3 Millionen von Mefpu (Laufend)
Inhalt: ...so etwas wie dein Markenzeichen. Jeder Superheld braucht es schließlich und Tiere sind dir zu langweilig geworden, wer braucht schon Fledermaus oder Spinne, wenn man gestreifte Strümpfe tragen kann?
Genres: Reale Welt, F/F (Yuri)
1. Warnung: Depri/Emo
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 06/11/10
Aktualisiert: 06/11/10
Treppenhaus, Straßenlicht, bleich im Gesicht
Anmerkungen zum Kapitel:Geschrieben von uns, inspiriert von Emilie Autumn und Axel Bosse. Viel Vergnügen mit dem Lesefutter, Kritik in Form von Kommentaren ist immer gern gesehen.
Verrückte Grüße & Muffins
Mefpu
Du liegst wach in deinem Bett, seit Stunden. Die Dunkelheit umhüllt dich wie ein Tuch, für das es eigentlich viel zu heiß ist. Das einzige Licht spendet die Straßenlaterne, draußen vor dem Fenster, und die fluoreszierenden Leuchtsterne an deiner Zimmerdecke. Sie sind Überbleibsel einer Kindheit die schon lange vorüber ist, von der du dich aber trotzdem nicht trennen kannst. In Plastik gegossene Erinnerungen.

Ganz in der Nähe bellt ein Hund. Du zuckst zusammen und würdest es gerne einen Reflex nennen, doch so weit unten um dich selbst zu belügen, bist du dann doch noch nicht. Zudem sich die Angst eiskalt über deinen Nacken schleicht, dir in der sommerlichen Hitze auf einmal bitterkalt ist. In Gedanken zählst du die Schritte, gehst den Weg entlang vorbei an der Ecke, dem neuen Bistro und diesem komischen Laden für Actionfiguren, hinein in eure Einfahrt. Als du nach drei Minuten noch immer nichts hörst, entspannst du dich langsam. Muskel für Muskel kehrt in seinen natürlichen Ruhezustand zurück, dass atmen wird leichter.

Du starrst immer noch an die Decke.

Eigentlich ist es vollkommen irrational. Schließlich ist sie deine beste, deine einzige Freundin. Sie nimmt dich so wie du bist, ihr lacht zusammen, ihr lebt zusammen. So lange du denken kannst steht sie schon an deiner Seite, ist für dich wie ein Heimathafen. Ihr teilt so viele Erinnerungen, Momentaufnahmen, für die es unglücklicherweise keine Konservierungen gibt. Haltbar sind sie nur ansatzweise, durch Fotos, die verstreut in deinem Zimmer liegen. An manchen erkennt man einen hauchdünnen Riss, als wenn jemand sie hochentschlossen zerstören wollte und dann doch zu feige war. Leere Drohungen, die dir selben gelten. Aber du brauchst dir nicht zu drohen, es gibt nichts zu drohen.

Alles ist Illusion.

Doch als du dein Knie anziehst wird die Illusion realer als du willst, stechender Schmerz geht von dem handgroßen blauen Fleck auf deiner Wade aus. „Gegen die Tür gelaufen“.
Aber bist du wirklich so tief gesunken, dass du nicht nur all deine wenigen Menschen um dich herum, sondern auch dich selbst belügen musst? Bist du dir selbst so wenig wert, dass du im Endeffekt deinen eigenen Verstand, dein Denken verleugnest? Dass du dein eigenes Ich einfach so aufgibst als wäre es nichts wert?

Das leise „Ja“ gleitet dir automatisch und unbewusst über die Lippen. Du starrst die Leuchtsterne an, wünscht dich weit weg, deinetwegen auch in die unendlichen Weiten des Weltall. Nur weg.
Die Nacht zieht weiter, eine Querstraße weiter hörst du die Straßenbahn klingeln. Menschen lachen, weinen, reden, leben. Dir ist es eigentlich lieber, die Außenwelt nur akustisch zu genießen und die Bilder dazu im Geiste zu malen. So kannst du dir deine eigenen kleinen Szenen drehen, beherrscht Kontrolle über jede Straßenlaterne und jeden Menschen. Eigentlich.

