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Veröffentlicht: 24/08/11 Aktualisiert: 26/08/11
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1. Kapitel 1

Gebüsch reihte sich an Gebüsch bis in den Horizont, unter hohen Pinien, die nur ein paar Strahlen Sonne durchließen, die kahlen Sträucher mit gerade mal ein paar Knospen vom Frühling. Wie Peitschenhiebe schlugen sie gegen Jabis nackte Unterschenkel, als er an ihnen vorbei rannte. Blut lief aus tausend winzigen Wunden seine Beine herunter, bis in seine Turnschuhe und ließ seine eh schon dreckigen Socken sich rot färben und nass gegen seine Füße kleben.

Wenn er es hier lebend raus schaffen würde, dachte Jabi, dann würde er als erstes seine Socken waschen.

Wenn.

Unter den Pinien staute sich die Hitze der Mittagssonne und Schweiß lief Jabis Gesicht herunter, bis in sein T-Shirt und seinen Rücken entlang. Seine Lungen brannten, genau wie seine Beine und er wünschte sich nichts weniger, als sich einfach nur hinsetzen zu können, hier mitten in den staubigen Boden. Eine Sekunde, um seine Beine auszuruhen. Eine Sekunde, um seinen Atem zurückzubekommen. Eine Sekunde, um einen Gedanken fassen zu können.

Aber er hatte diese Sekunde nicht. Er rannte weiter, schneller, größere Schritte, bloß weiter.

Außer dem Rascheln der Bäume in den winzigen Windböen war nichts im Wald zu hören, eine unheimliche Stille, nur durch Jabis hektischen Atem und das Klopfen seines Herzens unterbrochen. Er musste nur noch wenige Schritte durchhalten. Immer nur an den nächsten Schritt denken. Hinter dem Wald würde sein Vater mit Santo und Marscha warten und sie würden mit dem Jeep weiterfahren, weiter nach Norden. Jabi musste es nur noch bis zu ihnen schaffen.

Hinter dem Wald würde Santo Jabi eine Kopfnuss geben, warum er so lange gebraucht hatte, und Marscha würde ihm vielleicht die Socken waschen, wenn er sie ganz lieb fragte, und sein Vater würde ihm seinen Tee zur Beruhigung anbieten, wo mehr Whisky drin war als Tee. Von diesen Gedanken angetrieben setzte Jabi weiter ein Bein vor das andere, weiter vorwärts.

Die Pinien lichteten sich, Stück um Stück, und mehr vom wolkenlosen Himmel wurde sichtbar. Gleich hatte Jabi es geschafft. Da war der letzte Baum. Gleich...

Dann fiel die Erde vor ihm ab. Erschrocken warf sich Jabi zurück, aber seine Füße rutschten weiter und Steine und Erde brachen von der Kante des Abgrunds ab und fielen herunter in den reißenden Strom an dessen Boden, mehrere Meter breit, wie der Abgrund. Zu breit zum Drüberspringen. Jabi fluchte.

So schnell er konnte stand er wieder auf. Er musste zurück, er hatte den falschen Weg genommen, wenn er sich weiter westlich halten würde, würde er darüber kommen. Warum hatte er sich nie die Landkarten im Handschuhfach angeguckt? Aber Jabi wusste die Antwort. Keiner von ihnen hatte damit gerechnet, dass sie gejagt werden würden und sich trennen müssten.

Jabi war mehrere Schritte zurückgelaufen, da spürte er es. Ein Prickeln auf seiner Kopfhaut, die Gänsehaut in seinem Nacken. Die Luft wurde schwer, erdrückend, so schwül, dass Jabi jede Sekunde einen Gewitterblitz am Himmel erwartet hätte. Doch der blieb klar. Das war nicht normal.

Verzweifelt warf Jabi einen Blick in den Wald, den Weg, den er gekommen war, und dann zurück zum Abgrund. Er konnte das nicht schaffen. Er konnte nicht. Aber er konnte auch nicht zurück, nicht, wenn sie ihn dort kriegen würden. Hinter dem Abgrund wartete sein Vater. Santo. Marscha. Und wenn er in den Strom stürzen und auf die Steine fallen oder ertrinken würde... Das war auch besser als gefangen zu werden.

