Dunkle Halloweennacht von split (Laufend)
Inhalt: Felix arbeitet als AuPair bei einer Gastfamilie in Virginia und am Anfang noch Probleme Kontakte zu knüpfen. Umso mehr freut er sich, als der älteste Sohn der Familie ihn zu einer Halloweenpartie am College einlädt. Doch der Abend verläuft nicht so, wie er sollte und wer ist der geheimnisvolle Kobold, der sich ihm auf der Partie nähert?
Genres: Paranormale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Challenges: Halloqueer Challenge
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 19/04/09
Aktualisiert: 01/02/10
Anmerkungen zur Geschichte:Beitrag zur Halloqueer-Challenge 2008
Kapitel 1
20.10.08

***

Müde saß Felix am Küchentisch, fuhr sich durch die dunkelblonden Haare und hielt sich an einer heißen Tasse Tee fest. Er war nun schon seit drei Wochen in diesem Haus als Au Pair angestellt und obwohl es manchmal etwas anstrengend war, gefiel ihm seine Arbeit noch immer. Wenn er sich nicht gerade um die beiden Kinder der Familie Cain kümmerte, hatte er genug Zeit, die Stadt zu erkunden und seine Sprachkenntnisse auszubauen.
Dass er eine Gastfamilie in Virginia an der amerikanischen Ostküste gefunden hatte, konnte er noch immer kaum glauben. Da ein männliches Au Pair ungewöhnlich war, hatte er es am Anfang schwer gehabt, eine Familie zu bekommen, doch schließlich hatte er Glück. Die Familie Cain hatte ihn freundlich aufgenommen und ihm Sarah und Brian anvertraut. Die beiden schliefen mittlerweile, während Mr. und MRs. Cain noch unterwegs waren.
Es gab momentan nur eine Sache, die Felix ein wenig Sorgen bereitete. Brian, der achtjährige Junge, schien einfach nicht mit ihm warm zu werden. Er war nicht frech oder vorlaut und tat auch, was man ihm sagte, doch er schien irgendwie immer distanziert. Seine drei Jahre jüngere Schwester Sarah hatte Felix unterdessen ins Herz geschlossen und hing förmlich an ihm.
Vielleicht sollte er sich nicht so viele Gedanken darüber machen, denn schließlich war er noch nicht so lange hier und eigentlich noch immer ein Fremder.
Felix gähnte herzhaft und stand auf, um seine Tasse wegzuräumen. Er würde noch eine Weile chatten und dann auch bald schlafen gehen. Die Kinder mussten am Morgen wieder zeitig raus und zur Schule gebracht werden.
Als Felix in den Flur trat, weckte das Geräusch eines Schlüssels im Türschloss seine Aufmerksamkeit. Waren die Cains schon zurück? Normalerweise kamen sie doch nicht vor zehn nach Hause, wenn sie zu einem Geschäftsessen unterwegs waren. Soviel hatte er schon mitbekommen.
Doch als die Haustür aufging, stand da nur ein junger dunkelhaariger Mann, der nicht viel älter als Felix sein konnte. Er schloss die Tür hinter sich und bemerkte Felix, als er seine Schuhe auszog.
„Hi.“
„Ähm, hallo“, erwiderte Felix irritiert. Nicht nur, weil der Fremde so ruhig blieb, sondern auch, weil er das Gefühl hatte, das Gesicht irgendwoher zu kennen. Er konnte sich nur nicht erinnern, woher.
„Du bist also der Neue. Mom hat schon erwähnt, dass das neue Au Pair diesmal etwas ungewöhnlich ist. Hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich männliche Nannys gibt.“
„Ist selten, aber kommt vor“, entgegnete Felix noch immer etwas perplex. Nun erinnerte er sich auch wieder, woher er den anderen kannte. Das war der älteste Sohn der Cains. Er war auf einigen Fotos im Wohnzimmer zu sehen. Da er studierte und in einem Wohnheim auf dem Campus der hiesigen Universität lebte, hatte Felix ihn bisher noch nicht getroffen.
„Ähm, ich bin Felix. Mr. und MRs. Cain sind noch unterwegs.“
„Dachte ich mir. Ich bin Leo. Lass dich von mir nicht stören.“ Leo legte seine Jacke ab und ging in die Küche. Nach kurzem Zögern, folgte Felix ihm. Seine Neugier drängte die Müdigkeit für den Moment zurück. Als er in die Küche trat, kramte Leo bereits im Tiefkühlfach.
„Sophie hat Auflauf gemacht. Die Reste stehen im Kühlschrank, ganz oben“, erwähnte er leise und Leo sah auch sofort nach.
