Der Tischler ist tot, es lebe der Holzmann von SoNo (Laufend)
Inhalt: Silas, der sich nie an seine Träume erinnert und einen eigenen Dschungel in seinem Wohnzimmer pflegt, ist Tischler und als er zum jüngsten Tischlermeister seiner Region wird, freut ihn das schon irgendwie, denn so kann er endlich eine eigene Werkstatt eröffnen. Aber dann taucht ein ganz und gar sonderbarer Typ in seinem geregelten Leben auf und behauptet der König der Finsternis zu sein. Was Silas erst für einen geschmacklosen Scherz hält, wird schnell bitterer Ernst.
Genres: Paranormale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 4
Veröffentlicht: 20/06/11
Aktualisiert: 25/06/11
Prolog
In dem Zustand, der fast wie ein Traum war, war sein Herz das erste, was er fühlte.

Es schlug.

Silas öffnete die Augen und über allem war Licht. Das Nichts, das ihn umgab, war voll davon und es umhüllte ihn ganz warm. Wind strich über seine Haut. Sein Körper war leicht, er schwebte in der unendlichen Helligkeit, denn es gab nichts, das ihn nach unten zog. Seine neue Umwelt definierte sich durch eine Abwesenheit aller Dinge.

...Silas...

Ein Flüstern im Wind, so sacht, dass er es fast nicht hören konnte. Silas war sich nicht mal sicher, ob er Ohren oder einen Körper hatte, so leicht fühlte er sich in dem vollkommenen Licht, das ihn in sich aufhob.

...ich liebe dich...


Langsam hob er seine Arme und blickte auf seine Hände, die ganz hell waren. Er drehte sie, schloss sie, als wolle er das Licht ergreifen, doch es gelang ihm nicht. So leuchtend.
Andere Arme umfassten seinen Oberkörper, zogen ihn an den warmen Körper eines Mannes, ganz vertraut. „Silas“, erklang eine Stimme an seinem Ohr, dunkel und so weich wie das Leuchten um sie herum. Er wollte den Kopf drehen, doch der Mann legte eine Hand unendlich zärtlich über Silas' Augen. Also fühlte er nur.

...liebe mich...

Kleidung, an diesem Ort hatte sie keine Bedeutung.
Haut, warm und samtig an seiner.
Ein Duft nach Sommer in dem Wind, der sie berührte.
Langes Haar, dass auf seine Schultern fiel und nicht sein eigenes war.
Atem auf seiner Wange.

„Ich habe so lange auf dich gewartet, Silas.“

Durch die Finger auf seinen Lidern konnte er das Licht sehen.

„Wie lang?“

Zart strich eine Hand über seinen Hals.

„Seit dem Anbeginn der Welt. Seit dem Moment, in dem ich geschaffen wurde, habe ich auf dich gewartet.“

Einen Namen, hast du einen Namen?, dachte er.

„Wenn du willst, kannst du mich Adam nennen.“

Der Wind kam jetzt aus einer anderen Richtung.

„Ich habe eine Aufgabe für dich. Ich muss das Glück der ganzen Welt in deine Hände legen, Silas.“

Adam nahm die Hand von Silas' Hals und einen Wimpernschlag später war ein Brennen in seiner Brust, es schmerzte nicht, aber es war so heiß, so eine unvorstellbar große Hitze.

„Hab keine Angst.“

...fürchte dich nicht...

„Du musst mir jetzt genau zuhören. Du wirst einen Mann treffen, sein Name lautet Darius und er ist der König der Finsternis. Er hat bereits beschlossen, dich in seine Welt zu ziehen. Du wirst vergessen, was ich dir sage, aber du musst zuhören. Du musst die Waffe benutzen, die ich dir gebe.“

Das Brennen bewegte sich von seiner Haut aus in ihn hinein, langsam nur, Stück für Stück. Silas verstand nicht, was geschah, doch Adam hielt ihn sanft an sich gedrückt und drehte seinen Kopf ein wenig zu sich. Lippen berührten seinen Mund. So weich, so warm, wie das Licht.

Die Hitze erreichte sein Herz und wurde unendlich. In einem Stöhnen öffnete er den Mund und eine Zunge erstickte das Geräusch. Wie Honig, ganz süß schmeckte der fremde Mund.

...ich liebe dich...

Ein Augenblick, eine Ewigkeit, dann lösten sich die Lippen von seinen und das Brennen verschwand.

Sein Herz hörte auf zu schlagen.

In ihm war es hell und schön und doch schlug es nicht.

„Wenn er dir sagt, dass er dich liebt und es ist wahr, wird sich die Waffe wieder von dir lösen.“

...verliebe dich in mich...

„Und dann? Was soll ich tun?“, fragte Silas.

„Töte ihn.“

„Und wenn ich das nicht kann? Wenn... “

...töte dich selbst...

Adam löste sich von ihm.

„Du hast nur eine Chance. Sei stark.“

...alles Glück dieser Welt liegt jetzt in deinen Händen...
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Der Preis der Mühe
Silas erwachte in seinem Bett und spürte sein Herz in der Brust rasen. Hatte er gerade geträumt? Müde wälzte er sich auf die Seite und knautschte sein Kissen. War es ein schlechter Traum gewesen? Warum pochte sein Herz nur so? Er gähnte herzhaft in sein Kissen. Na ja, immerhin konnte er sich an nichts mehr erinnern, dann war es wohl nicht so schlimm gewesen.
Vielleicht ein Sextraum. Aber da er sich auch sonst nie an irgendwelche Träume erinnern konnte, entschloss er sich, nicht weiter darüber nachzudenken.

Wenn sich sein Herzschlag nur endlich beruhigen würde.

Vor seinem Wohnzimmerfenster war es noch dunkel, aber Silas konnte schon die ersten rosa Streifen an ein paar vereinzelten Wolken sehen, die einen schönen Tag ankündigten. „Ich kann genauso gut aufstehen“, sagte er und setzte sich auf, um sich gehörig zu strecken. Wie so häufig in den letzten Wochen war er auf dem Sofa eingeschlafen, zwischen seinen ganzen Pflanzen, die das Wohnzimmer in seinen persönlichen Dschungel verwandelten. „Warum habe ich eigentlich ein Schlafzimmer, wenn ich doch immer hier penne?“, fragte er sich laut, rieb sich durch die Haare und stand auf, weil seine Jeans unangenehm eng war. Erst einmal ins Bad, sich erleichtern.

Dann putzte er sich lustlos die Zähne und starrte sein Spiegelbild an. Die Tätowierung auf seiner Brust war ganz rot, aber das lag wohl an der Fernbedienung, die sich längs auf das stilisierte Schwert gedrückt hatte. Es war jetzt ein knappes Jahr her, dass er es sich in einer rebellischen Laune hatte stechen lassen, aber immerhin war es nichts Peinliches geworden. So wie bei seinem Kollegen Viktor, der jetzt einen unglaublich hässlichen Mops auf der rechten Arschbacke hatte. Seine Frau hatte ihm fast den Kopf abgerissen.

Einen guten Schuss kaltes Wasser später fühlte Silas sich hellwach und machte sich summend Frühstück in seiner kleinen Küche, die eine Durchreiche zum Wohnzimmer hatte, in der seine Kakteen standen, weil hier die meiste Sonne hinkam. Die Wohnung hatte nur achtundzwanzig Quadratmeter, also eher ein Wohnklo, aber sie war sein, was ihn jeden Tag aufs neue Stolz machte. Er lebte sehr sparsam, denn die Meisterausbildung hatte fast sein ganzes Geld verschlungen und er wollte ja auch so bald wie möglich eine eigene Werkstatt einrichten.

Nach dem er fertig gegessen hatte, warf er sich in seine Arbeitsklamotten, eine graue Hose mit viereckigen, schwarzen Cordstücken und vielen, voll gestopften Taschen und ein schwarzes T-Shirt. Er würde in der Arbeitskleidung zur Verleihung seines Titels gehen, denn darin hatte er ihn sich auch erarbeitet. Es störte ihn nicht weiter. Schließlich hatte er den Titel mehr um der Tradition willen gemacht, brauchen tat er ihn nicht, um eine Werkstatt zu eröffnen.

