frau, die sich suchend umsah. Das musste sie sein! Sie war etwa einssechzig groß, ihr Haar war zu einem langem Zopf von strohblondem Haar geflochten und sie trug einen dunkelbraunen Mantel, über einem Knielangen Rock und Stiefeln. Das alles stand ihr unglaublich gut. Sie sah wirklich so aus, wie auf den Fotos! Kerstin spürte, wie die Aufregung sich in ihre Fingerspitzen schlich. Die ganze Zeit vorher war sie gar nicht nervös gewesen.

Und dann blieb sie stehen, und sah sie an. Schnell ging Kerstin auf sie zu. „Bist du Maria?“

„Ja.“ Sie gaben sich die Hand. Maria lächelte und wurde ziemlich rot im Gesicht.

Hoffentlich war sie nicht enttäuscht von ihrem Aussehen.

„Gehen wir rein?“, Kerstin hielt ihr die Tür zur Kneipe auf. Es war eigentlich mehr ein Restaurant, in dem man Abends auch Cocktails trinken konnte, mit sehr gemütlicher Atmosphäre. Sie setzten sich an die Seite, in eine Ecke, abseits der anderen Gäste.

„Warst du schon mal hier?“, fragte Kerstin.

„Nein.“ Maria zog ihren Mantel aus und legte ihre Tasche auf einen freien Stuhl. Kurz sahen sie sich in die Augen, dann nahmen sie beide die Karten auf.


„Was nimmst du?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht“, Maria runzelte die Stirn. „Wein?“

„Ok, nehme ich auch welchen“, sie lächelte.

Kerstin musterte sie genauer. Sie hatte ein hübsches Gesicht, große blaue Augen und volle Lippen, nur hatte sie sich recht stark geschminkt. Eyeliner und hellblaue Liedschatten, sowie einen viel zu knalligen Lippenstift, der ihr nicht besonders gut stand. Natürlichere Frauen gefielen ihr weitaus besser. Wenigstens hatte sie keine künstlichen Fingernägel.

Der Kellner kam und sie gaben ihre Bestellungen auf. Als er weg war, schwiegen sie schon wieder.

„Bist du jetzt aus Ottersberg gekommen?“, fragte Kerstin.

„Ja.“

Maria studierte dort Kunsttherapie, dass wusste sie schon aus den Mails.

„Und du, wohnst du hier in der Nähe?“

„Ja, eigentlich direkt um die Ecke.“

„Ist es nicht ziemlich laut hier nachts?“

„Nein, es geht, ist zum Glück eine kleinere Straße.“

Maria nickte.

„Wie lange studierst du noch?“, fragte Kerstin.

„Noch zwei Jahre.“

„Gefällt es dir?“

„Ja, es macht schon Spaß, nur das esoterische stört mich etwas. Manchmal übertreiben sie.“

Das hatte sie auch schon in den Mails geschrieben, sonst hätte Kerstin sich wahrscheinlich gar nicht mit ihr getroffen. Sie kannte über ihre Mitbewohnerin ein paar andere, die Kunsttherapie studierten und die waren alle etwas seltsam mit diesem Esoterikkram. Damit konnte sie einfach nichts anfangen.

„Und du? Wie lange brauchst du noch?“

„Ein Jahr mindestens.“

Der Kellner brachten ihnen ihren Wein und sie stießen vorsichtig an. Als sie Maria in die Augen sah, senkte diese sofort den Blick. Nachdem sie das Weinglas abgestellt hatte, spielte sie mit den Fingern mit der Getränkekarte und hörte gar nicht mehr damit auf. Das machte sie auch noch ganz nervös, wenn der andere so nervös war. Aber sie reagierte dann meistens so, dass sie einfach weiter redete. So auch jetzt. Sie erzählte ausführlich, wie sie nach Bremen gekommen war, ihrem Studium, ihrer Mitbewohnerin ... und Maria antwortete immer nur recht knapp, wenn sie ihr eine Frage stellte.

So würde Maria sie zwar kennen lernen, aber sie erfuhr überhaupt nichts über Maria! Das war wirklich kein besonders angenehmes Gespräch. In ihrem Profil hatten doch so viele interessante Dinge gestanden, warum erzählte sie nichts darüber? Was war das noch gleich?

