Weil du erwachsen werden musst von SoNo (Laufend)
Inhalt: Anton ist sechs Jahre alt und seine Eltern wollen, dass er von seinem besten Freund Abschied nimmt.
Genres: Paranormale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 2
Veröffentlicht: 16/07/11
Aktualisiert: 18/07/11
Anmerkungen zur Geschichte:In Kapitel eins ist Antons Beziehung zu Jonathan rein platonisch. Warungen treffen erst auf das folgende Kapitel zu, wenn Anton volljährig ist.
Ich sehe dich in meinen Träumen
Warm. Mir ist warm und ich öffne blinzelnd die Augen. Ein leichter Wind lässt die Blätter in der Baumkrone über uns rascheln. Ein Vogel zwitschert. Ein Stück über mir sehe ich Jonathans Gesicht. Er hat den Kopf nach hinten an die graue Rinde des alten Baumes gelegt und tut so, als ob er schläft. Aber er ist wach. Seine Mundwinkel zucken gelegentlich und das verrät ihn. Ich sitze auf seinem Schoß, seinem Bauch zugewendet und spüre seine Oberschenkel gegen meinen Rücken. An jene habe ich mich angelehnt, um ihn zu beobachten.

Jonathan ist groß, aber er hat feine Gesichtszüge. Seine Augenbrauen sind braun und rund. Manchmal fahre ich sie mit meinen Fingern nach, wenn er mir erlaubt so auf ihm zu sitzen. Sommersprossen tanzen auf seinen Wangen. Punkte von Sonnenlicht fallen durch das Blätterdach auf sein langes Haar und lassen es stellenweise rötlich glänzen. Ich weiß nicht, wie alt er ist, das habe ich ihn nie gefragt, er wirkt allerdings ein wenig jünger als Mama und Papa. Aber er hat keinen Bart. Ich bemühe mich ruhig zu sitzen, denn solange ich mich nicht bewege, tut er es auch nicht. Bei unserem Spiel verliert derjenige, der zuerst zuckt. Meistens gewinnt Jonathan, aber nur weil er behauptet, dass lächeln nicht als eine Bewegung zählt. Blinzeln und atmen zum Glück auch nicht.

Es fällt mir schwer, so still zu sitzen. Ich möchte lieber im Geäst des Baumes herum klettern oder fangen spielen. Vielleicht wird Jonathan nachher mit mir Steine sammeln. Steine für unsere Ameisenstadt, in der die Ameisen das Volk sind und ein Marienkäfer – ich habe einen glatten Stein dafür angemalt, weil wir keinen Marienkäfer finden konnten – ist ihr König. Oder er geht mit mir wieder zum Bach auf der anderen Seite des Weizenfeldes, wo wir angefangen haben einen Staudamm zu bauen. Wenn ich das Spiel gewinne, dann darf ich auf Jonathans Schultern reiten. Wenn ich verliere, darf er sich etwas ekeliges aussuchen. Beim letzten Mal musste ich die schleimigen Steine wegschleppen, die wir für unseren Damm nicht gebrauchen konnten.

Der Wind ist sehr warm und er riecht nach Sommer. Nach dem gelben Weizenfeld. Ich habe meine Finger in den Saum meines T-Shirts gewickelt, um mich nicht verleiten zu lassen, mit einer von Jonathans langen, braunen Strähnen zu spielen. Das mache ich immer, wenn mir langweilig ist. Und das ist mir jetzt definitiv. Aber ich will gewinnen.
Meine Nase kribbelt. Oh nein. Ich darf nicht niesen und halte die Luft an. Aber das werde ich nicht ewig durchhalten. Gleich wird mir schlecht werden. Das passiert ständig, wenn ich die Luft anhalte. Jonathans Mundwinkel zucken wieder und er öffnet ein Auge. Dann beginnt er nachsichtig zu lächeln und tippt mir mit seinem Zeigefinger auf die Nasenspitze. „Ich gebe ja schon auf, Anton“, sagt er sanft, „Okay? Du hast gewonnen.“

Zitternd atme ich tief ein und grinse dann über das ganze Gesicht. Ich möchte aufstehen und stütze mich an seiner Brust ab, aber er hält mich fest. „Bleib noch ein bisschen sitzen“, sagt er leise und drückt mich wieder herunter. Gegen seine Kraft kann ich mich nicht wehren. Er hat so viel mehr davon. „Warum denn? Mir ist so langweilig“, quengle ich und kämme mit meinen Fingern durch seine Haare. Sie fallen ihm bis zur Hüfte herunter. Und sie sind viel weicher als meine. Jonathan umfasst meine Finger ganz vorsichtig und sie wirken winzig gegen seine. Denn meine Hand bedeckt gerade seine Handfläche, wenn wir sie gegeneinander legen. „Ich möchte mit dir über etwas wichtiges sprechen, Anton“, antwortet er und küsst eine meiner Fingerspitzen. Das kitzelt. Ich werde rot und frage mich, warum Erwachsene immer so peinliche Dinge tun müssen.