Gut gelaunt zog er noch seine Sicherheitsschuhe an und stiefelte zur Arbeit. So konnte er an seinem persönlichen Lieblingsstück, ein schönerer Zwilling seines Meisterstücks, noch ein bisschen Hand anlegen. Die Feierlichkeiten fanden erst am Nachmittag statt. Seine Eltern und seine zwei Schwestern würden extra am Mittag anreisen, obwohl sie keinen so engen Kontakt mehr hatten, seit er sich geoutet hatte. Das war auch der Grund für ihn gewesen, in eine Stadt fast siebenhundert Kilometer entfernt zu ziehen und dort einen Neustart zu wagen. Trotzdem schienen sie sich für ihn zu freuen und hatten zugesagt zu kommen.

Und er mochte sie auch, sonst hätte er ihnen in erster Linie gar keine Einladung geschickt.


-

Das Holz unter seinen Händen war ganz warm vom abschleifen. Silas konnte es riechen und spüren, fühlte die glatte Oberfläche, die weichen Fugen, die noch nicht ganz fertigen Stellen, an denen sich noch kleine Splitter aufrichteten, wenn er darüber ging. Die Werkstatt war hell erleuchtet und in einem Nebenraum schnitt sein Kollege Simon gerade Bretter zu. Das Kreischen der Säge war Musik in seinen Ohren. Tiefer, aber im gleichen Raum wie er, klopfte sein Chef Hans-Georg, den alle Hagen nannten, Dübel in vorgefräste Löcher.

Silas griff nach einem feineren Blatt Schleifpapier. Eigentlich könnte er es mit der Maschine machen, aber er liebte diese Arbeit, denn sie war besser als jeder Meditationskurs. Das gleichmäßige, kontrollierte Reiben war für ihn der Inbegriff des Wortes Handarbeit.

Aber bevor er sich in den nächsten Arbeitsgang versenken konnte, hörte er Hagens Stimme, die kraftvoll durch den langen Raum hallte. „Oi, Silas, is' gleich halb zwei. Du musst los.“ Ein bisschen verstimmt legte Silas das Schleifpapier zurück und wischte sich den Staub von den Armen und seiner Kleidung. Nur noch die Tür, dann konnte er den Schrank beizen und er wäre so gut wie fertig. „Hau rein, Mann, wolltest du dich net umziehen?“ Silas warf seinem bulligen Chef einen ignoranten Blick zu und streckte sich gähnend. „Nö.“ Dafür erntete er einen losen Klotz, dem er aber gekonnt auswich. Hagen warf häufiger mal was nach ihm und das nicht einmal gut. Lachend räumte er seine Werkbank auf und ging.

Silas wollte sich nur die Urkunde abholen. Dankesreden oder schöne Worte hatte er sich keine zu Recht gelegt, warum auch? Den Titel hatte er wegen seinem Opa gemacht, nicht für sich selbst. Aber der Opa war jetzt schon ein halbes Jahr tot, also wollte er auch kein großes Gehabe darum machen. Nur auf das Essen mit seiner Familie freute er sich. Ihnen zuliebe kämmte er sich den Holzstaub aus den dunkelroten Haaren und zog sein Ersatz-T-Shirt an, dass er in den Umkleiden aufbewahrte. Simon, ein langer und dürrer Typ Mitte dreißig, stieß zu ihm, der würde heute auch offiziell zum Meister werden. Im Gegensatz zu Silas zog der sich einen Anzug an und beobachtete, wie er sich das lange Haar wieder hochband. „Färbst du die eigentlich?“ Das hatte Simon ihn jetzt bestimmt schon hundert Mal gefragt und er nickte wieder, so wie jedes Mal, wenn diese behinderte Frage fiel. „Jap. Alle vier Wochen, damit ich keinen Ansatz hab.“ Aber das war eine Lüge. Leider war er mit diesem dunklen Kirschrot schon zur Welt gekommen.

„Klingst wie die Weiber.“ Tja, Schicksal. War ihm Wumpe, schließlich ging er offen damit um, dass er schwul war. Das hatte er von Anfang an so gehalten, denn er hasste Versteckspielchen. Mit einem entnervten Schulterzucken schlenderte er aus der Umkleide. Nicht alle fanden es so prickelnd, dass er sich nicht in die Norm einfügte. Sie ließen ihn nur deshalb in Ruhe, weil er wirklich überzeugende Arbeit ablieferte. Silas gab kein Stück raus, was er nicht selbst als perfekt befand. Es hatte niemanden gewundert, dass sein Prüfungsstück mit einer 1,0 benotet worden war.

Gelangweilt ließ er die Rede des Handwerkskammer-Vorsitzenden über sich ergehen und gähnte hin und wieder in seine Schulter. Heute Abend würde er sich den neuen Action-Streifen reinziehen, den er sich von Joachim, auch ein Kollege, geliehen hatte. Sein Nacken prickelte und er wurde das Gefühl nicht los, dass ihn jemand anstarrte. Seine Familie war noch nicht da, die konnten es nicht sein. Die Hände in den Hosentaschen und bequem in den Klappstuhl gelümmelt sah er über die anderen Leute hinweg. Die zukünftigen Meister saßen in den ersten fünf Stuhlreihen und dahinter standen Verwandte und Freunde. Da er in der letzten Reihe saß, fiel ihm ein Überblick nicht so schwer. Alle Anwesenden sahen normal aus und keiner davon schien ihn überhaupt zu beachten. Sonderbar.

Auf der Arbeit hatte er an dem Prickeln sofort gemerkt, wenn einer seiner Kollegen im Anmarsch war, teilweise sogar bevor derjenige überhaupt im Raum war. Silas zu überraschen war eigentlich unmöglich. Auch das hatte er schon als Kind gehabt. Seinen Eltern war es immer unheimlich gewesen, dass sie ihn nie hatten erschrecken oder bei etwas Verbotenem erwischen konnten. Oder dass er als Kind immer so still gewesen war. Seine Lehrer hatten den gelangweilten Gesichtsausdruck gehasst und ihn grundsätzlich als erstes dran genommen. Aber seine Antworten waren immer richtig gewesen. Auch seinen Realschulabschluss hatte er mit 1,0 gemacht, jedoch mit dem Vermerk, dass er ein sehr desinteressierter und respektloser Schüler sei. Die Mädchen hatten es gehasst, dass er sie an den Haaren zog, wenn sie ihn zu sehr nervten. Er hatte nie ein großes Verlangen nach Freunden gehabt. Es war ja nicht so, dass er es darauf anlegte mit allen auf Kriegsfuß zu leben, aber er fand es absolut nervtötend, wenn ihm Leute wie kleine Hühner nachliefen, die kein Zuhause hatten.

Er war doch kein Entertainer. Sein Opa hatte das verstanden. Deshalb war er auch Tischler geworden, wie der Opa. Aber der hatte ihn schließlich auch allein gelassen. Missmutig schlurfte er nach vorn, um sich seine Urkunde, den Meisterbrief und einen kräftigen Handschlag abzuholen. Als er zurück ging, um sich schon zum Buffet abzusetzen, sah er ihn. Der, der das Prickeln auslöste, weil er starrte. Genau erkennen konnte er den Mann nicht, der im Schatten einer Säule stand, aber er war sich absolut sicher. Mit einer Gänsehaut eilte er hinaus. Dem Typen wollte er nicht auf dunkler Straße begegnen. Ein Blick auf sein Handy verriet ihm einen Anruf in Abwesenheit. Silas wählte die Nummer an. Seine Mutter ging nicht dran.