„Genau das, was ich jetzt brauche. Sophie, die gute Seele, ist schon ewig hier angestellt und die beste Köchin der Welt.“ Er holte den Auflauf raus, kippte sich eine große Portion davon auf einen Teller und schob ihn in die Mikrowelle. Während er darauf wartete, dass sein Essen warm wurde, wandte er sich gelangweilt zu Felix.
„Und, was treibst du so, wenn du nicht auf die Knirpse aufpassen musst?“
Felix zuckte mit den Schultern. „Die Umgebung besichtigen. Mein Englisch verbessern. Den amerikanischen Führerschein machen. Mein Deutscher gilt hier leider nicht.“
„Klingt langweilig“, meinte Leo trocken. „Du solltest mal ein paar Clubs in der Großstadt besuchen, sonst versauerst du hier.“
Felix zuckte erneut nur mit den Schultern. Das hatte er ursprünglich auch vorgehabt. Doch bisher hatte er noch nicht die Lust verspürt, abends alleine loszuziehen. Außerdem war es schwierig abends ohne Auto irgendwohin zu kommen. Die Busse fuhren dann nämlich nur noch spärlich. Das war einer der Nachteile an dem ruhigen kleinen Ort, in dem er da gelandet war.
Andererseits hatte er vor einigen Tagen im Park am Spielplatz zwei Au Pair Mädchen kennen gelernt. Vielleicht konnte er mit denen mal was unternehmen. Sie waren zumindest schon länger hier als er und kannten bestimmt ein paar gute Clubs.
„Wie kommst du mit Sarah und Brian zurecht?“, wollte Leo wissen und wechselte so für den Moment das Thema. Die Mikrowelle bingte leise und Leo holte sein Essen heraus, um sich damit an den Tisch zu setzen. Felix setzte sich ihm gegenüber, bevor er antwortete.
„Sarah ist ein Engel, aber für ihre fünf Jahre ganz schön altklug. Brian ist auch umgänglich, aber etwas distanziert. Er scheint mit mir noch nicht recht warm geworden zu sein, aber ich hoffe, dass das noch wird.“
Leo grinste und schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, das liegt nicht an dir. Du bist ja in diesem Haus nicht das erste Au Pair, wie du sicherlich weißt. Am Anfang war Brian richtig anhänglich bei den Mädchen. Aber er hat gelernt, dass sie nach ein paar Monaten wieder gehen. Es hat ihn jedes Mal schwer getroffen, auch wenn er es nicht zeigen wollte. Mittlerweile versucht er wohl, die Au Pairs gar nicht erst zu mögen, damit ihm der Abschied später nicht so schwer fällt. Kaum zu glauben, dass ein Achtjähriger schon so denkt. Aber verständlich ist es. Mir ging es auch nicht anders.“
„Oh, du…“ Felix brach ab. Also war Leo auch von Fremden groß gezogen worden. Klar, das war ja nicht anders zu erwarten gewesen.
Leo lächelte nur und Felix fand, dass es dem Größeren stand, obwohl es ihm etwas kühl vorkam.
„Unsere Eltern sind mit ihrem Beruf verheiratet. Schon immer. Sie lieben uns, aber sie zeigen es auf ihre Art... und Zeit mit uns zu verbringen, gehört selten dazu. Man gewöhnt sich dran.“
„Öhm, danke, dass du mir das erzählt hast. Es wird mir im Umgang mit Brian helfen“, meinte Felix nach einer Weile des Schweigens etwas verlegen, doch Leo winkte nur unwirsch ab.
„Ja klar. Hast du schon was zu Halloween vor?“, wechselte er erneut abrupt das Thema.
„Halloween?“
„Ja, am Samstag. Kennst du das nicht?“
„Doch, schon. Aber ich hatte es schon wieder vergessen und bei uns ist es auch eher ne kommerzielle Sache, die sich nur langsam ausbreitet. Wobei, wer feiern will, der nutzt jede Gelegenheit. Jedenfalls hab ich nichts geplant. Ich werd mit Sarah und Brian durch die Straßen ziehen. Die beiden wollten mir unbedingt alles zeigen und wenn ich mich recht erinnere, muss ich Brian dann auch noch bei einer Kinderparty abliefern.“
„Die Zwerge bist du spätestens um neun los. Was ist danach? Willst du den Abend vor der Glotze verbringen?“
Felix zuckte nur wieder mit den Schultern. So weit hatte er noch nicht gedacht.