Misstrauisch ziehe ich meine Augenbrauen zusammen. „Es ist wegen dem, was Papa gestern gesagt hat, oder?“, frage ich und versuche meine Hand aus seinem Griff zu ziehen. Wieder lächelt Jonathan und lässt mich los. Irgendwie wirkt er traurig. Das gefällt mir nicht. Das Thema ist doof. Ich verschränke meine Arme vor der Brust und schmolle. „Aber dein Vater hat recht“, sagt er sachte und hebt mahnend seinen Zeigefinger. Das tut er eigentlich nie. „Du wirst in einer Woche eingeschult, Anton, und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst. Es wird Zeit, dass du richtige Freunde findest.“ Das ist gemein. Warum schlägt sich mein bester Freund auf die Seite meiner blöden Eltern? „Aber du bist mein Freund!“, sage ich fest und werfe mich gegen ihn, versuche ihn zu umfassen. Es gelingt mir jedoch nicht, meine Arme sind zu kurz. Ich komme nicht einmal mit den Fingerspitzen aneinander. Jonathan lässt mich. „Natürlich, Anton. Aber sie werden dich damit aufziehen, wenn du ihnen von mir erzählst“, flüstert er und legt sein Kinn auf meinen Kopf.

Ich fühle mich elend. Aber ich will nicht weinen und kneife die Augen zusammen. „Ich werde niemandem etwas sagen“, presse ich hervor. Jonathans Brust hebt und senkt sich gleichmäßig. „Ich weiß. Aber du musst auch deine Eltern verstehen. Erwachsene haben keine unsichtbaren Freunde, Anton. Sie vergessen, dass sie als Kinder selber welche hatten. Und weil sie vergessen, macht es sie auch nicht traurig. Es tut nicht weh, Anton. Du wirst neue Freunde finden, die mit dir lachen und weinen. Die für dich da sind, wenn du sie brauchst“, erklärt Jonathan und legt seine Arme um mich. Ich schwitze, weil mir so warm ist, aber ich werde ihn nicht bitten loszulassen. „In ein paar Wochen wirst du dich nicht einmal mehr an mich erinnern. Du musst nicht weinen. Du wirst niemals ganz alleine sein.“ Er streicht mir die Tränen weg, die gegen meinen Willen aus meinen Augen kullern.

„Ich werde dich nicht vergessen, Jonathan“, sage ich fest. „Das schwöre ich.“ Jonathan lacht und seine Brust vibriert dabei unter meiner Wange. „Ach, Anton. Darüber kannst du nicht bestimmen. Es passiert einfach so. Aber glaub mir, es tut nicht weh.“ Ich schüttele meinen Kopf und schluchze laut. Ich drücke mich von ihm, um ihm ins Gesicht zu sehen. Durch meine Tränen sehe ich es leider nur verschwommen, das macht mich noch ärgerlicher. „Und wenn es doch weh tut? Immer? Was soll ich dann machen? Jonathan?“, krächze ich böse und trommele mit meinen Fäusten gegen seine Brust.
Er lässt es eine Weile zu, bis ich aufgebe und mich zurück lehne, wieder gegen seine Oberschenkel. Wütend reibe ich mir über die Augen. Ich will nicht heulen.

Jonathan sieht mich an und streicht mir dann leicht über den Kopf. „Solange du dich an meinen Namen erinnerst, ist es für dich möglich, mich wiederzusehen. Du musst ihn nur laut aussprechen, wenn du mich wirklich brauchst. Ich werde dir ein Versprechen geben, Anton. Ich verspreche, dass ich immer auf dich aufpasse, hörst du? Du wirst niemals ganz alleine sein. Aber dafür musst du mir auch etwas versprechen.“ Sein Blick ist ernst. Ich hebe fragend meine Augenbrauen und lege den Kopf schief. Ich bin misstrauisch. „Du musst dich ernsthaft bemühen, echte Freunde zu finden.“

Ich springe nun doch auf und gehe ein paar Schritte weg. Stampfe mit den Füßen auf den trockenen Erdboden. Dann gehe ich zu ihm zurück. Er ist ebenfalls aufgestanden und lächelt auf mich herunter. „Okay“, sage ich schwach und greife nach seiner Hand. Ich möchte es nicht wirklich versprechen. Aber ich kann es Jonathan sowieso nicht abschlagen. Das kann ich nie.
Solange ich denken kann, ist er für mich da gewesen und hat auf mich aufgepasst.

Ich versuche zu lachen und ziehe an seiner Hand. „Lass uns zum Bach gehen“, sage ich und schaue ihn immerzu an. Jonathan ist so groß, dass ich ihm gerade bis zur Hüfte reiche, aber er zieht mich nie damit auf, dass ich noch klein bin. Ich bin immerhin schon sechs. Eines Tages werde ich groß genug sein, um ihm im Stehen in die Augen sehen zu können, das habe ich mir fest vorgenommen.
Denn ich werde ihn nicht vergessen. Niemand wird jemals Jonathan ersetzen können.

Auch wenn Papa sagt, dass unsichtbare Freunde nicht echt sind, ich glaube ihm nicht. Während wir mitten durch das Weizenfeld laufen, trampele ich die reifen Ähren einfach nieder. Hinter mir bildet sich ein kleiner Pfad, an dem man genau sehen kann, wo ich lang gegangen bin. Jonathan ist echt. Ich kann ihn doch sehen und fühlen. Außerdem riecht sein Haar nach Mohnblumen. Er hält meine Hand fest und ich kann seine warmen Finger spüren. Ängstlich sehe ich ihn an. Wenn er sich durch die Ähren bewegt, schiebt er sie mit den Hüften beiseite, doch die Lücke die dabei entsteht, schließt sich hinter ihm wieder. Als wäre nur der Wind hindurchgegangen. Es gibt nur eine Spur durch den Weizen. Meine.
Ich bin stehen geblieben und starre darauf. Meine Lippen sind ganz trocken und ich lecke darüber. „Warum kann nur ich dich sehen?“, frage ich, ganz leise.