Sonderbar. Waren sie im Stau stecken geblieben? Wollten sie doch absagen? Noch viel missmutiger stopfte er sich mit belegten Baguette-Stücken voll und nahm sich ein Glas Sekt. Davon bekam er zwar Sodbrennen, aber das war ihm jetzt auch egal. Er schüttete direkt zwei Gläser in sich rein und hickste leise. Das war keine gute Idee gewesen, da er eigentlich niemals trank. Noch eins. Wenn er betrunken war, neigte er zur Rührseligkeit und wollte schmusen und bemuttert werden. Etwas, dass ihm sonst vollkommen fremd war. Und er wurde sehr lustig. Leider kam keine Fröhlichkeit auf. Mit dem vierten Glas in der Hand nahm er von einem Stapel ein – ach wie hießen die kleinen Dinger noch... Hordövre... oder so ähnlich. Um nicht aufzufallen, lehnte er sich in eine Nische seitlich vom Buffet, so dass er zwar an den Spießchen naschen konnte, aber keinem ins Auge fiel, weil hier kaum Licht hin kam. Wollten sie ihn genauso sitzenlassen wie bei seiner Abschlussfeier? Da hatten sie auch zugesagt und waren nicht gekommen.

Die Welt drehte sich ein bisschen und er hielt sich mit der freien Hand an der Wand fest. Oder als er die Lehre fertig hatte... Er traute es ihnen ja zu. Sie sagten immer, dass sie kommen wollten. Das Drehen wurde schlimmer.

Und dann tauchte so plötzlich und heftig das Prickeln in seinem Rücken auf, dass das Glas zersprang. Verwirrt sah er auf seine Hand und ließ die Scherben zu Boden rieseln. Der Sekt brannte und dann war da Blut. Ist das mein Blut? „Iiih... ich blute...“, sagte er und drehte fasziniert seine Hand hin und her. Und es prickelte. „Das ist ja ekelig... blutblutblut...“, sang er leise vor sich hin und spürte wie er am Arm gegriffen wurde. „Das war so nicht beabsichtigt“, sagte eine dunkle, eher unfreundliche Stimme neben ihm und er sah auf. Da war ein schöner Mann vor ihm, blass, brustlanges, schneeweißes Haar, das Silas anfassen wollte, doch eine überraschend weiche und erstaunlich kräftige Hand hielt sein Gelenk fest. Harte, schwarze Augen sahen ihn an. Der Blick war unangenehm und er wollte weggehen. Aber auch das ging irgendwie nicht.

„Musstest du dich betrinken, du Holzkopf?“ Eyey, jetzt wurde der Typ auch noch beleidigend. Das war nicht nett. „Wer sind Sie? Kellellner?“, lallte er und spürte Wut in sich aufsteigen, die ihn langsam etwas nüchterner werden ließ. Was wollte diese Schreckgestalt von ihm? Zu der Perücke kam ein langer Umhang, dessen Säume glitzerten. Sind das Saphire? Haben wir schon Karneval? „Ich bin der König der Finsternis und du wirst mein Diener sein, vom heutigen Tag an“, sagte der Mann und Silas klappte die Kinnlade nach unten. Wollte der ihn verarschen? „Ich weiß ja nicht, was du Vogelscheu-euche von mir willst. Aber lass gefälligst los!“ Wieder riss er an seinem Arm, doch er kam keinen Millimeter weg. Diese Hand war wie Stahlbeton. Silas gab ein unartikuliertes Wutgurgeln von sich und zerrte bis ihm schlecht wurde.

Er hatte nicht gewusst, dass ein Gesicht aus Stein noch härter schauen konnte. „Genug jetzt! Schlaf ein!“ Finger strichen über seine Stirn, so kurz, es fühlte sich an wie ein Windhauch. So kalt als käme er direkt aus der Arktis. „Lass los!“, fluchte er und spürte seine Knie nicht mehr, sackte zu Boden. „Du Mistkerl... ich werde... ich...“ Endlich ließ diese eiserne Hand los. Sein Körper war ganz schwer. Er wehrte sich dagegen, aber mehr als ein weiteres Gurgeln brachte er nicht zustande. Der Mann hatte sich über ihn gebeugt und Silas starrte ihn hasserfüllt an. Dann fielen ihm die Augen zu.

„Deine widerborstige Art gefällt mir.“
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
In fremden Städten lebt's sich schlechter
Silas fühlte sich elend, ihm war kalt und speiübel und er hatte Bock auf schlechtes Nachtprogramm im Fernsehen. Seine Umwelt schwankte, warum hielt denn keiner das Sofa an... Mühevoll zwang er seine Augen auf. Sein Wohnzimmer hatte doch gar keine Höhlendecke. Wo waren alle Pflanzen? Hatte er sie volltrunken umgeworfen? Die Decke schaukelte hin und her und es wurde immer dunkler. Leise Stimmen sangen unter ihm. Jetzt hör' ich schon die Englein singen. Wundervoll. Ihm war so schlecht... Das musste ein sonderbarer Film im Fernsehen sein. Wie war er überhaupt nach Hause gekommen? Ach, das Denken fiel ihm so schwer.

Der Holzmann ist tot, es lebe der Holzmann.

Das sangen die kleinen Engel und viele Hände fassten ihn an. Die schwarze Steindecke über ihm drehte sich. Ein kühler Tropfen traf ihn auf den Nasenrücken und er blinzelte verstört. Lief beim Nachbarn über ihm die Badewanne über?
Silas drehte den Kopf auf die Seite und auch da wanderte die Höhlenwand an ihm vorbei. Ein weiterer Tropfen traf ihn fast genau ins Ohr. „Iiih... das ist so ekelig...“ Hatte er sich nicht an der Hand geschnitten? Was für ein Filmriss. Neben ihm waren kleine Dinge. Kleine Steine, die laufen konnten und ihn aus schwarzen Knopfaugen ansahen. Nein... keine Steine, eher Säckchen aus Leinen. Missmutig schloss er die Augen und hoffte, dass die Halluzinationen bald vorbeigingen.


-


Jemand legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn. Das war angenehm kühl. Das Sofa hatte endlich aufgehört sich zu bewegen und ihm war auch nicht mehr schlecht. Blinzelnd öffnete er die Augen.
Über ihm war das Dach eines roten Himmelbettes. Flackerndes Licht spielte darauf. Es roch fremd. Irgendwie muffig. „Guten Morgen, Herr, fühlt Ihr Euch besser?“ Die Stimme kam von der Seite und war kratzig. „Wie viel Uhr haben wir?“, fragte er und wollte sich mit den Händen über die Augen reiben. Das scheiterte jedoch daran, dass seine Handgelenke sich nicht bewegen ließen. „Zeit, um Euch nochmal zu entgiften, Herr“, antwortete die Stimme freundlich. Endlich brachte er den Mut auf, hin zu sehen. Offensichtlich war er an ein Bett gefesselt und neben ihm stand eine Gestalt wie aus einem schlechten Horrorfilm. Einem C-Movie. Das, was offensichtlich ein Mann war, war gebeugt unter einer krummen Schulter, hatte einen gut gepflegten, blauen Irokesen, zwei Augenbrauenpiercings, zwei verschiedene Augen und trug ein Frauenkleid. In pink.

In der rechten Hand, die dunkler war als die restliche Haut und anscheinend angenäht, hielt er eine Spritze, die er Silas ungerührt in die Armbeuge drückte. „Wer, um Himmels Willen, bist du?“, fragte er entsetzt und versuchte abzurücken, doch es hatte keinen Zweck. Die Fesseln an seinen Armen waren stärker als er. „Euer Igor natürlich, Herr. Jetzt ruht Euch aus. Ich hole etwas zu essen, Herr.“ Feuer wallte durch seine Adern, dann begann es zu kribbeln, als wären alle Körperteile auf einmal eingeschlafen. Silas fluchte unflätig.
Nach einer Weile fühlte er sich besser. Das Gefühl kehrte in seine Glieder zurück und auch die Kopfschmerzen waren komplett verschwunden. Dieser Igor schien zu wissen, was er tat.