„Komm doch auf den Campus. Da gibt es einige Partys, die alles andere als langweilig sind. Da wird es kein Problem sein, Leute kennen zu lernen und Spaß zu haben. Am Abend fährt auf jeden Fall noch ein Bus in die Stadt und dann übernachtest du eben dort. Alles kein Problem.“
„Ist das dein Ernst?“
„Klar. Klatsch dir etwas Farbe ins Gesicht, wickel dich in ein paar zerrissene Klamotten und dann kannst du dich unter die Feiernden mischen. Auf dem Campus kann ich dir dann auch ein paar Leute vorstellen.“
Felix zögerte, denn das kam doch etwas plötzlich, aber er würde hier wirklich versauern, wenn er diese Gelegenheit nicht nutzte. „Okay, ich werd’s mir überlegen und deine Eltern fragen, ob ich frei bekomme.“
„Tu das.“ Leo widmete sich ganz seinem dampfenden Auflauf und Felix hatte das Gefühl, dass das Gespräch damit erschöpft war. Also stand er auf. „Ich bin dann mal in meinem Zimmer. Bye.“
„Hm, bye.“ Leo sah nicht auf, als Felix die Küche verließ.

Am nächsten Morgen war Leo bereits wieder verschwunden und in den folgenden Tagen hatte Felix kaum Zeit an die Einladung zu denken. Sarah musste zu ihrem Klavierunterricht und zu einem Kindergeburtstag, während Brian zum Baseballtraining gebracht werden musste. Außerdem hatte er weiterhin Fahrstunden und noch einige andere Sachen zu erledigen.
In der wenigen Zeit, die dazwischen noch blieb, schaffte Felix es zumindest einmal zur Uni zu fahren, damit er schon einmal die Strecke kannte. Am Ende kam Halloween schneller als er gedacht hätte und überrannte ihn förmlich.
Gemeinsam mit einer kleinen Prinzessin und einem wilden Monster mischte sich Felix am frühen Abend unter die vielen anderen kostümierten Kinder. Nachdem sie Brian bei seinen Freunden abgeliefert hatten, zog Felix mit Sarah von Haustür zu Haustür und ließ sich zeigen, wie man am meisten Beute machte. Immer wieder wurde er von der Vielfalt der Halloweendekoration auf den einzelnen Grundstücken förmlich erschlagen. Flackernde Kürbisfratzen, künstlich kichernde Hexen auf ihren Besen und Bettlakengeister waren da noch das Geringste.
Als Sarahs Tüte schließlich reichlich voll war und die Kleine versuchte, das erste Gähnen zu verstecken, schlug Felix mit ihr den Rückweg ein.
Als sie sicher bei ihren Eltern angekommen war, machte Felix sich auf den Weg zur Party. Er nahm einen der letzten Busse in die Stadt und erreichte nach einer endlos erscheinenden Fahrt den Campus. Er war sich noch immer nicht sicher, ob es eine gute Idee war, hierher zu kommen und wie lange er bleiben würde. Doch jetzt, wo er einmal hier war, konnte er auch feiern. Leo hatte ihm die perfekte Möglichkeit geboten, mal etwas zu erleben und die würde er jetzt auch nutzen. Dazu war er fest entschlossen.
In einem geparkten Auto betrachtete er noch mal sein Spiegelbild. Da er kein großer Fan von Verkleidungen war, war sein eigenes Outfit entsprechend spärlich ausgefallen. Seine blonden Haare standen dank einer großen Portion Haargel in alle Richtungen ab. Gesicht und Hals lagen unter einer dicken Schicht weißer Schminke und die Augen waren schwarz umrandet. Eine große künstliche Fleischwunde an seinem Hals zeigte seinen Zustand deutlich. Das ehemals weiße Hemd hatte Sarah mit Freuden für ihn durch einen Haufen Dreck gezogen und dann mit viel roter Farbe bespritzt. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.
Als Felix den Campus erreichte, merkte er wieder einmal, wie anders man hier Halloween feierte. Auch hier hatte man nicht an der Dekoration gespart. Ein Spalier von erleuchteten Kürbisfratzen zeigte ihm den Weg und auch hier waren verkleidete Menschen unterwegs, die sichtlich Spaß hatten.
Laute Musik war schon von weitem zu hören und Felix brauchte nur der Schar von Vampiren, Monstern, seltsamen Tieren und fremden Wesen zu folgen, um das richtige Gebäude zu finden.
Als er durch die offene Tür trat, fiel ihm ein, dass er keine Ahnung hatte, wie er Leo finden sollte. Der war doch sicherlich auch bis zur Unkenntlichkeit verkleidet. Trotzdem stürzte Felix sich in die Menge, nachdem er seine Jacke am Eingang einer hübschen Hexe übergeben und dafür einen kleinen Zettel mit einer Nummer bekommen hatte.