Plötzlich werde ich hochgehoben und die Welt dreht sich schnell. Über uns ist der Himmel, tiefblau und nur die Sonne steht hell darin. Jonathan hat mich unter den Achseln gepackt und wirbelt mich im Kreis herum, dann setzt er mich auf seine Schultern und ich kann die Welt von weiter oben betrachten. Ich umfasse seinen Kopf, weil sich immer noch alles dreht. Eigentlich mag ich es gerne, wenn Jonathan das macht. Aber heute nicht. Ich lege mein Gesicht auf sein Haar und rieche die Mohnblumen, während er anfängt weiter Richtung Bach zu gehen. „Weißt du, Anton“, sagt Jonathan dann leise und hält meine Knie mit seinen Händen fest. „Jedes Kind hat einen Freund, den nur es allein sehen kann. Manche länger als andere. Viele vergessen schon weit früher als du, zum Beispiel weil sie jeden Tag in den Kindergarten gehen. Andere weil sie Geschwister haben, mit denen sie spielen können.“ Ich höre ihm zu und sehe dabei auf das Feld, das schwankend an mir vorüber zieht.

Der Kindergarten. Da bin ich auch eine Zeit lang hingegangen. Aber es hat mir dort nicht gefallen. Die anderen Kinder haben mich viel geärgert, auch wegen Jonathan, und sie haben mich nicht mitspielen lassen. Sie haben mir die Zunge rausgestreckt und sind weggelaufen. Ich habe so viel geweint, dass meine Mama mich dann abgeholt hat und ich irgendwann nicht mehr dorthin musste. Aber sie hat sehr traurig geschaut, an dem Tag. Von da an durfte ich wieder alleine Zuhause oder im Garten spielen. Sie konnte ja nicht sehen, dass Jonathan immer dabei war. Ich seufze. „Was bist du eigentlich?“, frage ich und jetzt ist es scheinbar an Jonathan zu seufzen. „Dein Freund“, antwortet er schlicht.
„Und was warst du, bevor du mein Freund wurdest?“, frage ich weiter.

„Ich war allein.“

„Erzähl mir, wie du mein Freund geworden bist.“

In der Ferne kann ich den kleinen Wasserlauf erkennen. Die Sonne glitzert darauf. Auf dem Feld dahinter stehen grüne Apfelbäume.

„Deine Mama hat dich in einem Kinderwagen zu dem Ort geschoben, an dem ich gewohnt habe. Sie hat dort eine Freundin besucht und du warst noch ein Baby. Gerade ein paar Wochen alt. Während sie sich mit ihrer Freundin unterhalten hat, bin ich an deinen Kinderwagen getreten, weil ich neugierig war. Was würde das für ein stilles Kind sein? Schläft es? Ist es hübsch? Ein Junge oder ein Mädchen? Das habe ich mich gefragt. Aber du hast nicht geschlafen, du hast mich angesehen, ganz still. Du warst ein hübsches Baby und so friedlich. Also habe ich das Mobile, das über dir hing bewegt, und als du darauf reagiert hast, wusste ich, ich möchte dein Freund sein und bin mit euch nach Hause gegangen.“

„Was war das für ein Ort?“

Jonathan bleibt plötzlich stehen, sein Blick geht geradeaus. „Es war der Spielplatz. Ganz in der Nähe von eurem Haus. Wir waren auch schon dort, erinnerst du dich?“

„Der neben dem Friedhof?“

„Ja.“

Ich wundere mich ein bisschen. „Warum hast du auf dem Spielplatz gewohnt?“

„Habe ich nicht, Anton. Sondern auf dem Friedhof.“

Das verstehe ich jetzt gar nicht. „Aber warum? Ist das nicht ein einsamer Ort?“

Jonathan senkt den Kopf und starrt scheinbar auf den Boden vor sich. Mit einer Hand fährt er durch die Ähren. „Es ist einsam dort, ja“, sagt er dann leise. Ich glaube er weint, aber sehen kann ich es nicht. „Du weißt, was der Tod ist, oder? Anton?“

Ich streichel ihm über den Kopf. „Das ist, wenn jemand so fest einschläft, dass niemand ihn wecken kann. Wenn man alt ist. Dann begräbt man ihn auf dem Friedhof und seine Seele wandert zum lieben Gott im Himmel. Das hast du mir doch erklärt“, antworte ich und betrachte seinen Hinterkopf. Das helle Sonnenlicht lässt sein Haar rot leuchten, obwohl es eigentlich braun ist. Jonathan erklärt mir alles auf eine Weise, die ich verstehen kann.

„Manchmal, Anton, sterben Menschen schon wenn sie jung sind. Sogar Kinder können sterben. Und weißt du, ganz selten, da stirbt man ohne Grund und jemand anderes ist Schuld.“

„Wie nennt man das?“

„Totschlag. Oder Mord, wenn der andere es mit Absicht macht.“

„Aber warum sollte ein Mensch jemand anderen töten?“

„Das weiß ich nicht. Aus Wut vielleicht. Oder weil er ihn so sehr liebt, dass er Angst hat, ihn zu verlieren. Die Angst vor dem Verlust ist dann größer als die Angst vor dem Tod. Aber, Anton, man kann auch sich selber töten. Das nennt man Selbstmord und man sagt dann: jemand hat sich das Leben genommen.“

„Hm“, mache ich und sehe in den weiten Himmel hinauf. „Warum tut jemand so etwas?“