Das machte es aber auch nicht besser, dass er ans Bett gefesselt war. Wütend bockte er dagegen an, gab aber nach einer Weile auf, weil es keinerlei Wirkung zeigte. „Igor?!“ Wie aus dem Nichts erschien der neben ihm, einen Teller in den Händen. „Ja, Herr? Ich bin doch schon wieder da, Herr. Ich werde Euch jetzt losmachen.“ Als Silas sich wieder bewegen konnte, setzte er sich auf und versuchte sich zu orientieren. Das Zimmer war größer als seine komplette Wohnung. Dunkelgrauer Teppichboden. Drei spitze, schmale Fenster, die er sehen konnte, an denen löchrige Vorhänge hingen. Eine dunkle Holztür, sehr massiv, aber sie würde sich leicht bewegen lassen, dass verriet ihm ein einziger Blick auf die Scharniere.

Silas nahm seine Beine in die Hand und riss die Tür auf. „Nicht, Herr! Das -“, hörte er Igor rufen, aber da war er schon von einem Haufen Zeug begraben worden. „- ist die Abstellkammer, Herr“, beendete Igor seelenruhig seinen Satz, kam zu ihm und half ihm aus dem Gerümpel. Besen, Eimer, Lappen und massenweise Spinnenweben. Mit einem angeekelten Gesichtsausdruck wischte er sich diese von den nackten Armen und aus dem Haar. „Warum bin ich eigentlich nackt?“, keifte er wütend und sah sich bereits nach einer andern Tür um, durch die er vielleicht türmen konnte. „Ihr tragt doch eine Hose, Herr“, sagte Igor und blickte zu Silas herunter, was nicht schwer war, die meisten Leute waren größer als Silas, „und es wird Euch nichts bringen, wegzulaufen, Herr. Die Limpwichte werden Euch zurückholen.“

Angepisst starrte Silas an sich herunter und erkannte, dass er tatsächlich eine schwarze Samthose trug, die an den Säumen mit weißen Mustern verziert war. Dann starrte er Igor an und versuchte ihn geistig in Flammen aufgehen zu lassen. Doch das grüne und das blaue Auge erwiderten seinen Blick ungerührt. Igor blinzelte nicht einmal. „Limpwichte?“, fragte Silas und ging zurück zum Bett, da Flucht scheinbar keine seiner Optionen war. Igor gab ihm einen Teller mit belegten Broten und deutete dann auf den Nachttisch auf der anderen Seite des Bettes. Genervt folgte Silas dem Wink. Auf dem morschen Nachttisch aus Weidenholz stand ein dreiarmiger, eiserner Kerzenständer, von dem auch das einzige Licht kam, und dahinter hockten zwei winzige Säckchen, die ihn an Voodoopuppen erinnerten. Sie beobachteten ihn aus ihren Knopfaugen und sie bewegten sich.

Igor bewahrte den Teller davor, herunter zu fallen. „Sie werden Euch nichts tun, Herr. Sie sind nur neugierig. Aber wenn Ihr versucht ohne eine königliche Erlaubnis zu gehen, dann bringen die Limpwichte Euch zurück, Herr, so wie sie Euch hergebracht haben.“ Als Igor ihn mit einem Wurstbrot füttern wollte, wich Silas aus und nahm es ihm ab. „Ich kann selber essen“, schnauzte er und schlang es hinunter. Sein Körper fühlte sich ausgehungert an. Also ließ er sich eine weitere Scheibe mit Käse andrehen. „Wo bin ich hier überhaupt?“, fragte er und sah sich den restlichen Raum an. Es gab noch einen Kleiderschrank aus Zedernholz und eine helle Ahorntruhe, beides eher altersschwach. Alles wirkte irgendwie total alt, marode und herunter gekommen.

„Ihr seid in Eurem Haus, Herr“, antwortete Igor präzise, aber vollkommen unbrauchbar. „Geht das genauer? Wo steht dieses Haus und warum gehört es mir?“ Bereits mit einem Marmeladenbrot bewaffnet stand er auf und ging langsam zu den Fenstern. Der Teppich unter seinen Füßen fühlte sich irgendwie feucht und schwammig an. Aber der Blick aus den Fensterspalten, denn wirkliche Fenster hatte Glas darin und waren mindestens viermal breiter, vertrieb alle Gedanken an den sonderbaren Bodenbelag. Was auch immer das für ein Haus war, es hatte einen absolut herunter gekommenen, sandigen Vorgarten, der von einem halbzerfallenen Zaun eingegrenzt wurde. Ein weiter, leerer Hang fiel vor ihm ab und in einiger Entfernung lag etwas, dass man mit viel euphemistischer Beschönigung eine Stadt nennen konnte. Igor reichte ihm ein weiteres Brot. Warum hatte er nur solchen Hunger?
„Die Straße“, die Silas nicht erkennen konnte, „heißt Knecht-Vandeck-der-Übellaunige-Gasse und das dort vorn ist Scheol. Alles hier ist Scheol, Herr.“ Silas Blick klebte am Firmament, denn das über ihm konnte er nicht einmal mit gutem Willen als Himmel bezeichnen. Es war konturlos und manchmal wanderten verdrehte Lichstreifen darüber, die ihm Übelkeit bereiteten. Angewidert drehte er sich von den Fenstern weg und ging zur anderen Seite, die ebenfalls drei Spalten hatte. „Was ist dort?“ Der Wind, der von draußen hereinwehte, war unangenehm kühl und roch dumpf.

Silas konnte erkennen, dass dieses Haus sich am Fuß des Hanges befinden musste, denn er stieg steil nach oben an und ganz an der Spitze stand ein Schloss. „Der König lebt dort, Herr. Dieses Haus gehört jetzt Euch, weil Ihr der Holzmann seid. Dieses Haus gehört dem Holzmann, das ist immer schon so gewesen, Herr. Und Herr?“ Silas hatte nach einem schmalen Fensterbrett gegriffen und sah dann zu Igor hin. „Ihr solltet die Wände nicht anfassen.“ Zu spät. Silas ließ das krümelige Stück, das sich aus der Mauer gelöst hatte, fallen. „Es ist sehr alt, Herr“, war die einzige weitere Erklärung die Igor dazu gab. Irgendwie musste Silas von hier wegkommen. Vielleicht litt er einfach an furchtbaren Halluzinationen. War der Sekt schlecht gewesen? Oder diese Häppchen? Er wusste, er hätte die Häppchen nicht probieren sollen.

Andererseits fühlte Silas sich kerngesund und frisch. Gut, eine Dusche konnte er gebrauchen, aber sein Körper vermittelte ihm keine Übelkeit oder Schmerzen. Wenn das hier wirklich echt war, dann hatte das Zeug, das Igor ihm gespritzt hatte, wahre Wunder gewirkt. Aber so wie es hier aussah, so dreckig und verhunzt wäre er lieber betrunken. Mit einem langgezogenen, anklagenden Seufzen wandte er sich Igor zu. „Kann ich etwas anderes anziehen?“, fragte er und öffnete dann den Kleiderschrank. Darin hing Kleidung, aber nichts davon entsprach seinem Geschmack. Rüschen, weite Ärmel, mehrere Kleider und ein Pelzmantel quollen ihm entgegen. Zielsicher griff Igor an ihm vorbei und zog ein Hemd heraus. Schwarzer Samt, ebenfalls mit weißen Mustern, passend zu seiner Hose. „Das gehört alles Euch, Herr. Ich empfehle dieses hier“, sagte Igor trocken und er schien es ernst zu meinen. Silas fühlte sich verarscht. „Sehe ich aus wie eine Frau? Oder wie über neunzig? Verdammt, aus welchem Altersheim hast du das denn geklaut?“, schnauzte er Igor an, doch der verzog keine Miene bei Silas' Tirade.