„Hast du nicht geschrieben, dass du gerne verreist?“

„Ja. Ich mag Irland. Leider war ich erst einmal dort, vor zwei Jahren. Ich würde gerne öfter verreisen, aber im Moment kann ich mir das nicht leisten.“

Das war also auch kein gutes Gesprächsthema. Konnte Maria denn nicht mal was von sich aus sagen? War ihr das Gespräch etwa langweilig, oder war sie nur schüchtern? Als sie wieder versuchte, ihr in die Augen zu sehen, und Maria schon wieder leicht rot wurde, glaubte sie letzteres. Wie konnte man nur so hübsch und gleichzeitig so schüchtern sein?

Sie bestellten noch mehr Wein und Kerstin erzählte von ihrer Japanreise, wobei Maria endlich mal nachfragte und Interesse zeigte. Aber das Thema war auch irgendwann erschöpft.

„Hast du so was eigentlich schon mal gemacht?“, fragte Kerstin schließlich und meinte das Blinddate.

„Nein“, Maria lachte verlegen.

Immerhin hatte sie sich auf dem Portal angemeldet, wo man Frauen kennen lernen konnte und sich mit ihr verabredet. Da musste sie das doch auch gewollt haben. In den Nachrichten hatte sie so nett gewirkt. In ihrem Profil hatte sie viele Interessen, die sie auch hatte angegeben. Vereisen, Kunst, was war das noch?

„Du?“, fragte Maria. Irgendwie hatte sie gerade den Faden verloren.

„Was?“

„Hast du das schon mal gemacht?“

„Ja, einmal. Ist aber nichts draus geworden.“ – außer einer heißen Nacht, aber das musste sie Maria ja nun nicht gerade erzählen. Normalerweise war sie gar nicht so für One-Night-Stands, Eigentlich hatte sie gehofft, über die Plattform eine neue Partnerin kennen zulernen. Denn im Alltag war das nicht so einfach. Aber offenbar war es übers Internet auch schwieriger, als sie gedacht hatte. Denn das hier schien offenbar wieder nichts zu werden. Maria war hübsch, sie war nett, sogar ganz süß, aber wenn sie weiterhin so schüchtern blieb, wie sollte sie sie da besser kennen lernen? Da würden sie ja in einem Jahr noch nicht beim Küssen angekommen sein!


Plötzlich machte Maria ein entsetztes Gesicht. „Wie spät ist es eigentlich?“

Kerstin sah auf ihr Handy. „Gleich elf.“

„Oh Mist! Ich glaube meine Uhr geht falsch.“ Hastig zog sie sich ihre Jacke an. „Ich muss los, mein letzter Zug fährt gleich!“

„Oh“, sie erhob sich ebenfalls. Sie hatten noch nicht mal bezahlt.

„Wann fährt dein Zug?“

„Um viertel nach.“

Die Kellnerin brauchte ewig, um auszurechnen, wer wie viel bezahlen musste. Kerstin wollte Maria nicht einladen, vielleicht sahen sie sich nie wieder und was hatte sie dann davon? Außerdem war da immer dieses Rollenklischee. Sie gingen schnell zur Haltestelle, die zum Glück direkt gegenüber der Kneipe lag.

Die nächste Bahn kam in zehn Minuten.

„Das schaffst du nicht mehr“, bemerkte sie. Maria sah verzweifelt aus. „Ich verstehe das nicht, ich habe mir das genau aufgeschrieben und ...“ sie sah erneut auf ihre Armbanduhr und haute darauf. „Stehen geblieben.“

„Gibt es gar keine Verbindung mehr?“

„Erst um vier.“

Na toll, dachte sie. Sie hier mitten in der Nacht stehen lassen, konnte sie ja wohl auch nicht, obwohl sie nicht viel Wert darauf legte, noch mehr Zeit mit ihr zu verbringen.

Sie beschloss, sich das nicht anmerken zu lassen, sonst würde Maria bestimmt noch unsicherer werden.

„Ich wohne hier zwei Strassen weiter“

Maria sah sie skeptisch an.

„Kannst bei mir auf dem Sofa schlafen ok?“

„Danke“, nuschelte sie.

„Da ist wohl der Nachteil, wenn man in so einem kleinen Ort wohnt.“

„Ja, ich verstehe einfach nicht, wie ich die Zeit vergessen konnte.“


„Schon gut.“

Sie schloss ihr Fahrrad auf und schob es neben sich her. „Hier rein“, sie bogen in eine kleinere Seitenstraße ein.