Jabi holte tief Luft, auch, wenn er bei der Hitze schon fast nicht mehr atmen konnte. Dann drehte er sich um und rannte los, große Schritte, direkt auf den Abgrund zu, viel selbstsicherer als er sich fühlte. Das würde er nicht schaffen. Das ging nicht. Nein.

Er war an der Kante. Unter ihm gab der Boden nach, aber Jabi sprang schon, seine Augen offen seinem Tod entgegen. Dann war er in der Luft, die Arme ausgestreckt, das Rauschen des Flusses tief unten, in einem ewigen Moment im Flug.

Und er war hoch und weit genug gesprungen. Er konnte die Kante der anderen Seite, die großen hervorstehenden Steine der anderen Seite vor sich sehen, er musste sie nur noch greifen, dann hatte er es geschafft. Jabi streckte seine Finger aus.

Wie harte Bandagen in einem Sicherheitsnetz legte es sich um ihn und riss ihn zurück. Jabi schrie tonlos auf, als die Luft aus seiner Lunge gepresst wurde. Dann flog er zurück, über den Abgrund zurück, durch die Sträucher, vorbei an den Bäumen, die wie verschwommene Aquarelle an ihm vorbeihuschten, seine Hände und Füße gefangen. Zurück durch den Wald und dann waren die Fesseln verschwunden und Jabi schlug hart auf dem Boden auf. Von dem Schwung rutschte er noch weiter zurück, bis sein Kopf hart gegen etwas schlug.

Betäubt blieb Jabi liegen. Die Sonne fiel durch das lichte Blätterdach eines Baumes über ihm und ließ ihn blinzeln. Eine Hand legte sich auf seine Stirn. „Jabi?“, fragte eine weibliche Stimme. Jabi blinzelte noch einmal. Jemand lehnte sich über ihn. Zusammengekniffene Adleraugen in einem kantigen Gesicht und so kurze Haare, dass sie fast wie ein Junge aussah. Marscha. „Jabi, lebst du noch?“

Jabi antwortete mit einem Grunzen.

Marscha lehnte sich zurück. „Er lebt noch, Papa“, sagte sie laut. „Bisschen angeschlagen, vielleicht eine Gehirnerschütterung--“

„War ja klar, dass Jabi wieder was hat“, sagte Santo mit einem Schnauben von außerhalb von Jabis Blickfeld.

„Aber!“, fuhr Marscha fort. „Ich bin ja keine Ärztin. Noch. Vielleicht braucht er auch nur eine Minute.“

„Mar, bitte. Das ist Jabi, der braucht ja schon eine Woche, wenn er sich den Zeh stößt.“

„Papa meinte halt, der könnte gebrochen sein, sonst hätte ich Jabi den nicht verbunden--“

Manchmal hasste Jabi seine Geschwister. Konnten sie nicht einfach eine Sekunde still sein, bis sich sein ganzer Kopf nicht mehr drehte und er sich nicht mehr fühlte, als würde er sich bei der nächsten kleinen Bewegung übergeben?

Die ruhige Stimme von ihrem Vater unterbrach Marschas und Santos Gekabbel um Jabis vergangene Verletzungen. „Seid still“, flüsterte er. Sofort hörten Marscha und Santo auf zu reden. Jabi horchte auf. Sein Vater sprach immer leise, aber seine Stimme war nur ein Hauch. Er klang krank.

Langsam versuchte Jabi sich aufzusetzen. Hinter ihm stand ihr Jeep. Als er zurückgezogen worden war, war sein Kopf gegen die Felgen des Hinterreifens geschlagen. Nachdem sie ihn einen Moment beobachtet hatte, half Marscha Jabi hoch, dass er sitzen konnte, einen Arm um seine Schulter gelegt.

„Alles okay?“, fragte er leise, nah an ihrem Ohr.