Felix wusste nicht, wie es hier normalerweise aussah, doch im Moment gab es hier im Foyer des Gebäudes keinen Zentimeter, der undekoriert war. Sofas und Tische hatte man an die Wände geschoben, um das Zentrum als große Tanzfläche zu nutzen. Die Decke war vor lauter Luftschlangen, Luftballons und bunter Lichter nicht mehr zu sehen. An einer Seite gab es eine kleine Bar, auf die Felix zusteuerte. Nachdem er sich durch die tanzende Menge gedrängt hatte, hatte er bald seinen ersten Punsch in der Hand. Natürlich war dieser stark mit Alkohol verdünnt worden, doch er schmeckte überraschend gut.
Mit dem Getränk versorgt, suchte er sich am Rand erst einmal einen ruhigen Platz und beobachtete die anderen. Hier war tatsächlich ganz schön was los und wer kein Fan von Partys war, der würde in diesem Haus heute keine Ruhe finden.
Eine Weile betrachtete Felix das Treiben so von der Seite, doch als sein Becher leer war, mischte er sich schließlich selbst unter die Tanzenden. Er vergaß die Zeit und folgte einfach dem Rhythmus der Musik. Um sich herum konnte er immer wieder die Berührungen anderer Körper spüren, die Fratzen der grusligen Masken sehen. Doch die Berührungen waren flüchtig und die Gesichter vermischten sich zu einer Einheit.
Als Felix sich wieder einmal um sich selbst drehte, stand da plötzlich ein Kobold vor ihm. Er stach aus der Masse heraus, denn er tanzte nicht, bewegte sich nicht mal ein bisschen. Still stand er in der wogenden Menge und beobachtete Felix schweigend. Seine Maske verdeckte nur die obere Gesichtshälfte und wirkte realistisch. Die angeklebten spitzen Ohren stachen unter einem Mopp aus rostbraunem Haar hervor, während der Körper in einem dunkelgrünen Hemd und einer erdfarbenen Hose steckte.
Felix versuchte sich an einem kurzen Grinsen und tanzte weiter, doch der Fremde hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Langsam kam dieser näher und lehnte sich schließlich nahe an Felix Ohr, damit der ihn verstehen konnte. „Mit der weißen Schminke und den hellen Klamotten strahlst du zwischen all den Ungeheuern wie die Sonne im Hochnebel, obwohl die große Wunde an deinem Hals ja nicht gerade schmeichelhaft ist. Ohne Verkleidung hättest du nicht mehr unter all den Leuten auffallen können.“
Ein Lächeln zierte die Lippen des Fremden und Felix blieb abrupt stehen. Fiel er wirklich so sehr auf? Er hasste es doch, im Mittelpunkt zu stehen. War das eine Anmache gewesen? Wollte der andere ihn nur aufziehen? Felix wusste nicht, was er darauf antworten sollte, doch er konnte sich auch nicht einfach umdrehen und weiter tanzen. Dafür stand der Fremde zu nah. Sein herber Geruch schien Felix förmlich zu umnebeln.
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten.“
„Nein, nein, das bist du nicht… Ich hab nur… du…“ Felix stammelte verlegen vor sich hin und hoffte, dass das wenige Licht und die laute Musik seine Unsicherheit wenigstens ein wenig kaschieren würden. Aber soviel Glück hatte er wohl nicht. Gott, wieso konnte er nicht einfach eine coole Antwort geben und dann verschwinden. Oder sich wahlweise dem anderen an den Hals werfen, denn der sah nun wirklich nicht übel aus. Das konnte man auch trotz der Maske erkennen.
Felix atmete kurz durch und nahm seinen Mut zusammen. „Hey, ein Kobold ist ja nun auch nicht gerade üblich in dieser Gegend.“
„In Zeiten der Völkerwanderung, kann man das so pauschal nicht sagen. Ich bin übrigens Josh.“ Er grinste und Felix erwiderte es automatisch. Der größere Mann war ihm auf jeden Fall sympathisch.
„Ich bin Felix.“
„Freud mich, dich kennen zu lernen Felix. Du kommst nicht von hier, oder?“
„Nein.“ Mehr wollte Felix nicht sagen, denn so Typen wie Josh fanden es meistens eher uncool, wenn er erwähnte, dass er als Au Pair angestellt war.
„Willst du tanzen?“, fragte er schließlich mutig und verstand nicht gleich, was Josh an der Frage lustig fand.
„Das tun wir doch schon“, erklärte er und Felix stutzte. Tatsächlich, er hatte gar nicht bemerkt, wie sie begonnen hatten, sich gemeinsam im Rhythmus der Musik zu bewegen. Verlegen sah er zur Seite. Man war das peinlich.