„Aus Angst oder Verzweiflung. Einige Menschen werden sehr, sehr krank, obwohl sie jung sind und sie fürchten sich vor den Schmerzen, die die Krankheit mit sich bringt. So sehr, dass sie lieber früher sterben möchten.“

„Kommen sie denn dann trotzdem in den Himmel?“

Eine Weile sagt Jonathan nichts und als er dann spricht, klingt seine Stimme, als hätte er einen Frosch im Hals. „Nein, Anton. Gott möchte nicht, dass ein Mensch sich das Leben nimmt. Es macht ihn traurig, denn er kann es ihnen nicht gestatten, in den Himmel zu kommen.“

„Was passiert mit diesen Seelen dann, wenn sie nicht in den Himmel kommen? Kommen sie in die Hölle?“

Jonathan schüttelt den Kopf. „Nein, das kommt darauf an, wie gut der Mensch in seinem Leben war. Ein böser Mensch kommt immer in die Hölle. Aber einer, der nicht böse war... Der sich zum Beispiel aus Angst das Leben genommen hat, der bekommt von Gott ein Angebot. Weil Gott jeden Menschen liebt, gibt er ihm eine zweite Chance. Er sagt zu ihm, wenn er wirklich bereut, wird er seine Seele rein waschen von der Schuld, die er auf sich geladen hat. Er darf noch einmal leben und kehrt auf die Erde zurück, um einen Freund zu finden. Wenn es einen Menschen gibt, es muss nur ein einziger sein, der sich am Ende seines Lebens an ihn erinnert, wird er auch erlöst.“

Ich spüre, wie Jonathan sich wieder in Bewegung setzt. Er geht weiter auf den Bach zu. Ich runzle die Stirn und denke darüber nach, was er gesagt hat.

„Aber wenn er noch einmal lebt, ist das doch kein Problem, oder?“

Jonathan antwortet nicht, bis wir den Bach erreicht haben. Dort hebt er mich herunter und setzt sich neben mich an die Böschung. Ich umfasse seine Finger mit meinen Händen.

„Nur ein Kind kann ihn sehen. Die Augen der erwachsenen Leute sind blind für ihn. Weil sie nur das sehen, was sie verstehen können. Und weil sie aufhören zu glauben, dass es Freundschaft wirklich gibt. Wenn man älter wird, lernt man, dass es viele böse Dinge auf der Welt gibt, und man verliert das kindliche Vertrauen in andere Menschen. Damit verschwindet immer auch die letzte Erinnerung an den unsichtbaren Freund, den man als Kind hatte. Dein Papa lügt nicht, wenn er dir sagt, dass es mich nicht gibt. Er glaubt das wirklich. Deshalb darfst du ihm nicht böse sein, Anton“, erklärt er sanft und lächelt mich an. Aber es sieht anders aus, als früher. Ernster. Zurückhaltender.

„Das heißt, du warst früher ein Mensch, so wie ich? Und du hattest auch einen unsichtbaren Freund?“

„Ja. Aber ich habe seinen Namen vergessen, irgendwann. Ich habe kaum Erinnerungen an die Zeit, als ich noch ein Mensch war.“
Er reibt mir mit der freien Hand über die Wange.

„Warum bleibst du dann nicht bei mir? Ich will nicht, dass du weggehst. Ich will dich nicht vergessen.“

„Das werde ich doch auch, Anton. Ich gehe nicht weg. Ich werde bei dir bleiben, solange du lebst, weil ich dich gern habe.“ Er tippt mir wieder mit dem Zeigefinger auf die Nase. Dann lässt er die Hand in seinen Schoß fallen. „Aber ich kann dich nicht hindern.“

„Woran?“

„Erwachsen zu werden.“

„Aber wenn ich das nicht möchte? Jonathan? Wenn ich nicht groß werden will?“

„Es wird passieren. Früher oder später. Du wirst nicht von mir sprechen dürfen. Die anderen würden über dich lachen. Du wirst lernen und neue Freunde finden und keine Zeit mehr haben, die du mit mir verbringen kannst. Dein Körper wird wachsen und mit ihm dein Wissen über die Welt. Du wirst einsehen, dass es kindisch war, einen unsichtbaren Freund zu haben und irgendwann wirst du dich einfach nicht mehr erinnern, dass es mich gibt. Du wirst es nicht einmal merken. Deshalb brauchst du auch keine Angst davor zu haben, Anton.“

Ich beiße die Zähne zusammen und starre auf seine Hand hinunter, die ich immer noch festhalte. Dann sehe ich wieder hoch zu seinem Gesicht und begegne seinem forschenden Blick. Ich mag seine Sommersprossen. Das lange Haar. Sein Lächeln.
Ich mag es, wenn er mir Geschichten erzählt von fernen Ländern, in denen die wundersamsten Menschen und Tiere leben. Dass ich ihm immer alles erzählen kann und er einfach nur zuhört.
Jonathan ist der tollste Mensch auf dieser Welt und ich schwöre mir, ich werde ihn nicht vergessen.
Auf meiner Seele steht ein Wort
Als ich erwache, bin ich einen Moment orientierungslos. Habe ich geträumt? Ich fasse mir an die Stirn und reibe mir dann über die Augen. Ich kann mich nie an meine Träume erinnern. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass es zumindest keine schlechten Träume sind.
Wieder klingelt mein Handy und ich sehe aus Reflex auf den Wecker auf meinem Nachttisch. 2:52. Super Zeit für Telefonanrufe. Ich sehe auf das Handydisplay. Sven (Handy) steht da und ich gehe dran.