Denn heute Nacht überkommt dich wieder dieser Impuls, zu leben. Ohne Lügen, mit Selbstwertgefühl, mit echten Emotionen. Zu kämpfen, wie eine wirkliche Frau, nicht wie das Kind, das alle noch in dir sehen. Lautlos schwingst du deine Beine aus dem Bett, stehst auf, schleichst förmlich in das kleine Badezimmer. Unterwegs greifst du nach einem großen Schuhkarton und einer Plastiktüte irgendeines Discounters, dein Geheimversteck, deine Basis, dein zweites Ich.

Im Badezimmer betätigst du den Lichtschalter, läufst zu dem Ganzkörperspiegel in der Ecke des Raumes. Du betrachtest deine so gut wie nackte Gestalt, die spröden blonden Haare, das sorgenvolle Gesicht, die ausdrucklosen Augen umrahmt von Ringen. Ein Wrack, schon lange auf den Grund des Meeres gesunken. Doch heute Nacht soll es wieder geborgen werden.

Zuerst greifst du in der Tüte nach deinen schwarzweiß gestreiften Kniestrümpfen, dein Heiligtum, so etwas wie dein Markenzeichen. Jeder Superheld braucht es schließlich und Tiere sind dir zu langweilig geworden, wer braucht schon Fledermaus oder Spinne, wenn man gestreifte Strümpfe tragen kann? Für dich sind sie ein Schutzschild, haben etwas so Vertrautes an sich, dass du dich manchmal dabei erwischt, wie du deine Nase in ihnen vergräbst.

Darüber ziehst du deine Corsage, rot mit schwarzen Ornamenten, und dein zerrissenes weißes Top. Der wirre, abgenutzt aussehende Flickenrock wird dein Beinkleid, natürlich selber genäht. Auf die aufgenähten Zahnräderumrisse bist du besonders stolz. Sie symbolisieren deine wirkliche Ansicht der Dinge, dass alles im Leben ineinandergreift wie ein Uhrwerk, ohne Ausnahme.

Auf deinen Strümpfen schleichst du zum Spiegel, greifst zu deinem Make-up Koffer, verleihst dir Blässe und volle Wimpern, dazu rote Lippen. Auf deine linke Wange malst du das Zahnrad als Sinnbild, auf deine Rechte ein Herz, Magenta ausgemalt. Ein Zeichen, dass du auf der Suche nach etwas bist, aber auch ein Zeichen für deine Verletzbarkeit, deine Menschlichkeit.

Du bist nun mal kein herzloser Roboter, den nichts berührt.

Zum Abschluss deiner Verwandlung ziehst du dir die pinke Perücke über, genießt die scheinbar wallenden Haare. Deine Lederstiefel bindest du sorgsam, überprüfst die Schleifen auf ihre Richtigkeit. Wer kämpfen will wie eine Frau, muss auch wie eine echte femme fatale aussehen.
Denn so bist du unangreifbar, wirkst verrückt aber gleichzeitig anziehend. Niemand wird dich dort draußen trauen anzusprechen und das schätzt du so an diesem Dresscode. Du suchst schließlich – und willst nicht gefunden werden.

Durch jahrelange Übung benötigt diese Befreiung nicht lange. Immer noch schleichend, auf hohen Absätzen, verlässt du die Wohnung. Einen Schlüssel brauchst du nicht, schließlich willst du entkommen und nicht heimkehren. Handy und andere Kleinigkeiten sind ebenso unnütz. Du brauchst sie nicht, den ständigen Kontakt zu ihr. In diesem Moment bist du perfekt, die Königin des nächtlichen Berlin.