Ihr Blick, kühl und ernst, sagte Jabi alles.

Jetzt, da er saß, hatte Jabi einen besseren Blick um sich herum. Santo, mit seiner riesenhaften Statur, die er mit keinem aus der Familie teilte, lehnte am Heck des Jeeps, die Arme verschränkt und starrte düster in die Umgebung, einen Grashalm zwischen den Zähnen. Ein Blutrinnsal lief seine Schläfe herunter, über seinen Hals. Die Waffengurte hingen tief auf seinen Hüften und sie hatten ihm seine Pistolen nicht abgenommen, aber wenn Santo sie hier hätte raus schießen können, hätte er das schon längst getan.

Marscha staubte ihre Knie ab, als sie jetzt wieder aufgestanden war. Dreck war in ihren Haaren und sie hatte einen Kratzer an der Schläfe, aber er blutete nicht.

Jabis Vater dagegen saß am Boden neben der Motorhaube und während er keine sichtbaren Verletzungen hatte, sah er fürchterlich aus: Sein Gesicht blass unter der tief gebräunten Haus, seine Haare aschern, als wäre er in den letzten Stunden um Jahre gealtert. Er hatte sein Kopftuch tief über sein Gesicht gezogen, bis es nicht nur seine Stirn und Schläfen verdeckte, sondern fast sein ganzes Gesicht. Sein Körper war eingesunken, als könnte er sich nicht mehr aufrecht halten.

Jabi wandte sich an Marscha. „Was ist mit Papa?“, fragte er. Aber nicht leise genug, denn bevor Marscha antworten konnte, wandte sein Vater sich Jabi zu.

„Mein Rücken macht wieder Probleme“, biss er hervor.

Jabi warf Marscha einen Blick zu und fand ihn erwidert. Es war nie nur der Rücken. Aber statt die Sache fallen zu lassen, setzte Marscha nach. „Er ist nicht weggelaufen“, sagte sie hart. „Er hat uns weggeschickt und ist dann hier sitzen geblieben.“

„Aber wir wollten uns doch treffen, hat er gesagt“, wandte Jabi ein.

Santo schnaubte. Marscha schüttelte nur ihren Kopf. „Anscheinend wollte er sich opfern, während wir--“

„Seid still!“, wiederholte ihr Vater, diesmal lauter, aber es strengte ihn an. Sein Atem ging schneller, seine Augen leuchteten und Schweiß lief seine Wangen herunter. Er sah so alt aus. Gar nicht wie Jabis Vater, sondern einfach nur wie ein alter, alter Mann, um den man Angst haben musste, weil das nächste Schlagloch mit dem Jeep sein Ende bedeuten könnte, so dünn wären seine Knochen. Jabi musste hart schlucken.

„Papa...“, sagte Marscha, aber ihr Vater warf ihr nur einen Blick zu und sie schwieg, auch, wenn sie böse guckte.

„Die beiden machen mich wahnsinnig, Jabi“, wandte sich ihr Vater nun an ihn. „Nur am Meckern, Meckern, Meckern, wie eure Mutter früher.“ Jabi lächelte gequält. „Das ist noch nerviger als die Tatsache, dass wir überhaupt hier sind. Ich sag die ganze Zeit, die lassen uns wieder gehen, Marscha, Santo, dafür haben wir ein Abkommen, die dürfen uns gar nicht anhalten. Aber hören die beiden auf mich, Jabi? Hören die auf mich? Jabi?“

„Nein, vermutlich nicht?“, schlug Jabi vor.

Sein Vater nickte. „Ich sag es dir, das ist ein Fehler, dass wir hier sind. Ein Fehler.“ Er wandte sich zurück nach vorne. „Ein Fehler!“, rief er dann zu dem Baum mehrere Meter von ihnen entfernt hinüber und fing prompt an zu Husten.