„Was ist?“

„Anton? Es tut mir leid, Anton! Aber... Könntest du mich abholen kommen?“

Der verzweifelte Ton in Svens Stimme alarmiert mich und ich setze mich auf, wobei meine Decke halb auf den Boden fällt. „Klar. Wo bist du?“
Sven erklärt mir, dass er irgendwo in der Pampa sitzen gelassen worden ist. Nachdem er mir einige markante Punkte in seiner Umgebung genannt hat, habe ich eine ungefähre Vorstellung, wo er sich befindet. „Sven, jetzt beruhig dich“, sage ich, weil er hemmungslos in sein Handy flennt, „Ich bin in einer Viertelstunde da. Okay? Setz dich einfach solange an den Straßenrand. Bis gleich.“ Ich lege auf, um mich anzuziehen. Die graue, am Knie abgeschnittene Jeans und der schwarze Pullover werden es wohl tun.

Mein Blick geht durch mein Schlafzimmer, als ich mein Handy einstecke. Es ist klein, ein Bett und ein Schrank, beide aus grün lackiertem Holz. Ich wohne schlicht, weil ich keinen Wert auf Luxus lege. Im Flur angele ich meine Papiere und meinen Schlüssel aus einem Körbchen, das auf der Kommode steht und stecke beides in die Hosentasche. Ich schlappe in meine Turnschuhe, ohne mich danach zu bücken und mache mich auf den Weg. Zum Glück habe ich ein Auto. Es ist nur ein rostiger Volvo, der wohl mal blau war, aber Hauptsache er fährt ohne zu mucken.

Tatsächlich finde ich Sven auf der um diese Uhrzeit leeren Bundesstraße. Er hockt wie ein Häufchen Elend im Gras am Straßenrand und sein Gesicht ist total verheult. Seine Augen sind ganz rot und seine Schminke ist verlaufen. Kaum bin ich ausgestiegen, springt er auf und fällt mir um den Hals. Auf seinen hochhackigen Schuhen geht das. Sonst geht er mir nämlich gerade bis zur Schulter. Sachte drücke ich ihn von mir und wische ihm übers Gesicht, damit er wieder halbwegs wie ein Mensch aussieht. „So, jetzt erzählst du mir, was passiert ist“, sage ich ruhig und schiebe ihn zur Beifahrerseite.

Eigentlich kann ich es mir denken. Es ist alle paar Wochen das gleiche Spektakel. Während er seine blaue Handtasche umklammert, berichtet Sven, dass ihn sein Flirt, wie zu erwarten, aus dem Auto geworfen hat, als er feststellte, dass die Svenja, die er mitgenommen hat, in Wirklichkeit ein Sven ist. Ich schüttele nur still den Kopf und lasse ihn hysterisch vor sich hin weinen. Er soll froh sein, dass er nicht zusammengeschlagen wurde. Oder schlimmeres. Ich halte bei McDonalds und hole Burger und Milchshakes. Es ist nicht einmal nervig, dass Sven so berechenbar ist und ich weiß, womit ich ihn ruhig stellen kann.

Ich nehme ihn mit zu mir nach Hause und schicke ihn, nachdem wir gegessen haben, unter die Dusche, damit er sich erst einmal wieder in Ordnung bringt. Derweil brühe ich einen Früchtetee auf und räume das Geschirr von gestern in die Spülmaschine ein. Als Sven aus dem Bad zurück kommt, trägt er eine Jeans und ein T-Shirt von mir. Beides ist ihm viel zu groß und er sieht richtig niedlich darin aus. Das blonde Haar ringelt sich noch nass bis auf seine Brust. Schweigend reiche ich ihm eine Tasse und beobachte wie er sich auf einen der zwei Küchenstühle setzt und mit seinen knochigen Händen den Becher umklammert. Ich lehne mich rückwärts gegen die Arbeitsplatte und frage mich, warum diese Typen eigentlich nie merken, dass Sven ein Mann ist. Gut, er ist kein Riese, aber seine Schultern sind relativ breit, sein Kinn kantig und auch seine Hände sind keineswegs zierlich.

Sven spitzt die Lippen und pustet in seine Tasse. Dann schlägt er die Augen auf, sieht zu mir hoch und lächelt. Er hat schöne Augen, groß und hellblau, mit dunklen Wimpern und Brauen. Wenn er seine Lippen so verzieht, sieht er hübsch aus. Meine Wangen werden warm und ich räuspere mich. „Danke, Anton. Du bist wirklich mein bester Freund“, sagt er sanft mit seiner hohen Stimme. Ich sehe betreten auf den Kalender an der Wand, direkt unter der Uhr. Nichts besonderes, er war ein Werbegeschenk von dem chinesischen Restaurant, bei dem ich regelmäßig bestelle.
„Keine Ursache“, sage ich leise und verstecke mich hinter meiner Tasse. Sein bester Freund. Ganz toll. Genau das wollte ich sein. Nichts weiter. Ich beiße unglücklich die Zähne zusammen. Ich darf ihm nie erzählen, dass er in meinen erotischen Gedanken auftaucht. Dass ich nur an ihn denke, wenn ich mir einen runterhole.