Als du auf die recht belebten Straßen trittst, fühlst du dich gut, erhaben, groß, stark. Keiner wagt es dich länger anzuschauen, Blicke streifen dich nur, ebenso wie leise Pfiffe und erstauntes Raunen. Aber natürlich wagt es niemand, die Mistress, die Kaiserin, die Königin, ja die Göttin in ihrer menschlichen Form anzusprechen. Ein falsches Wort könnte den Kopf und den Verstand kosten und das weiß jeder auf diesen Straßen.

Im Alltag bist du in dir versunken, schützt dich durch dicke Kopfhörer und deine kleine Haltung. Du läufst als Nichts durch die Welt und die Welt nimmt dich als Nichts wahr.
Aber hier, des Nächtens, bist du Alles. Hier läufst du mit klackenden Absätzen und festen Schritten vorwärts, während die Welt dich dieses Mal registriert..

Die Straßenbahn kommt in dem Moment, als du die Haltestelle erreichst. Innen riecht es nach Bier, Schweiß und viel zu viel Axe Deo. Der typische Geruch einer Samstag Nacht. Mit der Linie 12 fährst du Richtung Schönhauser, weniger wegen den nicht vorhandenen angesagten Clubs, sondern viel mehr der kruden Gestalten wegen, die sich dort zu später Stunde herumtreiben.

Es ist eine winzige Hoffnung, die dich antreibt. Die Hoffnung, dass du dieses Mal diesen einen Menschen findest, der dich wirklich versteht und nicht nur so tut als ob. Die dich diese ewig gleiche Strecke fahren lässt, vorbei an Häusern mit dunklen Augen und Imbissbuden mit Lichterketten.

Dir ist klar das es eine mühselige Suche ist. Die bekannte Nadel im Heuhaufen. Aber irgendwo unter diesen verdammten 3 Millionen muss es jemanden geben, dessen bist du dir ganz sicher. Deine Augen huschen an Straßenzügen vorbei. Wunderschöne Altbauten wechseln sich mit Baustellen ab, hier und da ist eine Gruppe Jugendlicher zu sehen, die wahrscheinlich von der letzten Party wiederkommt. Du selbst spiegelst dich im Fenster wieder.
Wunderschön, stark, allein.

So allein wie du es auch in der Wirklichkeit bist.

Aber dieser Gedanke ist dir zuwider. Zeugt er doch von Schwäche und davon, das sie, diese lästernden Mäuler, am Ende doch Recht hätten. Das du zu nichts im Stande bist, noch nicht mal dazu, lausige soziale Kontakte zu halten. Das du tatsächlich ein Nichts bist.
Das Rot des Stoppschild lässt dich aufschrecken und nur mit einem kleinen Sprung aus der Tür heraus bekommst du noch deine Station. Als du draußen bist umweht dich der laue Wind und du nimmst einen tiefen Zug der Berliner Luft.

Wahllos biegst du in irgendeine Straße eine, ein System hat deine Suche nicht. Dir begegnet der ein oder andere interessierte Blick, aber nichts was dich anspricht. Der Mond hängt immer tiefer und fern am Horizont wandelt sich das Schwarz zu einem verwaschenen Grau. Eine einzelne Ratte kreuzt deinen Weg und das altbekannte Gefühl der Enttäuschung macht sich in dir breit.

Egal ob es in einem Club, auf einer Fete, in der Schule oder sonst wo ist: Fündig bist du noch nie geworden. Irgendwann kehrst du immer wieder in deinen Alltag zurück, gleich wie lang die Suche geht. Ob eine Nacht, ein Tag oder eine ganze Woche.

Du gehst immer wieder zu ihr zurück, belügst dich selbst und gibst dich Stück für Stück auf. Servierst dein Ich auf einem silbernen Tablett, wo es in wunderbarer Regelmäßigkeit auseinandergerissen wird, bis nur noch eine bessere Magd übrig geblieben ist, die zu allem Ja und Amen sagt.

Und das alles im Namen dein Freundschaft.

Doch trotzdem gibst du nicht auf. Trotzdem überkommt dich immer wieder der Drang zur Suche. Zum rastlosen herumwandern.

Weil irgendwo muss es in dort draußen geben.

Deinen Menschen.
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