„Es ist nicht geklaut. Es gehört Euch. Genau wie das Haus, Herr. Das hat der andere Holzmann vor Euch getragen“, antwortete Igor und versuchte ihm das Hemd anzuziehen. Silas beherrschte nur knapp den Drang das Mistding zu zerreißen und packte es, um es sich dann selbstständig überzustreifen. Es war zu groß und schlabberte hässlich an den Seiten, aber Igor zog es mit Hilfe einiger eingearbeiteter Schnüre im Rückenteil fest. Die weiten Arme, die ihm bis an die Fingerspitzen gingen, ließen sich jedoch irgendwie nicht hochbinden. Wütend zerrte Silas daran herum, gab aber nach kurzer Zeit auf. Irgendwo würden ihm schon noch ein paar Bänder über den Weg laufen, die er dafür missbrauchen konnte. „Kann ich auch Schuhe bekommen?“ Igor nickte ergeben auf diese Frage. „Unten, Herr. Kommt“, antwortete er ruhig und führte ihn aus dem Raum eine enge, verwinkelte Treppe hinunter in einen langen Flur, von dem rechts und links jeweils eine Tür abging. Nichts in diesem Haus schien nach Sinn und Logik entworfen zu sein.

Durch den linken Durchgang erhaschte er einen kurzen Blick auf eine vollgestopfte, düstere Küche, deren Organisationsprinzip wohl Zufall lautete. Igor führte ihn allerdings in den rechten Raum, wo es eine Couch gab, die ihn entfernt an eine Gurke erinnerte, zumindest vom Grünton her, und die Misstrauen erweckend flauschig war. Dann war da noch ein Holztisch, sonst nichts. Keine Bücher, kein Fernseher, keine Musikanlage. Oh, Spinnenweben an der Decke, wie aufregend. Dieser Ort war einfach durch und durch unsympathisch. Aus einer Nische neben dem gruseligen Sofa zog Igor ein paar dunkelgraue Schaftstiefel und zu Silas' Verwunderung wirkten sie neu. Dankbar, dass sie scheinbar keinen Vorbesitzer hatten zog er sie an, wozu er sich wohlweislich auf den Tisch setzte, und ließ die Hose, da er sie nicht hineingestopft bekam, darüber fallen. „Gibt es eigentlich auch noch andere Leute, außer uns zwei?“, fragte er und betrachtete sehnsüchtig die Haustür.

Obwohl Silas Igors Worten glaubte, war eine Flucht vielleicht etwas, dass er in Betracht ziehen sollte. „Natürlich, Herr. Eure nächste Nachbarin ist Frau Siebenbacher, die Köchin im Schloss, und dann Herr Phillip, der Gärtner des Königs. Alle Leute in der Knecht-Vandeck-der-Übellaunige-Gasse arbeiten direkt im oder um den Palast, Herr. So ein Schloss hat viele Diener. Und in der Stadt, Herr, leben sehr viele andere. Ihr könnt dort Clubs besuchen oder das Gasthaus Zum Engelmacher, Herr. In Scheol dürft Ihr Euch frei bewegen.“ Silas stutzte über den Namen des Gasthauses, fragte aber lieber nicht nach. Das waren bestimmt Informationen, bei denen er anfangen würde, aus den Ohren zu bluten. „Warum bin ich hier?“, fragte er und versuchte sich etwas bequemer auf die Tischkante zu setzen. Das Holz knarzte fast beleidigt.

Igor stand vor ihm, mit seiner krummen Schulter, den zwei Augen und dem Kleid, das Silas wirklich zum Schreien fand. „Ihr seid jetzt der Holzmann, Herr“, sagte er und blinzelte nicht. Natürlich nicht. Irgendwie schien Blinzeln etwas zu sein, dass nicht zu einem Igor passte. „Ich bin“, knurrte Silas, „ein Tischler, verdammt! Ich mache Möbel.“ Igor zeigte einen verständnislosen Gesichtsausdruck. „Das sagte ich, Herr.“ Silas knirschte mit den Zähnen. So kamen sie hier nicht weiter. Und dieses Kleid! Das war eine Beleidigung für jedes Auge. Eine Aufforderung sofort zu erblinden. „Was ist deine Aufgabe?“, fragte Silas harsch.

„Ich bin Euer Diener, Herr“, antwortete Igor gelassen. Er schien nicht nur nicht blinzeln zu müssen, sondern auch keinen natürlichen Drang nach Bewegung zu haben. Wenn sich der Brustkorb nicht heben und senken würde, hätte Silas ihn für eine ausgesprochen hässliche Statue halten können. „Das heißt, du machst, was ich sage?“ Igor nickte. „Dann, bitte bitte, zieh dieses unsägliche Ding aus. Ich bekomme Augenkrebs davon“, befahl Silas. Igor hatte das Kleid schon halb aus, bevor Silas schaltete, dass der sich wirklich nackt machen würde. Obwohl Igors Oberkörper, trotz der Schulter, ziemlich trainiert aussah... „Stop!“, rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand. „Ich meinte, bitte zieh etwas anderes an. Kein Kleid und nichts pinkes. Ich hasse pink.“ Eine Minute vielleicht war Stille. „Ihr könnt die Hand runter nehmen, Herr. Aber ich wollte anmerken, dass Ihr keinen Augenkrebs bekommt. Das wäre mir aufgefallen, Herr.“ Silas traute seinen Augen nicht. Obwohl er nichts gehört hatte, stand Igor vor ihm und trug andere, weniger auffällige Kleidung, Hemd und Hose, beides dunkelblau, passend zu seinem Irokesen. „Wie hast du das gemacht?“

Igor erlaubte sich ein kurzes Lächeln. „Das lernt man, wenn man Igor wird, Herr. Zunftgeheimnis.“ Verwirrt blies Silas sich eine lose Strähne aus der Stirn. „Wenn man Igor wird... heißt das, du warst vorher ein Mensch, so wie ich? Hast du einen normalen Namen?“ Alles was ihn von diesem schrecklichen Ort ablenkte, war gut. „Ja, Herr. Genaugenommen bin ich immer noch ein Mensch. Ich habe vorher Medizin studiert und hatte... einen misslichen Unfall. Ein reisender Igor hat mich wieder zusammen geflickt. Aber ich heiße Igor, Herr. Man vergisst seinen Namen, sobald man anfängt Igor zu sein.“ Igor wirkte darüber jedoch nicht betrübt, eher ein wenig belustigt. „Aber, sind Igors nicht eigentlich viel kleiner und haben mehr angenähte Körperteile und einen Buckel und so? Wie bei Pratchett?“ Silas schlug ein Bein über das andere und wieder knarzte der Tisch. „Schon, Herr. Aber ich bin noch ein Igor in Ausbildung. Es dauert ziemlich lange, ein richtig guter Igor zu werden. Ich mache das erst seit dreizehn Jahren, einhundertzweiundvierzig Tagen und vier Stunden, Herr. Darüber hinaus werden auch nur Körperteile ersetzt, die verloren oder kaputt gehen, Herr.“

Silas runzelte die Stirn. „Verloren, was du nicht sagst.“ Missmutig betrachtete er noch einmal die wuchernde Couch. Hatte sich da nicht gerade etwas kleines bewegt? „Dieses Sofa muss weg“, sagte er hart und deutete auf das fragliche Stück. „Genau wie der Teppichboden im Schlafzimmer. Falls ich hier wirklich bleiben muss, wird hier einiges runderneuert.“ Igor nickte.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
IKEA - Ich Kann Eh Alles
Silas verbrachte den restlichen Tag, oder eher die Zeit, bis Igor kam und ihm erklärte, es sei Zeit zu schlafen, damit, durch den nur schwer begehbaren Garten zu klettern und sich das Haus von außen anzusehen. Einige Bretter sollten ausgewechselt werden, die schwarzen Dachschindeln sahen in Ordnung aus, die Regenrinne bestand jedoch schon aus mehr Löchern als Rinne. Im Ganzen betrachtet war das Haus eine totale Ruine.