Jabi nutzte sie Sekunde und betrachtete den Schatten des Baumes. Ein Mensch saß dort, aber Jabi konnte nicht sehen, ob Mann oder Frau. Um die Schultern, halb von dem Cowboyhut verborgen, lag etwas längliches, pelziges. Jabi sah es zucken und sich winden, dann lag es wieder still. Es hätte ein Eichhörnchen sein können, wenn es nicht in einem sanften Orange, gleich der untergehenden Sonne, geleuchtet hätte. Eine Sheeza.

„Ein Fehler!“, bellte Jabis Vater noch einmal und begann gleich wieder zu husten. Marscha fluchte leise, dann griff sie nach einer Plastikflasche mit Wasser, die unter dem Jeep im Schatten lag, und brachte sie zu ihrem Vater. „Ich will kein Wasser“, hörte Jabi von ihm. „Nimm den Schund weg und hol mir was von dem Tee.“

Was auch immer Marscha entgegnete, und Jabi hätte darauf gewettet, dass sie etwas sagte, hörte er nicht. Denn der Mann unter dem Baum sah zu ihnen zurück und jetzt konnte Jabi die Sheeza sehen, ihre riesigen schwarzen, dann roten, dann weißen Augen in ihrem leuchtenden Fell, die ohne zu blinzeln wie ihr Diener zu Jabis Vater herüber zu sehen schienen.

Der Schwanz der Sheeza zuckte, und auf einmal begegnete sie Jabis Blick. Mit gerunzelter Stirn hob der Mann seine Hand und legte sie auf ihren Kopf, dann sah er auch in Jabis Richtung. Schnell wandte Jabi sich weg und bemerkte, dass Santo ihn beobachtete.

„Kleine Monster“, knurrte Santo zu ihm herüber und deutete dann zu der Sheeza. „Wenn die nicht wären hätte ich uns hier schon rausgeknallt. Aber die Biester sind schneller als die Dämonenkugeln, selbst mit der Knarre von Diablo...“

Santo redete weiter über seine Pistolen, als hätten die die Apokalypse aufhalten können, hätte es sie letztes Jahrhundert schon gegeben (mit Santo als Schützen natürlich), aber Jabi hörte ihm nicht mehr zu. Neben dem Mann mit seiner Sheeza waren weitere Leute aufgetaucht, zwei Frauen und ein junger Mann, nicht viel älter als Jabi. Die Frauen trugen Sheezas auf ihren Schultern. Sie sprachen kurz miteinander und mit dem Mann am Boden, aber über Santos Gelaber und über den Streit, den ihr Vater auf der anderen Seite mit Marscha hatte, konnte Jabi sie natürlich nicht hören.

Dann verließ der junge Mann die Gruppe wieder und verschwand hinter den Pinienstämmen. Die anderen kamen zu Jabi und seiner Familie herüber. Jetzt wurde es auch endlich still um Jabi herum, als sich sein Vater, Santo und Marscha alle den Leuten zuwandten.

„Sie haben kein Recht, uns hier zu halten“, begann Marscha sofort, bevor jemand anderes etwas sagen konnte. Neben ihr trank Jabis Vater endlich einen Schluck Wasser. „Wir haben ein Abkommen und wir haben es ganz sicher nicht gebrochen. “

„Na, da haben wir uns wen ausgesucht“, sagte der Mann in der Gruppe, der eben noch unter dem Baum gesessen hatte. Seine Sheeza machte einen Laut, der irgendwo zwischen einem Schnurren und einem fast menschlichen Kichern war, und presste ihren Kopf an seinen Hals, direkt unter seinem Kinn.

Eine der Frauen warf ihm einen Blick zu und trat dann nach vorne. „Ich bin Castilla de Tiago“, stellte sie sich vor, dann hob sie ihre rechte Schulter, auf der der Kopf ihrer Sheeza lag. „Meine Schwester.“ Die Sheeza auf ihrer Schulter zwitscherte, stützte sich auf ihre Vorderbeine und streckte ihren Kopf in die Höhe. War ihr Pelz eben noch orange gewesen, heller noch als die Sheeza des Mannes, wurde sie nun blau, ein Übergang wie bei einem Regenbogen.

„Das mag ja sein--“, redete Marscha irritiert weiter.