Und noch einmal links abbiegen und schon waren sie da. Sie schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf. Ihre Mitbewohnerin war nicht da, so waren sie ganz allein. Es war ein seltsames Gefühl, Maria in ihre Wohnung zu lassen, wo sie sich doch kaum kannten.
„Ich will dir wirklich keine Umstände machen“, sagte sie.

„Tust du nicht.“

Kerstin zog ihre Jacke und Schuhe aus. Der Flur war eigentlich viel zu klein, um zu zweit darin zu stehen. Und es war nach der Kneipe auch viel zu leise hier. Als sie sich räusperte kam es ihr vor, als hallte das Geräusch noch ewig nach. Sie ging in die Küche und schaltete das Licht an. „Willst du auch was essen? Ich mache mir noch Toast.“
Sie hatte noch gar kein Abendbrot gegessen, da sie auch erst um vier zu Mittagessen gekommen war.

„Setz dich doch.“, Kerstin blickte Maria an.

Diese war bisher im Türrahmen stehen geblieben, und setzte sich nun auf einen der Ikea-Klappstühle. Sie wirkte müde und noch viel kleiner, als sie so von oben auf sie herab sah. Sie hatte bestimmt überhaupt keine Lust, hier zu übernachten, und würde lieber sofort gehen. Vielleicht mochte sie sie ja überhaupt nicht. Das konnte sie nicht einschätzen. Sie hatten sich am Ende zwar doch noch ganz gut unterhalten, aber sie hatte schließlich selbst schon beschlossen gehabt, dass es keinen Sinn machte, sich wieder zu treffen.

Sie deckte zwei Teller, Butter und Nutella und legte ihnen beiden die Toasts auf die Teller.

„Danke“, murmelte Maria. Kerstin hatte auch den Wasserkocher eingestellt und goss das hieße Wasser auf einen Beutel Früchtetee und bot Maria auch eine Tasse an.

Nun schwiegen sie schon wieder.

Die Atmosphäre in der Küche war nicht sehr gemütlich. Das Licht der Deckenlampe war viel zu hell, im Kontrast zu der Schwärze hinter dem Fenster.

„Gehen wir in mein Zimmer“, sie stand auf, stellte Teekanne, Becher und Teller auf ein Tablett und stieß die Tür mit dem Fuß auf.

Außer einem Hochbett hatte sie auch eine Sitzecke mit einem kleinen Sofa, einem Sessel. Sie setzte sich in den Sessel und Maria ihr gegenüber auf das Sofa. „Das kann man ausziehen“, bemerkte Kerstin. Maria nickte.

Kerstin schaltete eine kleine rötliche Lampe ein. So war es doch schon viel gemütlicher.

Sie fuhr sich über den Mund, weil sie dort bestimmt Nutella kleben hatte und nahm einen Schluck Tee, der angenehm wärmte.

„Du warst noch nie mit einer Frau zusammen oder?“, fragte sie.

Maria verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.

„Nein“, gab sie zu. „Ich war sehr lange mit meinem Ex-Freund zusammen, vier Jahre.“

„Vier Jahre? Wow. Das ist lange.“ Besonders, wenn man erst einundzwanzig war!
„Und wie lange ist das her?“

„Ungefähr fünf Monate.“

„Und dann hast du gemerkt, dass du mal was anderes ausprobieren wolltest?“

Maria hatte in ihrem Profil angegeben, dass sie bi war, dass hatte sie also schon gewusst. Dass sie noch nie ein Date mit einer Frau gehabt hatte, erklärte natürlich auch, dass sie so nervös war.

„Nein, ich wusste das schon seit ich fünfzehn bin. Aber na ja, dann habe ich Jakob kennen gelernt, als ich siebzehn war.“ Sie zuckte die Schultern.

„Und es hat nicht mehr geklappt?“

„Nein. Er studiert in Hamburg. Wir haben uns einfach unterschiedlich entwickelt. Wir verstehen uns noch, aber nicht mehr eben.“

Endlich erzählte Maria mal etwas mehr über sich selbst, dachte Kerstin. „Und das ist endgültig?“ Vielleicht war das nur ein Streit, bevor sie dann doch heirateten oder so. Nach vier Jahren Beziehung kam so was schließlich vor.

„Ja“, sie seufzte. „Ich ... ich weiß gar nicht mehr wie das funktioniert, jemanden kennen lernen und so. Ich dachte, übers Internet ist es einfacher, und dann bin ich auf diese Seite gestoßen und dachte, keine Ahnung, probier ich’s mal aus“, sie lachte verlegen.