Missmutig ließ er sich von Igor ein Bad in einer altersschwachen Wanne bereiten, die das kleine Bad unter der Treppe fast komplett ausfüllte. Das winzige Waschbecken hatte einen tiefen Riss, die Toilette sah aber - zum Glück - nutzbar aus. Als er in der Wanne saß und versuchte sich von dem heißen Wasser entspannen zu lassen, musste er Igor mehrmals hinaus scheuchen. Silas wollte weder von ihm die Haare noch den Rücken gewaschen noch die Füße massiert bekommen. Zähneknirschend trocknete er sich ab und zog unsäglich hässliche Unterwäsche an, die Igor ihm gebracht hatte. In einem viel zu großen, uralten Leinenhemd ging er zu Bett. Er ärgerte sich darüber die Stiefel im Bad vergessen zu haben, als er über den schwammigen Bodenbelag ging, aber er riss sich zusammen und warf sich in das riesige Bett.

Am Morgen wurde er von Igor geweckt. Durch die Fensterspalten fiel das gleiche dämmrige Licht, das auch schon die Nacht über geschienen hatte. Scheinbar war ein richtiger Tag-Nacht-Rhythmus nur für Igors erkennbar. Als er sich aufsetzte und unüberlegt die nackten Füße auf den Boden stellte, bekam er eine Gänsehaut am ganzen Körper. Hatte der Teppich gerade erfreut gebrummt? Silas rollte mit den Augen. Natürlich nicht, das war bloß seine Einbildung.
Genauso mies gelaunt wie er ins Bett gegangen war, startete er jetzt in seinen Tag. Igor versuchte ihm ein gelbes Kleid mit einem passenden Gürtel schmackhaft zu machen, doch er zog einfach die Klamotten vom Vortag an. Die waren gegen das Kleid total modern. Beim Frühstück, das aus Broten mit Spiegeleiern bestand, saß Silas wieder auf dem Holztisch und beäugte misstrauisch das Sofa. „Ihr solltet sie nicht so anstarren, Herr, das macht sie nervös“, sagte Igor und reichte ihm eine Tasse Kakao. Zumindest roch und schmeckte es wie Kakao. „Sie? Die Couch?“, fragte Silas irritiert und betrachtete die liegende Sitzgurke erneut.

Die zitterte doch nicht wirklich. „Emily ist ein Sofatier, Herr. Sie kann nichts dafür wie sie aussieht. Sofatiere haben auch Gefühle, Herr“, erklärte Igor ihm seelenruhig, während er mit einem gepunkteten Handtuch versuchte Kakaoreste aus Silas' Gesicht zu wischen. „Ah ja, Sofatier. Können wir sie im Garten halten? Wir könnten ihr eine Sofatier-Hütte bauen“, schlug Silas sarkastisch vor und wischte sich selbst über den Mund. „Das ist eine sehr gute Idee, Herr. Sofatiere mögen keinen Regen, dann schrumpfen sie nämlich.“ Silas war schon wieder das Kinn herunter gesunken. „Das meinst du nicht ernst, oder? Das ist eine Couch“, fragte er und starrte zwischen dem Sofa, das leise winselte, und Igor hin und her. Igor seufzte kurz und nahm eine große, ausgebeulte Jutetasche, die er sich mit einem schweren Ledergurt über seine gesunde Schulter hängte. „Sie heißt Emily, Herr. Wenn Ihr sie nicht als Sofa nutzen wollt, wird sie im Garten leben. Aber eine Hütte wäre eine gute Idee, Herr. Kommt Ihr?“

Silas folgte Igor so wie er war nach draußen, durch den Garten und dann die nicht vorhandene Straße zum Schloss hinauf. Nach ein paar Metern drehte sich Igor zu ihm um und lächelte freundlich. „Es gibt übrigens ein Problem mit Hermelin, Herr“, sagte er und ging langsam neben Silas weiter. „Wer ist Hermelin und was ist das Problem?“, fragte Silas angenervt und versuchte nicht die ganze Zeit zu stolpern. Das war keine Straße, das war eine Todesfalle. „Hermelin, Herr. Der Teppich in Eurem Schlafzimmer. Er möchte nicht ausziehen.“ Silas glaubte zu spüren, wie ihm ein paar Gehirnzellen abstarben. Das konnte nicht Igors Ernst sein. Silas war auf dem Teppich herumgelaufen. „Hast du sonst noch was, das du mir verraten willst, Igor?“, fragte er grotzig und kletterte um einen Felsblock herum. „Haben wir auch eine sprechende Lampe oder lebt im Keller ein Höhlentroll von dem ich noch nichts weiß?“

Igor sah betreten beim Gehen auf seine Füße und knibbelte an seinem Daumen herum. „Nicht direkt, Herr. Ich wohne im Keller. Und ihr solltet keine Witze über so etwas machen. Höhlentrolle sind sehr gefährlich, Herr, wir müssten einen Kammerjäger rufen, wenn wir einen hätten.“ Silas konnte sich mit den Zähnen knirschen hören, als er sich einen bissigen Kommentar verbat. Igor sah wirklich geknickt aus. „Warum hat jemand einen lebenden Teppich in seinem Schlafzimmer?“, fragte er statt dessen ausweichend und konnte vor sich mittlerweile das Schlosstor erkennen. Außerdem fiel ihm auf, dass sowohl vor als auch hinter ihnen Leute dem Tor entgegen strömten. „Hermelin war eigentlich nur ein normaler Teppich, als der alte Holzmann ihn kaufte. Aber manchmal, Herr, quillt Magie aus dem Boden und macht Dinge lebendig. So wie Hermelin. Oder auch die Sofatiere. Ursprünglich waren sie nur Sofas, Herr. Hier in Scheol gibt es regelmäßig wandernde Risse, die Gegenstände erwecken. Oh, und manche werden vom Blitz getroffen, so wie der rasende Schaukelstuhl von Frau Siebenbacher. Wir sind da, Herr“, erklärte Igor und deutete durch einen niedrigen, dafür sehr breiten Durchgang. Sie hatten das Schlosstor und einen großen Innenhof passiert und über ihnen ragten hohe Mauern, dunkel und hässlich.

Silas ging durch die unförmige Tür und erkannte sofort, dass es sich um eine Werkstatt handelte. Fünf Hobelbänke verteilten sich unpraktisch im Raum, an den Wänden rundherum waren Werkzeugregale. Es roch intensiv nach Holz und zum ersten Mal fühlte Silas sich nicht ganz fehl am Platz. An einer Hobelbank saßen drei Menschen, durchweg alt und ergraut, und ein Igor mit einem Buckel, ganz wie Silas es sich eigentlich vorgestellt hatte. Die vier tranken Kaffee und spielten mit stark abgegriffenen Karten. An der Kopfwand standen zwei große, verhüllte Gestalten, ähnlich regungslos wie sein eigener Igor. Ihre Gesichter waren mit Stoff umwickelt, bis auf drei schmale Schlitze, einer jeweils für Augen, Nase und Mund. Zögerlich stieß er Igor mit dem Ellenbogen an. „Wer sind die?“, fragte er und deutete auf die zwei Gestalten. „Anthotep und Siptah, Herr? Sie sind Mumien und sie arbeiten für Euch. Genau wie Claude, Isaak, Johann und Igor. Zu Eurer Werkstatt gehört auch noch der Riese Hog, aber der ist zu groß um hier hinein zu passen. Hog holt die Bäume aus den Wäldern hinterm Schloss, zerhackt und stapelt sie am Seitentor. Ihr solltet beginnen, Herr.“

Verwirrt sah Silas sich um. „Womit beginnen?“, fragte er und schaute auf die leeren Hobelbänke. „Aufgaben zu verteilen, Herr. Als Holzmann ist es an Euch, jedem eine Arbeit zuzuweisen. Seit dem Tod des alten Holzmannes haben sich bereits viele Aufträge gehäuft.“ Igor griff in eines der Regale und reichte Silas eine Pappschachtel, die bereits überquoll. Silas stellte sie auf eine Hobelbank an einem Fenster und blätterte die obersten Zettel durch. Es waren Aufträge für die verschiedensten Möbel. Vermutlich an die zweihundert Stück. „Wie lang ist er denn schon tot?“, fragte er und runzelte frustriert die Stirn. Igor kramte in den Tiefen seiner Jutetasche herum. „Zweihundertachtunddreißig Tage und neunzehn Stunden, Herr. Wir wissen nicht, warum es so lange gedauert hat, einen neuen Holzmann auszuwählen.“ Resolut straffte Silas seine Schultern. „Na gut. Wenn ich schon hier bin, sollte ich wohl auch etwas tun. Als erstes werden wir die Bänke umstellen.“