Eine Zeitlang tanzten sie nah beieinander. Ihre Körper bewegten sich immer wieder gegeneinander und Felix fühlte sich einfach großartig. Der Durst zwang ihn jedoch bald zu einer Pause. Josh folgte ihm an die Bar. Mit Getränken versorgt, stellten sie sich erst einmal etwas abseits und unterhielten sich dort über alles Mögliche. Auch jetzt berührten sie sich immer wieder in kurzen Gesten.
Felix konnte kaum glauben, wie selbstverständlich sich Joshs Nähe anfühlte. Er hoffte schon jetzt, den anderen auch nach diesem Abend wieder zu sehen. Ob es Josh genauso ging? Oder würde der ihn am Morgen schon wieder vergessen haben? Felix konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn plötzlich lag eine schwere Hand auf seiner Schulter und lenkte ihn ab.
„Felix. Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt.“
Irritiert sah Felix zur Seite und erkannte an der Stimme den Sohn seiner Gastfamilie.
„Leo!? Ich bin schon lange da, wusste aber nicht, wie ich dich finden soll.“
„Schon klar. Komm mit. Ich stell dich ein paar Leuten vor.“ Leo drückte ihm einen frischen Becher mit Punsch in die Hand und zog ihn, ohne weiter zu fragen, mit sich.
„Warte doch mal.“ Felix wandte sich nach Josh um, um ihn zu fragen, ob sie sich wiedersehen würden, doch sein Kobold war spurlos verschwunden. Etwas enttäuscht folgte er Leo. Der führte ihn über Treppen in den zweiten Stock, wo ebenfalls viele kostümierte Leute herumstanden, sich unterhielten und etwas tranken oder aßen. Vereinzelt standen Türen offen und man konnte das Chaos in den Zimmern dahinter sehen.
In eines dieser Zimmer zog Leo Felix und schloss dann hinter ihnen die Tür. So wurden die Geräusche vom Flur etwas gedämpft. Auf dem Bett des aufgeräumt wirkenden Raumes saßen zwei verkleidete Männer. Sie trugen schwarze Overalls mit weißem Skelettaufdruck und ihre Gesichter waren weiß geschminkt. Mit schwarzem Kajal waren die Augenhöhlen betont und Schädelknochen auf die Haut gemalt wurden. Wie bei einem Totenkopf. Zusätzlich hatten sie ihre Haare kurzgeschoren. Sie wirkten in der Verkleidung tatsächlich etwas gruslig.
Felix hatte langsam das Gefühl, dass er an diesem Abend der einzige war, den man trotz Schminke wiedererkannte.
„Na los, setz dich dazu und trink. Hast du schon gegessen?“
Felix setzte sich nach einem kurzen Gruß zu den anderen beiden aufs Bett und beantwortete dann Leos Frage. „Nein, hab noch nichts gegessen. Jetzt wo du‘s erwähnst. Ich sollte dann was holen.“ Er trank einen großen Schluck von seinem Punsch und drehte den Becher dann nervös zwischen seinen Händen. Er fühlte sich hier nicht wirklich wohl. Leos Freunde waren nicht gerade gesprächig und irgendwie wirkte Leo selbst irgendwie kalt. Anders noch als an dem Abend, wo sie sich in dessen Elternhaus unterhalten hatten.
Felix versuchte das Gespräch in Gang zu halten, um sich von diesen beunruhigenden Gedanken abzulenken. „Was studiert ihr eigentlich?“
„Wirtschaft. Nichts Aufregendes. Aber das ist kein Thema für den Abend. Wie gefällt dir denn die Party bisher?“ Leo drehte sein Mobiltelefon zwischen den Fingern der rechten Hand, als würde er einen Anruf erwarten, während die anderen beiden nur abwechselnd schweigend an einem Glimmstengel zogen.
„Ja, ist super hier.“ Wieder trank Felix einen Schluck. Er fühlte sich plötzlich etwas müde. Wahrscheinlich, weil er nach all der Bewegung jetzt zur Ruhe kam. Er gähnte verhalten, während sein Körper immer schwerer wurde.
„Tschuldigung, weiß gar nicht, was auf einmal los ist. Vielleicht brauch ich frische Luft.“
„Kein Problem. Kannst dich ja etwas hinlegen… Jungs macht mal Platz… die richtige Party geht eh erst nach Mitternacht los. Da wecken wir dich einfach.“
Felix wollte protestieren, doch sein Körper sank wie von selbst aufs Bett zurück. „Okay… ein paar Minuten vielleicht…“, nuschelte er stockend, bevor es dunkel um ihn wurde.