Ich bin nicht sein Typ. Sven steht auf weiche Milchbubis. Richtige Twinks, mit kurzen, hellen Haaren und schönen Gesichtern. Ich bin lediglich der gute Freund, der am Ende die Scherben für ihn zusammenkehrt. Der Typ mit den Muskeln und dem erschreckenden Äußeren, den man anruft, wenn der abservierte Lover zu aufdringlich ist. Ich verpasse diesen Kerlen die Prügel ihres Lebens und Sven hat seine Ruhe. „Lass uns schlafen gehen, ich muss bald zur Arbeit“, sage ich und räume die leeren Tassen weg. Als Mann vom Sicherheitsdienst einer Firma gibt es für mich keine Wochenenden und Feiertage mehr. Nur noch Früh-, Spät- oder Nachtschicht. Sven hatte echt Schwein, dass ich heute keine Nachtschicht habe. Dann hätte er jemand anderen finden müssen, der ihn aufsammelt.

Wie immer schläft er mit in meinem Bett und ich betrachte eine Weile seinen weißen Rücken. Sehe, wie sein blondes Haar sich auf dem dunklen Kissen ringelt und kann mich nicht davon abhalten mit einer der Strähnen zu spielen. Ich hasse es, dass ich so groß geworden bin. Mit meinen zwei Meter zwei liege ich vollkommen außerhalb von Svens Interessengebiet. Darüber hinaus kann ich mit seinem süßen Lächeln einfach nicht mithalten und er liebt alles schöne. Die große Brandnarbe, die meinen linken Arm und meinen Hals bis zu meiner Wange hoch bedeckt, beachtet Sven zwar nicht, aber es ist ein Störfaktor in seiner Ästhetik, die er niemals wird ignorieren können.
Ich ziehe seine Decke ein Stück höher und streiche kurz darüber, fühle seinen Körper. Mehr erlaube ich mir nicht, das würde meine Verliebtheit nur schlimmer machen. Ich will nicht meinen einzigen Freund verlieren. Unglücklich schließe ich die Augen und drehe mich um.

Um fünf klingelt mein Wecker und ich fühle mich unausgeschlafen. Müde reibe ich mir über das Gesicht und wundere mich, warum mir das Atmen schwer fällt. Oh ja... Sven liegt halb auf mir und lässt sich durch den Wecker nicht stören. Ich schalte den Quälgeist aus und genieße für einen Moment das warme Gefühl, dass Svens Körper an meinem auslöst. Seine Wange liegt auf meiner Schulter und er hat einem Arm um meine Brust geschlungen, als wäre ich ein zu groß geratener Teddybär. Vorsichtig streiche ich ihm ein paar Strähnen zurück, die ihm ins Gesicht gefallen sind und sehe, dass er im Schlaf lächelt. Er wirkt entspannt. Dann erlaube ich mir, ihn in den Arm zu nehmen und wünsche mir, dass er wüsste, wie sehr ich ihn liebe. Dass wir für immer zusammen sein könnten. Ich habe kein Problem damit, dass er lieber eine Frau sein möchte. Dafür kenne ich ihn einfach schon zu lange und zu gut. Sven oder Svenja. Ich möchte doch nur, dass er glücklich ist.

Mit einem sehr genervten Seufzen lasse ich ihn schließlich los und mache mich für die Arbeit fertig. Mein Tagesablauf ist sehr eintönig. Duschen, Frühstücken, Arbeit, Abendbrot, Fernsehen, Bett. Dreimal die Woche gehe ich ins Fitnessstudio, um mich auszupowern. Außerdem ist es sinnvoll für meinen Beruf. Auch heute ist es nicht anders. Nachdem ich meine Uniform angezogen habe, wecke ich Sven kurz auf und sage ihm, dass er sich aus dem Kühlschrank nehmen kann, was er will, und dass ich erst am Nachmittag wieder zurück sein werde. Als er sich streckt und seinen nackten Oberkörper zeigt, wende ich mich mit heißen Wangen ab und mache mich auf den Weg zur Arbeit.

Sven hat mich natürlich ohne mit der Wimper zu zucken, wieder meinem eintönigen Leben überlassen und ist gegangen, bevor ich Feierabend habe. Aber meine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Ich bin es gewohnt einsam zu sein. Am Abend ruft meine Mutter an.

„Hallo, Anton. Kommst du morgen zum Mittagessen vorbei?“

„Hm. Ich weiß nicht.“ Die Beziehung zu meinen Eltern ist nicht besonders eng. Sie haben immer viel gearbeitet. Nach dem Unfall... haben sie sich etwas mehr Zeit für mich genommen, aber sobald ich wieder zur Schule gehen konnte, war alles wie vorher.

„Du musst zwei Kisten abholen, Junge. Wir haben hier jetzt soweit alles fertig, dass wir das Haus nächsten Monat verkaufen können. Oder soll ich die Sachen wegschmeißen?“ Die Stimme meiner Mutter ist kühl. Wie immer eigentlich. Meine Eltern wollen bis Weihnachten nach Ägypten ausgewandert sein. Weiß der Geier warum.

„Nein. Ich werde um halb zwölf da sein“, sage ich und lege auf. Es gäbe sowieso nicht mehr zu erzählen. Sie interessieren sich nicht für meinen Beruf und besonders spannende Dinge passieren da auch nicht. Die meiste Zeit sitze ich eh nur herum und bewache Monitore oder gehe eine Runde über das Gelände. In den fünf Jahren, seit ich für die Firma arbeite, hat es genau einen Einbruch gegeben und da war ich gerade für zwei Wochen mit Sven auf Mallorca. Sehr spektakulär. Aber mit meinem Gesicht ist es schwierig eine gute Anstellung zu bekommen. Ich reibe mit einer Hand über mein Kinn und fühle die Narbe darunter. Knotig und hässlich. Die Feuerwehrmänner haben gesagt, es sei ein Wunder, dass ich den Brand überlebt habe.