„Das ist verständlich.“ Kerstin zog die Beine hoch, weil ihre Füße kalt wurden. Was hatte sie sich da nur eingebrockt? Ein Mädel, dass noch überhaupt keine Erfahrung mit Frauen hatte – aber andererseits, es gab nicht wenige, die das in ihrem Alter noch nicht hatten, weil sie erst mal bemerken mussten, dass sie überhaupt auf Frauen standen.

„Wann hast du es gemerkt, ich meine ...“, fragte Maria.

„Ich glaube, als ich dreizehn war. Habe mich halt nicht für Jungs interessiert und mich stattdessen in die Sportreferendarin verknallt. Aber es war bei mir nie so, dass ich Jungssachen gemacht hätte oder so.“

„Und deine Eltern wissen bescheid?“

„Klar. War ja schlecht zu verheimlichen. Sie haben es akzeptiert, auch wenn sie es nicht wirklich verstehen. Meine Mutter nervt mich immer, dass sie Enkelkinder will. Da hätten sie eben noch mehr Kinder bekommen sollen.“

„Bist du Einzelkind.“

„Ja.“

„Ich habe zwei ältere Brüder. Die wohnen beide in Berlin.“

„Siehst du die manchmal?“

„Nicht so oft. Sie waren schon fast erwachsen, als ich geboren wurde und sind auch nur meine Halbbrüder.“

„Dann haben sich deine Eltern getrennt?“

„Nein, mein Vater war schon mal verheiratet, bevor er meine Mutter getroffen hat. Er ist schon etwas älter.“, sie lachte. Wenn sie lachte sah sie süß aus. Das war ein richtig ansteckendes Lachen.

Wenn sie so ein Nesthäkchen war, war sie bestimmt total verwöhnt worden, überlegte sie.

Maria erzählte noch einiges über ihre beiden Brüder, die beide ein sehr interessantes Leben zu haben schienen, und der älter plante sogar schon, ein Kind zu bekommen.

„Hast du nicht geschrieben, dass du Musik machst?“, fiel ihr wieder ein.

„Oh ja, im Moment nicht mehr so viel. Jetzt male ich mehr.“

„Was spielst du denn?“

„Harfe.“

„Harfe?“

„Ja“, sie lachte. „Ich liebe das Instrument. Ich übe auch noch fast jeden Tag. Als ich jünger war, habe ich jeden Tag mehrere Stunden geübt, aber dann habe ich gemerkt, dass mir malen mehr Spaß macht.“

Sie konnte sich das richtig gut vorstellen, wie Maria vor einer Harfe saß. Ihren blonden Zopf nach vorne gelegt, ein Kleid an, an den Seiten zupfend, wie eine Elfe.
„Ich bin leider gar nicht begabt für so was.“

„Na ja, dafür kann ich keine Naturwissenschaften, oder Sachen auswendig lernen.“



Sie schwiegen wieder eine Weile und Kerstin schenkte Tee nach. Maria war eben gar nicht mehr schüchtern gewesen. Im Gegenteil, es war richtig nett, mit ihr hier zu sitzen und jetzt war es ihr auch gar nicht unangenehm, dass sie schwiegen.

„Möchtest du schlafen?“

„Eigentlich bin ich gar nicht mehr müde. Aber wenn du schlafen willst ...“
„Ich bin eigentlich auch nicht müde.“

„Hast du nicht auch geschrieben, dass du Filme magst?“

„Ja, ich gucke viele Filme.“

„Wollen wir was gucken?“

„Gerne. Was?“

Kerstin ging zu ihrem Computer, wo sie einige Filme gespeichert hatte. Sie öffnete den Ordner und ließ Maria mit reingucken.

„Wie wäre es mit ein paar Folgen Futurama?“

„Ok.“

Sie kannte die Folgen zwar alle schon, aber sie waren doch immer wieder lustig.

Sie setzten sich beide auf das Sofa, gegenüber dem Bildschirm.

E war wirklich seltsam. Nun saßen sie hier, als wären sie Freundinnen, die so was öfter machten, und vorhin hatte sie noch geglaubt, dass sie sie ganz bestimmt nicht wiedersehen wollte.

„Noch eine Folge?“, fragte sie, als die eine vorbei war.

„Ich glaube, ich würde jetzt gerne schlafen.“

„Ok.“


Sie stand auf und schaltete den Computer aus.