Als Felix wieder zu sich kam, fühlte er sich wie erschlagen. Es brauchte einen Moment, bis er sich erinnerte, wo er war. Oder sein sollte, denn das war auf keinen Fall mehr Leos Zimmer. Und das Harte etwas worauf er lag, war auch kein Bett. Eindeutig.
„Ich hab doch gesagt, dass wir dich wecken, wenn es interessant wird… Andererseits hätte es nicht geschadet, wenn du einfach weiter geschlafen hättest.“
Leos Stimme erklang rau und unfreundlich über Felix, so dass dieser endlich seine Augen öffnete und sich umsah. Er blinzelte ein paar Mal, doch das surreale Bild blieb.
Sie befanden sich anscheinend im Wald, umgeben von den dunklen Schatten langsam kahl werdender Bäume. Über ihnen funkelte der dunkle, sternenklare Himmel. Das Harte, worauf er lag, stellte sich bei näherer Betrachtung als große Steinplatte heraus. Als Felix sich aufsetzen wollte, spürte er, dass seine Hände und Füße gefesselt waren. Was zum Teufel sollte das hier werden? „Hey! Macht mich sofort los!“
Die maskierten Gestalten, die um ihn herum standen, ignorierten seine Worte jedoch. Langsam bekam Felix Angst und die unruhig flackernden Fackeln, die vereinzelt im Boden steckten machten das Ganze noch viel grusliger. Er wusste nicht, was die vorhatten. Ob es nur ein schlechter Witz auf seine Kosten oder voller Ernst war.
„Bindet mich, verdammt noch mal, los!“, forderte er erneut und zerrte dabei an seinen Fesseln. Doch die schnitten nur schmerzhaft in seine Gelenke anstatt nachzugeben. Wieder erklang Leos Stimme über ihm.
„Scht jetzt! Im Morgengrauen wirst du unversehrt wieder zu Hause sein… mehr oder minder.“ Böses Gelächter war daraufhin von verschiedenen Seiten zu hören und Felix lief es eiskalt den Rücken hinunter.
„Der Kleine sieht wirklich niedlich aus. Vielleicht können wir ja hinterher noch etwas Spaß mit ihm haben“, meinte jemand von der Seite und Felix sah erschrocken in die Richtung, aus der die fremde Stimme gekommen war. Mittlerweile bebte sein Körper vor Angst und panisch begann er wieder an seinen Fesseln zu zerren.
„Lasst mich gehen! Hiiiilfe!“ Felix schrie so laut er konnte, doch schneller als er dachte, hatte er plötzlich einen Knebel im Mund. Erschrocken versuchte er seinen Atem zu beruhigen um den Würgereiz unter Kontrolle zu bekommen.
„Dich hört hier zwar eh keiner, aber wenn du so rumschreist, stört das das Ritual. Keine Sorge, es wird schnell gehen.“
Kein bisschen beruhigt, beobachtete Felix, wie sich alle auf einmal im Kreis aufstellten. Leo trat vor und hob die Arme gen Himmel. „Brüder, es ist soweit! Lasst uns beginnen.“
Von einem dumpfen Trommelton begleitet, stimmten alle in einen Sprechgesang ein, dessen Worte Felix nicht verstand. Das tiefe Vibrieren der Stimmen ging ihm in den Körper und sorgte erneut für Gänsehaut.
Leo begann nun, unverständliche Worte zu murmeln. Ängstlich verfolgten Felix braune Augen dessen ausschweifende Gesten. Seine aufkeimende Faszination schlug schnell in Panik um, als er sah, wie der Maskierte nach einer Schale und einem Messer griff und damit auf ihn zukam. Der Knebel erstickte seine Schreie, als er versuchte, sich von der Bedrohung fortzubewegen, doch die Fesseln hielten ihn auch weiterhin an Ort und Stelle.
Als er den kalten Stahl des alten Dolches an seinem Unterarm spürte, erstarrte er förmlich, doch die Klinge schnitt unaufhaltsam in seine empfindliche Haut. Da erklang eine Stimme außerhalb seines Sichtfeldes.
„Das würde ich an eurer Stelle sein lassen.“
Das Messer verschwand, doch aus der Schnittwunde quollen bereits die ersten Blutstropfen und fielen in die kleine Schale in den Händen seines Peinigers.
„Ach ja? Und wer bist du Witzfigur, dass du meinst, dich hier einmischen zu müssen? Stellt ihn ruhig. Wir kümmern uns später um ihn.“ Felix konnte nicht genau erkennen, was um ihn herum passierte, doch plötzlich waren die Geräusche einer Schlägerei zu hören.