Es war ein Winternachmittag, kalt und mit Schnee. Ich war zwölf und mit meiner Schulklasse in einer Jugendherberge auf Klassenfahrt. Meine Mitschüler hatten sich einen Jux daraus gemacht, mich in einem Kleiderschrank einzusperren, kurz bevor sie mit dem Lehrer losgegangen sind, um die Stadt zu besichtigen. Dem Lehrer haben sie gesagt, dass mir schlecht gewesen wäre. Dann ist ein Feuer ausgebrochen. Wie ich die Schranktür aufbekommen habe, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, sie hat einfach irgendwann nachgegeben. Zu dem Zeitpunkt stand bereits die halbe Jugendherberge in Flammen, einschließlich des Raumes, in dem ich eingesperrt worden war. Man hat nachher herausgefunden, dass ältere Jugendliche auf ihren Zimmern gezündelt hatten.
In Folge meiner großflächigen Verbrennung habe ich ein halbes Jahr im Krankenhaus gelegen und musste das Schuljahr dann wiederholen.

Immerhin waren die Schüler dort etwas... weniger garstig. Was hauptsächlich daran lag, dass sie mich konsequent mieden. Nur Sven nicht. Der hat nie viel auf die Meinung seiner Mitschüler gegeben und ist mein Freund geworden. Wenn es ihn nicht gäbe, wäre ich wohl schon verzweifelt.

Das Mittagessen bei meinen Eltern verläuft ruhig. Mein Vater erzählt von dem Haus in Hurghada, dass sie kaufen wollen. Ich höre nur mit halbem Ohr zu, weil es mich nicht interessiert. Sie lassen mich hier allein zurück und haben nicht einmal gefragt, ob es mir etwas ausmacht, dass sie soweit weg ziehen. Auch wenn wir keine enge Beziehung zueinander haben und ich bereits dreiundzwanzig bin – es tut trotzdem weh. Ich sehe mir ein letztes Mal mein altes Zimmer an. Es ist leer und frisch gestrichen. Nichts erinnert daran, dass ich hier meine Kindheit verbracht habe. Ich gehe zum Fenster und sehe hinaus. Von hier kann ich in unseren Garten sehen und dahinter das große Feld, auf dem früher Weizen stand und wo heute Kühe weiden.

Traurig stelle ich mir die goldene Farbe der Ähren vor, die sich unter dem Wind schwer zur Seite biegen. In der Ferne stehen immer noch die Apfelbäume, getrennt von dem Feld durch einen Bach. Ganz schwach erinnere ich mich daran, viel Zeit dort verbracht zu haben. Die Gefühle, die ich mit dieser Erinnerung verbinde, sind positiv und von einer fröhlichen Natur. So als wäre ich damals nicht so viel alleine gewesen. Ich schließe meine Augen und denke mich in diese Zeit zurück, aber das einzige, was mir in den Sinn kommt, ist ein Name, mit dem ich nichts anfangen kann.

Jonathan.

Ein Klopfen an der Tür zieht meine Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zurück. Meine Mutter steht im Flur und sieht mich ernst an. „Deine Kartons stehen in der Garage, Junge“, sagt sie und lächelt schwach. Ich schniefe und wende mich vom Fenster ab. „Sag mal, hatten wir einen Nachbarsjungen namens Jonathan?“, frage ich und folge ihr hinunter zur Garage. Sie sieht mich an und runzelt die Stirn. „Nicht, dass ich wüsste.“ Aber ihr Gesicht wirkt auf einmal so abweisend. Scheinbar erinnert sie sich an etwas, dass ich nicht mehr weiß. Mit einem Schulterzucken nehme ich den ersten Karton und bringe ihn zu meinem Auto. Die Unterhaltung ist damit beendet, aber der Gedanke lässt mich nicht los. In meinem Bekanntenkreis gibt es niemanden mit dem Namen, da bin ich mir sicher. Trotzdem bringt der Name eine Saite in mir zum klingen. Es gab jemanden in meiner Kindheit, der so hieß und der irgendwie von Bedeutung war.

Zuhause stelle ich die Kisten allerdings fürs erste ungeöffnet in mein Wohnzimmer. Ist wahrscheinlich eh nichts wichtiges drin.

Als meine Eltern mir zwei Monate später eine Postkarte aus Hurghada schicken, um mir zu sagen, dass das neue Haus toll ist und ich sie zu Weihnachten gerne dort besuchen kann, habe ich die Kartons immer noch nicht geöffnet. Aber seit ein paar Tagen wandert mein Blick immer wieder dort hin. Mit der Karte in der Hand stehe ich in der Wohnzimmertür und ertappe mich dabei wie ich sie schon wieder ansehe. Was könnte wohl darin sein? Ich werfe die Karte in die Schale auf der Kommode und hocke mich vor die erste Kiste. In ihr sind Kinderbücher und Stofftiere. Ich nehme eines davon heraus und umarme es, aber es fühlt sich sonderbar an. Lächerlich. In meinem Alter hat man keine Stoffkaninchen mehr. In meinen Händen fühlt sich das Kuscheltier winzig an und so werfe ich es in die Kiste zurück.

Im zweiten Karton liegt Bettwäsche mit aufgedruckten Autos. Ich frage mich, wie lange die schon bei meinen Eltern rumlag und was ich jetzt damit soll. Unter dem Bettzeug ist mein altes Mikroskop. Das habe ich vor bestimmt sieben Jahren das letzte Mal in der Hand gehabt. Genau wie das Bastelset, mit dem man sich selber Kristalle ziehen kann. Missmutig lege ich die Wäsche wieder darauf. Ein Fall für den Keller oder ein Sozialkaufhaus. Da ertaste ich etwas hartes zwischen den Laken und ziehe es heraus. Es ist ein DinA5 großes Ringbuch. Der harte Einband ist grün mit gelben Ecken. Irgendwie kommt es mir bekannt vor und ich schlage es auf.