„Vorhin warst du so schüchtern.“

Sie sah zu Maria, die leicht rot wurde.

„Ich bin nicht so ...“

„Schon gut, ich wollte dir das nicht vorwerfen. Ich wollte eigentlich sagen, dass ich froh bin, dass du noch mit her gekommen bist.“

„Wirklich?“

Kerstin lachte. „Wenn ich gewusst hätte, dass du ein bisschen brauchst, um aufzutauen, hätte ich gleich ein paar Stunden mehr für das Date eingeplant.“

Maria wurde noch roter im Gesicht. Vielleicht hätte sie das lieber nicht sagen sollen.

„Ich kann nichts dagegen machen. Ich wünschte, ich könnte.“

„Ach, kann ja nicht jeder so viel labern wie ich.“ Obwohl es zugegebenermaßen hilfreich war, wenn man jemanden kennen lernen wollte. Anscheinend hatte Maria ja nun aber ihre schüchterne Phase halbwegs überwunden.

„Ich habe überhaupt nichts dabei“, bemerkte sie.

„Also, ne Zahnbürste habe ich nicht, obwohl ...“ Sie ging ins Badezimmer und wühlte im Fach ihrer Mitbewohnerin. Die hatte immer so Minireisezahnbürsten und tatsächlich fand sie noch eine. „Hier“, sie reichte Maria eine und ging wieder in ihr Zimmer, um das Sofa aufzuklappen. Sie fand sogar noch einen sauberen Bezug und legte ihr einen Schafsack und ein Kissen dazu. Wenn sie recht überlegte, hatte lange niemand mehr auf dem Sofa übernachtet. Als sie noch bei ihren Eltern gewohnt hatte, hatte sie oft Freundinnen zu Besuch gehabt, aber das war drei Jahre her. Und ihre letzte Freundin hatte in ihrem Bett übernachtet. Und das war auch schon fast ein Jahr her. Ob das mit Maria vielleicht doch was werden könnte? Sie linste um die Ecke, Richtung Badezimmer, aber Maria hatte die Tür geschlossen.

Sie kam zurück, mit neu geflochtenen Haaren. Ihre Haare waren wirklich der Hammer, fast weiß waren die und so irre lang. Fühlte sich bestimmt toll an, dadurch zu streichen. „Äh ... ich habe dir auch ein Nachthemd hingelegt.“

„Danke.“

Maria setzte sich auf das ausgeklappte Sofa. „Was ist das?“, sie hatte einen Flyer hochgehoben, der auf dem Boden gelandet war. Kerstin beugte sich über sie.

„Queerfilmfestival“, las Maria vor und drehte den Flyer.

„Ja, das ist nächste Woche, wollte ich auf jeden Fall hingehen.“

„Klingt interessant.“ Kerstins Herz machte einen kleinen Sprung. War das eine Andeutung? „Also wenn du Lust hast, sag Bescheid. Wird bestimmt nett.“

„Ok“, Maria lächelte.

Kerstin kletterte die Leiter zu ihrem Hochbett hoch und zog sich um.

„Ich mache jetzt das Licht aus ok?“

„Ok.“

Sie hörte, wie Maria sich umzog und in den Schlafsack schlüpfte.

„Ist das warm genug?“, fragte sie.

„Ja.“


„Gut. Schlaf gut.“

„Gute Nacht.“

Kerstin schloss die Augen. Bestimmt würde sie ewig brauchen, um einzuschlafen. Sie hätte Maria gerne beim Schlafen beobachtet. Sie hätte sie jetzt auch gerne neben sich im Bett gehabt – aber das war wohl wirklich etwas zu früh, für das erste Date mit einer Frau, für Maria. Sie seufzte und nach einer Weile schlief sie tatsächlich ein.

Als sie aufwachte, war es noch dunkel. Sie konnte höchstens zwei Stunden geschlafen haben. Schlagartig fiel ihr der letzte Abend wieder ein, und dass sie nicht allein war. Sie hatte etwas seltsames geträumt, konnte sich aber nicht daran erinnern. Vorsichtig beugte sie sich über die Bettkante. Ihr dünner Vorhang ließ das Mondlicht durch und sie konnte Marias Gesicht erkennen, das ihr zugewandt war, die Haare über die Schulter gelegt, in dem Baumwoll-Spitzennachthemd, dass sie für sie herausgesucht hatte, wie ein kleiner Engel. Den würde sie bestimmt so schnell nicht wieder hergeben.
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