Leo verschwand aus seinem Blickfeld, dafür tauchte jemand anderes auf und dann konnte Felix spüren, wie sich seine Fesseln lösten. Hastig setzte er sich auf und während er mit seinen Augen versuchte, einen Überblick der Situation zu bekommen, löste er den Knebel.
Die maskierten und geschminkten Teilnehmer des Rituals waren in einen Kampf gegen eine Handvoll anderer Männer verwickelt. Sie trugen alle die gleichen Koboldmasken, trotzdem konnte Felix Josh unter ihnen erkennen. Obwohl die Kobolde zahlenmäßig unterlegen waren, hatten die anderen keine Chance. Einer nach dem anderen gingen Felix Entführer zu Boden und rührten sich nicht mehr.
Schließlich standen nur noch die Kobolde und Leo. Hinterhältig griff er Josh mit dem Dolch an. Doch der hatte keine Probleme, der scharfen Klinge auszuweichen. Es dauerte nicht lange, bis der Dolch zu Boden fiel und dessen Besitzer ihm unelegant folgte.
Josh kniete sich neben ihn und nahm ihm die Maske ab. Darunter kam Leos schmerzverzerrtes Gesicht zum Vorschein.
„Ihr habt eure Masken wirklich gut gewählt. Sie spiegeln euer Inneres nur all zu gut wieder.“
Josh nahm etwas aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel, blies es dem anderen ins Gesicht und fesselte dann dessen Handgelenke hinter dem Rücken. Während seine Kameraden dasselbe bei allen anderen taten, kam Josh zu Felix. Der saß noch immer auf dem Stein und drückte ein Tuch, das er in seiner Hosentasche gefunden hatte, auf die blutende Wunde. Misstrauisch verfolgte er, was die anderen machten.
„Hey Kleiner, alles in Ordnung? Zeig mal deinen Arm.“
Felix reagierte nicht, sondern starrte den anderen nur an.
„Schock, hm? Keine Angst, das wird wieder.“ Er kniete sich vor ihm hin und griff langsam nach dessen Arm. Als er keine Abwehrreaktion bekam, zog er das Tuch beiseite und besah sich den Schnitt.
„Ist nicht tief. Es hört schon auf zu bluten.“ Vorsichtig strich Josh mit dem Daumen über die Haut, bevor er das Tuch wieder darauf presste. Aufmunternd lächelte er Felix zu, doch der starrte nur an ihm vorbei.
„Was habt ihr mit denen gemacht?“ Felix Stimme war nur ein heißeres Flüstern, denn plötzlich kam die Angst zurück. Im Licht der Fackeln konnte Felix deutlich sehen, wie die Gesichter der Männer immer roter wurden und sich unansehnliche Pusteln auf der Haut bildeten. Wie ein Ausschlag. Bei einem konnte er auch die Hände sehen und dort sah die Haut nicht besser aus.
„Was hast du gemacht?“, fragte Felix erneut und zog seine Hände nun panisch aus dem Griff des Größeren.
„Scht, beruhige dich. Das geht wieder weg. Das Pulver sind nur geriebene Pflanzen, die eine allergische Reaktion verursachen. Total harmlos, aber wirklich lästig. Keine Sorge. In ein paar Tagen ist das wieder verheilt.“
„Wi-wieso?“ Felix machte sich nicht wirklich Sorgen um seine Entführer, doch er wusste nicht, was er von all dem halten sollte und so etwas hatte er bisher noch nicht gesehen.
„Wieso wir das machen?“, fragte Josh nach und antwortete dann auch gleich. „Das ist leider nicht das erste Mal, das sie so einen Scheiß bauen, aber leider können wir nicht viel tun. Das sind alles reiche Söhnchen. Das Geld ihrer Eltern, holt sie aus jedem Ärger. Aber so ein kleiner Denkzettel dürfte wenigstens ein paar von ihnen zur Vernunft bringen.“
Felix hatte das Gefühl, dass da noch viel mehr dahinter steckte, doch er wollte nicht mehr nachfragen. Ihm war es genug. Trotzdem blieb er skeptisch.
„Es tut mir leid, dass du da mit hinein gezogen wurdest. Kann ich dich nach Hause fahren? Du wohnst ja nicht auf dem Campus und jetzt fährt kein Bus mehr.“
Felix wollte ablehnen, doch er fühlte sich noch immer wie erschlagen. Was auch immer Leo ihm in den Drink getan hatte, wirkte noch immer. Außerdem wusste er nicht einmal, wo sie gerade waren.