Eigentlich will ich nur einen kurzen Blick hinein werfen, um zu sehen, ob überhaupt etwas drin steht. Interessanterweise sind die ersten zehn Doppelseiten mit einer kleinen, krakeligen Schrift bedeckt und wiederholen nur ein Wort. Jonathan. Verwundert ziehe ich die Augenbrauen hoch. Offensichtlich habe ich jemanden mit diesem Namen gekannt, denn es ist meine Schrift, ich erkenne sie wieder. Genau genommen schreibe ich heute noch fast genauso. Ich blätterte weiter. In der Mitte einer weißen Seite klebt eine gepresste Mohnblume. Habe ich die geschenkt bekommen? Warum habe ich sie eingeklebt?
Ich bin verwirrt, da ich keine Blumen mag. Ich kann nicht einmal Rosen von Tulpen unterscheiden. Aber das es sich um eine Mohnblume handelt, dass ist mir sofort klar. Die Blätter sind wie Seidenpapier, dünn und zerknittert.
Auf der nächsten Seite steht ein kurzer Text.

Ich heise Anton Jäger. Ich binn sieben Jahre alld alt.
Mein Freund heist Jonathan. Ich darf ihn nicht vergesen.
Er ist groß und nett. Sein Haar ist braun und er hat Somersprossen.
Sie wolen das ich ihn vergese. Weil sie ihn nicht sehen könen.
Er hat versprochen niemahls weg zu gehen.
Wenn ich ihn wirklich brauche, mus ich seinen Nahmen laut sagen.


Ich betrachte schmunzelnd die vielen Fehler. Ich habe mich mit der Rechtschreibung schon immer sehr schwer getan. Bei meinem Realschulabschluss hatte ich in Deutsch gerade eine Vier. Nicht besonders überragend. Aber ich trage es mit Fassung. Literatur ist nie meine Stärke gewesen und vom Selberlesen bekomme ich Kopfschmerzen.

Interessant. Ich hatte also einen imaginären Freund namens Jonathan. Wie kindisch.

Trotzdem werde ich für einen Moment wehmütig. Wenigstens hatte ich als Kind offenbar jemanden, der sich wirklich für mich interessierte und wenn es ein eingebildeter Freund war. Meine Eltern kümmern sich nicht besonders um mich, sie sind froh, dass ich aus dem Haus bin. Geschwister habe ich keine. Dann habe ich noch Sven, aber der meldet sich auch nur, wenn er gerade nichts besseres zu tun hat. Okay, ich könnte ihn anrufen, aber ich habe dann immer das Gefühl, dass ich ihm zu aufdringlich bin oder ihn nerve. Ansonsten habe ich noch ein paar flüchtige Bekannte, hauptsächlich Arbeitskollegen, die aber auch nur mit mir sprechen, wenn wir halt arbeiten. Vor die Tür gehe ich nur, wenn ich wirklich muss, weil ich weiß, dass die Leute sich vor mir fürchten oder ekeln. Ich finde ihre mitleidigen Blicke zum Kotzen.
Im Ganzen bin ich wohl eine wirklich arme Sau. Meine Wohnung ist so still und leer. Vielleicht sollte ich mir wenigstens ein Haustier zulegen. Aber ich kann nicht gut mit Tieren.

Ich blättere weiter und sehe eine sehr krumme Zeichnung. Eine große und eine kleine Strichmännchenfigur, die eine mit schwarzen, die andere mit sehr langen, braunen Haaren und Punkten in dem kreisrunden Gesicht. Vermutlich habe ich mich selber mit Jonathan gemalt. Die zwei Figuren halten sich an den Händen. Wie süß. Dann folgen wieder viele Seiten nur mit seinem Namen. Auf der letzten beschrifteten Seite, etwa in der Hälfte des Ringbuchs, steht achtmal Jonathan. Der letzte bricht hinter dem H ab und ein langer Strich zieht sich über die Seite. Der Rest des Buches ist leer. Hat mir jemand mitten beim Schreiben das Buch weggenommen?

Ich habe ganz stark meinen Vater in Verdacht, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Zutrauen würde ich es ihm jedoch. Er war nie ein Freund von Phantasie, sondern eher ein realistischer, pragmatischer Typ.
Nachdem ich noch einmal schnell durch die Seiten geblättert habe, lege ich das Ringbuch auf meinen Couchtisch und verschließe die zwei Kartons wieder. Die können auf jeden Fall weg, aber das kleine Buch möchte ich behalten. Auch wenn ich mich nicht daran erinnere, scheinen mir die Worte darin eine Mahnung zu enthalten. Warum sonst sollte ich mir aufschreiben, dass ich ihn nicht vergessen darf?

Jonathan.

Der Klang des Namens ist vertraut. Während ich auf dem Sofa liege, versuche ich ihn mir vorzustellen. Groß und mit Sommersprossen. Aber das sind keine besonders starken Anhaltspunkte und es gelingt mir nicht wirklich. Heute bin ich vermutlich größer. Ich überrage eigentlich jeden. Mit den Armen hinter dem Kopf beginne ich wegzudämmern.

Zum ersten Mal träume ich von einem Lächeln, das nicht Sven gehört.
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