Als Silas das sagte, richteten sich alle Blicke auf ihn, als wollten sie ihm sagen, dass Veränderung unerwünscht war. Aber da waren sie bei Silas an der falschen Adresse. Solange sich kein offensichtlicher Fluchtweg auftat, würde er das beste aus der verkorksten Situation machen. Mit einem gewissen Rest an Unbehagen wies er die zwei Mumien ein, die sich als erstaunlich stark entpuppten. Die Hobelbank an der Silas stand, blieb als einzige, wo sie war, denn von dort aus konnte er beim Arbeiten aus einem Fenster sehen, direkt in einen Garten. Ein Schotterweg schlängelte sich kreuz und quer zwischen sonderbaren Bäumen, knorpeligen Büschen und verwirrend bunten Beeten hindurch. Es waren die ersten Pflanzen, die er in Scheol gesehen hatte. Silas vermisste seinen Wohnzimmer-Dschungel.

Mit einem Blick durch die Werkstatt kippte er die Schachtel um und nahm den untersten Auftrag, wenn sie schon anfangen würden, dann mit dem dringendsten. Ein Herr Professor W. Ahnsinn aus Scheol-Unterstadt wollte ein neues Bett. „Igor, ich muss mir die Holzvorräte ansehen“, sagte er zu seinem eigenen Igor und wendete sich dann zu dem anderen Igor um. „Igor,“ und konnte sich dabei ein Grinsen nicht verkneifen, „du kümmerst dich um eine Inventur aller Dinge. Ich will, dass ihr alles säuberlich auflistet. Wirklich alles, was zu dieser Werkstatt gehört. Du hast hier solange das Kommando, bis Igor und ich zurück sind.“ Der andere Igor nickte mit einem erfreuten Blick und humpelte zu den anderen. Silas folgte seinem Igor aus der Werkstatt hinaus, in einen Nebenraum.

„Das haben Anthotep und Siptah schon herein gebracht“, sagte er, während Silas sich die unsortierten Stapel ansah. Sollte er jetzt froh darüber sein, dass die zwei überhaupt etwas getan hatten oder sollte er sich ärgern, dass die Arbeit scheiße war? Während er noch mit sich selber rang, brachte Igor ihn durch einige unübersichtliche, verwinkelte und kaum erhellte Gänge zu dem erwähnten Seitentor. Rechts an der Außenwand lagen aufgeschichtete Baumstämme, links stapelten sich Planken, Scheiben und Klötze. Silas betrachtete den Wald und die acht Meter breite Schneise, die hinein führte. Die Bäume waren riesig, zumeist rote Flechten hingen von den knorrigen Ästen und einige widersprachen jedem normalen Wuchs, obwohl ihr Wachstum nicht durch äußere Bedingungen beeinflusst schien.

„Spürst du das auch, Igor?“, fragte Silas und starrte auf den Boden vor sich. Steinchen vibrierten rhythmisch. „Hog kommt, Herr“, antwortete Igor und deutete auf die Schneise. Eine Gestalt erschien, gekleidet in eine geflickte, hellbraune Hose und eine ehemals gelbe Weste, und trug auf jeder Schulter einen astlosen Baumstamm. Dieser Mann war gigantisch. Seine Haut war ganz weiß und er hatte keinerlei Körperbehaarung, nicht einmal Augenbrauen. Silas konnte sich nicht dazu bringen, woanders hin zu sehen, seine Augen schienen an dem Riesen zu kleben. Mit einem lauten Rummsen legte Hog die Stämme an die Außenwand und trat dann einen letzten Schritt auf sie zu. Hellgraue Augen, groß wie Kuchenteller sahen auf sie herunter.
Silas schluckte und versuchte, sich unauffällig hinter Igor zu verstecken.
Aber der fasste ihn bei den Schultern und schob ihn vor. „Hallo, Hog!“, rief Igor, „das ist der neue Holzmann.“ Es dauerte einen Moment, dann erschien ein strahlendes Lächeln auf dem großen Gesicht. Silas winkte vorsichtig.

Urplötzlich umfasste ihn eine weiße Pranke, Silas spürte den Luftzug, als er hochgehoben wurde, auf Augenhöhe des Riesen. „Hallo Hog, ich bin Silas“, brachte er mühsam heraus und betete darum, dass der Riese ihn nicht zerquetschen würde. Oder fallen ließ, dachte er bei einem kurzen Blick in die Tiefe. Aber die Finger, die ihn festhielten und dabei einmal komplett um ihn herum griffen, waren erstaunlich sanft. Kälte sickerte durch seine Kleidung. „Meister Silas“, sagte Hog und seine Stimme klang wie ein riesiger Bienenschwarm. „Ich freue mich, dich kennen zu lernen.“ Hier oben war die Luft soviel kälter als unten, stellte Silas fest. Sein Blick ging zum Schloss und er konnte über die Mauer in den Innenhof sehen. Darüber hinaus in ein paar der Turmfenster. „Wie lange machst du das schon?“, fragte er und sah wieder in Hogs Gesicht, das sehr nah vor seinem war. Hog drehte Silas hin und her, um ihn genauer anzusehen. Silas fröstelte stark und wunderte sich, warum es hier so kalt war, obwohl der Wind sich gelegt hatte.

„Lange, Meister Silas. Ich habe vielen Holzmännern gedient. Davor war ich ein Krieger, aber ich töte nicht gerne. Da hat mich der König dem Holzmann unterstellt. Möchtest du mir etwas befehlen?“ Hog klang freundlich und sein Griff war vorsichtig, aber Silas fühlte sich sehr unwohl. Außerdem fror er, um das Zittern seiner Finger zu unterdrücken, klemmte er seine Hände unter die Achseln. „Ja, Hog. Lass mich runter.“ Wieder huschte die Luft an ihm vorbei, dann stand er auf dem festen Boden und Hog richtete sich auf. Die Kälte verging schlagartig und Silas begann zu schwitzen. „Du – du kannst weitermachen, Ho-og“, sagte Silas, von seinen durcheinander geratenen Körperfunktionen irritiert, und wendete sich zu Igor. „Wir, wir, wir sehen uns die restlichen Hölzer an. Machst du eine Liste, eine Liste? Igor?“

Dann fiel Silas in Ohnmacht.