Castilla seufzte. „Marscha, nicht wahr?“, fragte sie, wartete aber die Antwort nicht ab. „Sei still.“

Und plötzlich kam kein Laut mehr zwischen Marschas Lippen hervor. Marscha legte ihre Hände an ihren Hals, dann gab sie auf und starrte Castilla nur böse an.

„Wir wollen das Abkommen nicht brechen“, sprach Castilla nun weiter. „Nichts liegt uns ferner. Aber auch Drohungen werden nichts bringen--“

„Wirklich?“, grunzte Santo, hob dann aber schnell die Hände, ganz unschuldig, als Castilla zu ihm sah. Die Sheeza auf ihrer Schulter ließ Santo nicht aus den Augen.

„Auch Drohungen, nein“, fuhr Castilla fort. „Wer sollte uns hier verfolgen? Wer würde es wagen, uns zur Rechenschaft zu ziehen?“ Sie lächelte. „Aber wir lassen euch auch wieder gehen. Wir benötigen nur eure Hilfe, bei einer kleinen Sache.“

„Wobei?“, fragte Jabi.

Castilla wandte sich ihm zu und lächelte. „Eine unserer Sheeza braucht einen neuen 'Diener'. Eine Schwester, oder einen Bruder.“

Eisige Kälte flutete Jabis ganzen Körper, trotz der Temperatur um sie herum. Aus dem Augenwinkel konnte er Marscha und Santo sehen, auch ihnen stand der Schock ins Gesicht geschrieben.

Es war Jabis Vater, der die Stille brach. „Meine Kinder sind keine Diener von irgendwelchen Tieren“, sagte er düster, seine Stimme hart wie stahl. „Egal, wie magisch diese Viecher auch sind.“

Castilla betrachtete ihn für einen Moment. „Sie sollten sich geehrt fühlen“, sagte sie dann trocken. „Aber wenn einer von ihnen geeignet ist, werden wir ihn oder sie nehmen. Sie haben da keine Wahl. Es war eben Pech, dass Sie hier vorbeikommen sind.“

Pech. In der Tat. „Wir wollten nur nach Muran-Murada“, sagte Jabi. „Bitte, können wir nicht weiter?“

Doch Castilla schüttelte ihren Kopf. „Es tut mir leid, Junge.“

„Aber Marscha hat schon einen Platz an der Uni, und Santo wird bei dem Schwarzen Zaitjo trainieren, und--“

„Und du musst dich um deinen Vater kümmern, was?“, fragte Castilla, leicht spöttisch. „Und du würdest nicht lieber Abenteuer erleben? Deine Schwester würde nicht lieber lernen, mit Magie über das Land zu fliegen? Dein Bruder würde nicht lieber testen, wie schnell seine Pistolen wirklich sein können, mit ein bisschen magischer Verbesserung? Bist du dir da sicher?“

Jabi war sich sicher, ganz sicher. Marscha hatte schon immer Medizin studieren wollen. Und Santo war so froh gewesen, vom Schwarzen Zaitjo angenommen zu werden, dem besten Schützen von vermutlich der ganzen Welt. Aber, trotz allem... Jabi schwieg.

Castilla nickte, als könnte sie Jabis Gedanken sehen.

Plötzlich hob Marscha ihre Hand und Jabi wusste, dass es sie aufregte, wie in der Schule warten zu müssen, bis sie reden konnte. Denn Castilla wandte sich erst an ihre Sheeza, und dann konnte Marscha wieder sprechen. Sie sagte: „Ich mach es.“

Jabi hielt seinen Atem an. Marscha würde wirklich hier bleiben, sie würde wirklich einer Sheeza dienen, sie würde nicht mit ihnen nach Muran-Mudara kommen. Sie würde Jabi nicht in die Bibliothek der Universität schmuggeln, nicht mit ihm durch die alten Gassen streifen, auf der Suche nach irgendeinem Geburtstagsgeschenk für ihren Vater, das er nicht sofort wieder loswerden wollte. Sie würde nicht da sein, wenn Jabi mit Neunzehn wie Santo und sie Pistolen tragen durfte.