„Na los, gib dir nen Ruck.“ Josh stand auf und streckte ihm seine Hand einladend entgegen. Felix zögerte noch einen Moment, doch dann ließ er sich aufhelfen und folgte ihm.
Bald bemerkte Felix, dass der Wald ein Teil des Campusparks war. Als sie am Gebäude, wo die Party stand fand, vorbeikamen, holten sie noch kurz seine Jacke. Dann liefen sie schweigend über die Pfade, bis sie an einem kleinen Parkplatz ankamen. Vor einem dunkelblauen Wagen blieb Josh schließlich stehen und schloss ihn auf.
Felix ließ sich auf den Beifahrersitz sinken, schnallte sich an und erklärte Josh, wo sie hin mussten. Während der Fahrt, wanderte Felix Blick unwillkürlich immer wieder zu Josh. Obwohl die Maske, die dieser trug, vollkommen anders war, als die seiner Entführer, machte sie ihn doch nervös.
„Josh, könntest du vielleicht die Maske abnehmen?“
„Oh, sorry. Klar. Du hast wahrscheinlich erst einmal die Schnauze voll von Masken und Kostümen. Die ist nur so leicht, dass man sich dran gewöhnt und sie kaum noch bemerkt.“ An der nächsten roten Ampel nahm Josh die Maske ab und warf sie hinter sich auf die Rückbank. Felix flüsterte ein leises ‚Danke‘ und sah dann wieder nach draußen. Viel gab es dort nicht zu sehen, denn es war stockdunkel. Ein Blick auf die rotleuchtenden Ziffern am Armaturenbrett sagte ihm, dass es bald ein Uhr war. Sie ließen die vereinzelten Lichter der Stadt hinter sich und fuhren auf die Landstraße. Da es nun gar nichts mehr zu sehen gab, trifteten Felix Augen langsam zu. Die Müdigkeit gewann die Oberhand über ihn.
Erst vor dem Haus der Cains schreckte er aus einem leichten Schlaf und sah sich einen Moment verwirrt um. Das Haus, wie auch die Nachbarschaft, lagen im Dunkeln, während der Wagen am Rande des Lichtkegels einer Straßenlaterne stand. Gedankenversunken starrte Felix in die Finsternis. Verzweifelt versuchte er zu verarbeiten, was in dieser Nacht passiert war, doch es war schwer. Er wollte sich nicht ausmalen, was noch alles hätte passieren können oder was diese Typen und Leo mit ihm vorgehabt hatten. Im Endeffekt sollte er Josh also wirklich dankbar sein.
„Kann ich mich für deine Hilfe irgendwie revanchieren?“, fragte er leise und schaffte es sogar, den Größeren einen Moment lang anzusehen.
Doch Josh winkte nur ab, bevor ein breites Grinsen sein Gesicht zierte. „Lass gut sein. Aber wenn du wieder mal Lust auf Party hast, dann ruf mich an. Da, wo ich feiere, geht garantiert niemand mit nem Messer auf dich los.“ Er zwinkerte Felix verschwörerisch zu und hielt ihm dann einen Zettel mit einer Nummer und einer Mailadresse unter die Nase. Felix nahm ihn automatisch an und steckte ihn in seine Hosentasche.
„Das werde ich“, erwiderte er und meinte es sogar so. Schließlich hatte er den Abend mit Josh ziemlich genossen, bevor Leo aufgetaucht und alles aus dem Ruder gelaufen war.
„Öhm, ich werd dann mal.“ Felix öffnete die Tür, blieb jedoch noch sitzen. Josh bemerkte das Zögern und setzte sein ganzes Glück auf eine Karte. Er legte seine Hand an die Wange des Kleineren, drehte dessen Gesicht zu sich und stahl sich einen Kuss von dessen weichen Lippen. Schnell löste er sich wieder und beobachtete erleichtert, wie ein kleines Lächeln sich auf Felix Lippen breit machte.
„Danke noch mal, für‘s Fahren“, meinte er leise und stieg nun endlich aus.
„Jederzeit wieder“, antwortete Josh und ließ dabei offen, ob er sich auf das Fahren oder den Kuss bezog. Er wartete bis Felix die Beifahrertür geschlossen hatte, bevor er sich auf den Rückweg in die Stadt machte. Dank Leo und seiner Freunde war seine Nacht leider noch nicht zu Ende.
Felix sah ihm unterdessen noch einige Augenblicke hinterher, bevor er seinen Haustürschlüssel aus seiner Hosentasche fischte.
‚Nächstes Jahr werde ich einen großen Bogen um Halloween machen‘, war Felix letzter Gedanke, bevor er endlich erschöpft in seinem Bett einschlief.

Tbc Huch
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=86