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Es roch nach Aftershave, zumindest erinnerte der Geruch Silas daran. Ihm war warm und er fühlte sich gedrückt. An seiner Wange spürte er Stoff. Silas öffnete blinzelnd seine Augen. Eine Hand, dunkler als die andere, strich über sein Gesicht. „Geht es Euch besser, Herr?“, fragte Igor und Silas drehte den Kopf ein bisschen nach oben. Zwei verschiedene Augen betrachteten ihn ohne Regung und Silas wurde bewusst wie nah ihre Gesichter einander waren. Prompt wurde er rot und versuchte sich von Igor wegzudrücken. Doch der fasste ihn fester mit dem anderen Arm. Bin ich hier im Land der Superstarken gelandet?, dachte Silas wütend und begann zu zappeln. Er wollte nicht, dass Igor ihn trug. Das war entwürdigend. „Haltet still, Herr. Ich will Euch nicht fallen lassen“, sagte Igor und packte ihn, diesmal mit beiden Armen. Silas wurde durch die verwinkelten Gänge getragen, bis sie an einer versteckten Nische ankamen, in der eine Holzbank stand. Warum auch immer man Sitznischen in geheime Gänge einbaute. Igor setzte ihn darauf, kniete sich neben ihn und kramte in seiner Umhängetasche, aus der er ein grünes Fläschchen zog. „Trinkt das, Herr.“

Silas starrte es misstrauisch an, trank es dann aber in einem kräftigen Zug leer. Überraschenderweise schmeckte es nach Pfirsichsaft. Die Wirkung setzte sofort ein. Sein Herzschlag beschleunigte sich, seine Brust wurde ganz eng, ein blaues Kaninchen hüpfte über seine Beine, dann ging es ihm blendend. „Was war da drin?“, fragte er und sah Igor böse an. Warum funktionierte das Zeug so gut bei ihm? In seiner Kindheit hatte ihm kein einziges Medikament geholfen, nicht einmal Hustensaft. „Viele, giftige Substanzen“, sagte Igor todernst, aber als er Silas' Gesichtsentgleisung sah, brach er in schallendes Gelächter aus. Silas war erleichtert, scheinbar besaß sein Igor keine undurchdringliche Hülle der Ernsthaftigkeit. Das hätte er auf Dauer wohl nicht ausgehalten. „Kam die Kälte von Hog?“, fragte er, als Igor sich endlich eingekriegt hatte.

„Verzeiht, Herr. Ja, tut sie. Hog ist ein Eisriese. Aber bisher ist kein Holzmann in seiner Gegenwart ohnmächtig geworden, Herr. Ich mache mir wirklich Sorgen um Eure Konstitution“, erklärte Igor und befühlte Silas' Oberarme und Schultern. Silas knirschte mit den Zähnen. Igors Berührungen waren nicht unangenehm und sie wirkten geübt. Bevor er sich jedoch auf weitere Tätscheleien einließ, sprang er auf und schlängelte sich um Igor herum. „Meine Konstitution ist super. Ich bin topfit und gesund. Und ich bin stärker als ich aussehe. Ich kann nichts dafür, dass ich so klein geraten bin.“ Wütend starrte er zu Igor hoch, nachdem der sich wieder aufgerichtet hatte. Am liebsten hätte er mit den Füßen aufgestampft, beschränkte sich aber darauf nur die Fäuste in die Hüfte zu stützen.

Igor lächelte nachsichtig. „Ihr seid wirklich süß, Herr. Oh, Euer Haar.“ Wieder wurde er an die starke Brust herangezogen, damit Igor um ihn herum fassen und seinen Zopf richten konnte. Abgesehen von der krummen Schulter war Igor schon irgendwie gut aussehend. Silas schluckte. Auf so etwas wollte er sich gar nicht einlassen. Sobald sich eine Möglichkeit offenbarte, würde er fliehen und dieser ätzenden Welt den Rücken kehren. Außerdem war er ein Igor. I-g-o-r. Aber er roch gut...
Angenervt von sich selber, ließ er sich in die Werkstatt zurück bringen. Immerhin hatte sich ja spontan noch kein Fluchtweg offenbart. Solange würde er sich mit Arbeit ablenken.


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Nach drei Wochen und zwei erfolglosen Fluchtversuchen – die Limpwichte hatten ihn tatsächlich sofort gefunden, bevor er auch nur drei Kilometer durch die Ödnis zurück gelegt hatte – bekam Silas eine Einladung zu einem Ball. Entgeistert starrte er auf die schwarze, parfümierte Karte, die ihm ein fremder Igor vor ein paar Minuten ausgehändigt hatte. Silas war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und Igor stand in der Küche, eine geblümte Schürze um den Bauch und kochte Abendessen. Emily lag immer noch neben dem Holztisch, auf den Silas sich jetzt sinken ließ. „Igor?“, fragte er und betrachtete kurz die Rückseite der Karte, auf der ein silbernes Wappen eingeprägt war. Igor erschien in der Wohnzimmertür und rührte seelenruhig weiter in seiner Pfanne um. „Ja, Herr?“

Silas zeigte ihm die Einladung. „Was soll ich damit? Ich bin Tischler, kein Tänzer“, sagte er und beobachtete Igors stillen Gesichtsausdruck. Igor hatte es ihm übel genommen, dass er doch versucht hatte zu fliehen, sprach jedoch nicht darüber. Aber manchmal konnte Silas eine leichte Enttäuschung in dem grünen und dem blauen Auge sehen. „Ihr solltet auf jeden Fall hingehen, Herr. Die Leute wollen Euch kennen lernen.“ Damit ging Igor, rührend, zurück in die Küche. Silas folgte ihm leise und kickte seine Stiefel in eine Ecke. „Aber ich hasse öffentliche Anlässe“, quengelte er. Igor zog eine gepiercte Augenbraue hoch und tat das Rührei auf einen Teller. Dankbar nahm Silas ihn entgegen, bevor Igor wieder damit anfing ihn füttern zu wollen, und ging zurück zu seinem Tischsitzplatz. Emily winselte leise, aber er ignorierte sie. „Alle werden dorthin gehen. Es ist ein königlicher Ball, Herr. Ihr könnt nicht ablehnen.“ In der Küche rappelten Dosen aneinander, während Silas hungrig das Essen in sich hinein schaufelte. Es schmeckte hervorragend. „Ich habe nichts passendes zum Anziehen“, schlug er zwischen zwei Bissen vor. Igor warf ihm einen weiteren leicht genervten Blick zu.

„Passende Kleidung kann ich Euch besorgen, wenn Ihr mir sagt, was Ihr tragen würdet“, sagte er und hängte seine Schürze weg. Silas grummelte leise und leckte die Reste vom Teller ab. Igor konnte sehr gut kochen. „Ich kann nicht tanzen?“, fragte er, in der Hoffnung, dass das endlich als Ausrede reichen würde. Silas wollte nicht da hingehen. Tanzen war ihm zuwider, genau wie Menschenaufläufe. Bisher hatte er auch jede Einladung zum Mittagessen seiner erfreuten Kunden abgelehnt. Seit er begonnen hatte, die anliegenden Aufträge abzuarbeiten, streunten immer wieder Leute in seine Werkstatt, wollten mit ihm Small Talk machen und ihn einladen. Aber er hatte ihnen allesamt die kalte Schulter gezeigt. Speziell der hübschen Frau Stimm, die immer betonte, sie sei ein Fräulein, und für die er eine kleine Kommode gemacht hatte. Es grauste ihn bei dem Gedanken an sie. Sie war wohl der aufdringlichste aller seiner Gäste gewesen.

Igor holte ihn in die Gegenwart zurück. „Ich werde es Euch beibringen, Herr. In einer Woche lernt Ihr genügend, um niemandem mehr auf die Füße zu treten.“ Silas sah missmutig zu ihm hoch. Egal, was er tat oder wie trotzig er sich gab, Igor behandelte ihn durchweg freundlich. Er besorgte alles, was Silas verlangte, hielt ihm die meisten Kunden vom Leib und hatte bereits die Regenrinne repariert. Silas bekam ein schlechtes Gewissen. Igor murrte nie und gab keine schnippischen Antworten, sondern zeigte sich viel mehr um ihn besorgt. Es war sogar recht angenehm, jemanden zu haben, der sich so um einen bemühte, musste Silas sich eingestehen. „Okay“, sagte er dann leise und pfriemelte an einem Loch in seiner roten Stoffhose herum. Er hatte beim Arbeiten nicht aufgepasst. Heute Nacht würde Igor es wohl wieder nähen. So wie alle Löcher. „Was wollt Ihr anziehen, Herr?“, fragte Igor und strich ihm sanft über den Kopf.

Silas überlegte einen Moment. „Ich möchte etwas unauffälliges. Ganz schwarz, keine Rüschen, keine Schleifen, keinen Glitzer. Und vor allem kein Kleid“, sagte er dann und sah wieder zu Igor hoch. Der lächelte freundlich. Das erste Mal seit zwei Tagen. „Gut, Herr. Ich schaue, was ich machen kann. Jetzt lasse ich euch ein Bad ein.“
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=935