Doch Castilla lächelte nur. „Tut mir leid, Marscha“, sagte sie. „Aber das wird letztendlich die Sheeza entscheiden.“

Sie blickte zurück von wo sie eben gekommen war, und gerade kam auch der junge Mann zurück. In seinen Armen trug er ein Bündel Kleidung.

Hatte Jabi eben noch gedacht, der junge Mann hätte keine Sheeza, sah er nun das seltsam verformte Tuch um seine Schultern. Es rutschte ein wenig hin und her, dann war es wieder still, aber Jabi konnte Fell heraus gucken sehen. Nur war dieser Pelz nicht glänzend und leuchtend bunt wie die der anderen Sheezas, sondern braun, mit ein wenig lila. Jabi runzelte die Stirn, dann zog das Bündel in den Armen des jungen Mannes Jabis Aufmerksamkeit auf sich.

Vorne war eine kleine Öffnung und aus ihr blinzelten Jabi winzige Augen entgegen, die Augen einer Sheeza.

„Setz sie auf den Boden“, sagte Castilla. Der junge Mann zögerte, das Bündel mit der Sheeza immer noch in seinen Armen. „Rolt! Setz sie ab.“

„Ja“, knurrte Rolt und warf Castilla einen scharfen Blick zu, dann ging er in die Knie. Als würde er ein gerade geborenes Baby, eine winzige Frühgeburt, zu schwach zum überleben, in den Händen halten, senkte er das Bündel auf den Boden und schlug, vorsichtig und Lage um Lage, den Stoff zurück.

Heraus kam... Es war eine Sheeza, so viel konnte Jabi erkennen. Aber sie sah schrecklich aus, ihr Pelz rau und struppig, grau, an manchen Stellen weiß. Sie hatte ihre Augen fast ganz geschlossen und sie waren verkrustet und verklebt. Sie sah aus, als würde sie sterben. Jabi fühlte einen Stich in seiner Brust und sah herüber zu seinem Vater. Dessen Augen glänzten, aber er blickte nicht die Sheeza an, sondern seine Kinder. Sein und Jabis Blick trafen sich, dann sah Jabis Vater weg.

Jabi schluckte hart und blickte zurück zur Sheeza. Sie kroch langsam aus dem Stoff hervor. Rolt hinter ihr sah so aus, als wollte er sie stützen oder am besten wieder zurück ins Bündel packen, aber Castillas Blick schien ihn davon abzuhalten.

Mit winzigen Schritten arbeitete sich die Sheeza vorwärts, ihr Körper so abgemagert, dass jeder Muskel zu sehen war und sie wirkte mehr wie ein halbtotes Eichhörnchen denn wie ein magisches Tier mit menschenähnlichem Intellekt. Sie kroch, ohne sich abzuwenden, auf Marscha, Jabi und Santo zu.

Marscha ging auf die Knie, ihre Hände vor sich ausgestreckt und Jabi wusste, dass er sie vermissen würde, aber so, wie es aussah, würde die Sheeza sie brauchen. Marscha würde sie füttern, sich um sie kümmern und vielleicht würde die Sheeza dann wieder leuchten können.

Doch, Stück um Stück, kroch die Sheeza an Marschas ausgestreckten Armen vorbei, in Santos Richtung. Jeder Schritt schien zu schmerzen, so langsam bewegte sie sich, so lange Pausen machte sie, bevor sie wieder eine ihrer kahlen Pfoten bewegte. Ihr langer Schwanz, an dem große Stücke Fell fehlten, strich leblos hinter ihr über den Boden, durch den Dreck.

Jabi konnte sehen, wie Santo angespannt am Heck stand, nichts mehr von seiner vorherigen Coolness vorhanden. Die Sheeza kroch nun an Jabis ausgestreckten Beinen vorbei und hielt an, um eine Pause zu machen. Für einen Moment bewegte sie sich nicht und Jabi fürchtete fast, sie wäre gestorben, dass dieser kleine Weg für das arme Tier zu viel gewesen wäre. Konnte dieser Rolt sie nicht zu Santo tragen? Hatte Castilla kein Mitleid? Warum zauberte Castillas Sheeza diese hier nicht weiter?

Dann, langsam, hob die Sheeza ihren Kopf wieder. Jabi atmete erleichtert aus. Doch statt weiter zu Santo zu kriechen, wandte sie ihren Kopf und blickte Jabi an, aus ihren zusammengeklebten Augen, verschlafen und erschöpft. Mit kleinen Bewegungen schob die Sheeza ihren Körper weiter, zwischen Jabis Beine und hoch auf sein rechtes. Sie taumelte oben, konnte aber drauf bleiben.

„Oh, Jabi“, hörte Jabi Marscha flüstern, aber er konnte nicht von der Sheeza wegsehen.

Sie kroch noch ein Stück weiter, dann, knapp bevor Jabis Hose begann, biss sie in sein Bein, direkt am Knie. Über das Rauschen in Jabis Ohren tat es noch nicht einmal weh, nur ein kleines Stechen, dann leckte die raue, trockene Zunge der Sheeza das Blut auf, das aus der Wunde hervor quoll, bis nichts mehr kam.

Jabi fühlte sich leer und gleichzeitig zu voller Gefühle, die er nicht kannte. Die Sheeza kletterte weiter sein Bein hoch, ihre Schritte nun ein winziges bisschen sicherer, dann sackte sie auf Jabis Bauch erschöpft zusammen und rollte sich auf seinem Schoß in sein T-Shirt.

Jabi atmete ein. Er atmete aus.

Dann sah er auf.

Castilla strahlte ihn an. Die Augen ihrer Sheeza waren aufmerksam ebenso auf ihn gerichtet, zwei riesige Monde in einem dunkelblauen Fell. Rolt hatte seine Stirn gerunzelt. Die beiden anderen Diener der Sheeza lächelten. Jabi schluckte und sah herüber zu seiner Familie. Marscha sah aus, als würde sie gleich weinen; Santo starrte ihn nur ungläubig an, seine Hände an seinen Seiten, als wüsste er nicht, was er jetzt machen sollte, denn er konnte die Sheeza ja schlecht erschießen.

Schließlich sah Jabi zu seinem Vater herüber. Der starrte ihn ebenfalls an, sein Gesicht eine Maske. Ihre Blickte trafen sich und Jabi fühlte sich fürchterlich. Er wollte aufspringen und die Sheeza wegwerfen, in den Wagen springen und nach Muran-Mudara fahren. Er wollte das Haus sehen, wo sein Vater geboren worden war. Er wollte mit seinem Vater auf der Stadtmauer sitzen und auf das Meer hinaus blicken und Schach spielen und über die Schiffe im Hafen reden. Dann würden sie nach Hause gehen und wenn Wochenende wäre, wäre Santo auch da, und Marscha würde ausschlafen und dann würde sie mit Santo essen kochen, und sie würde erzählen, was in der Universität passierte und...

Jabis Vater lächelte. Es war kein glückliches Lächeln. Aber es war ein Lächeln.

Jabi konnte nicht mehr atmen, aber die Sheeza, ein warmer Pelzball auf seinem Bauch, schien das für ihn zu übernehmen.

*

Marscha klopfte ihm auf den Rücken. „Die werden mir da nie glauben“, sagte sie, ihre Stimme locker, aber Jabi konnte die Tränen in ihren Augen sehen, als sie sich jetzt zurücklehnte. „Dass mein Bruder eine Sheeza hat. Da kann ich sicher meine Hausarbeiten drüber schreiben.“

„An der Universität ist das sicher nichts besonderes“, sagte Jabi mit einem gezwungenen Lachen.

Marschas Blick wurde weicher. Sie hielt ihre Hände auf seinem Oberarm. Sie öffnete ihren Mund. Und schloss ihn wieder, als gäbe es keine Worte, die sie sagen könnte. Sie blickte zum Jeep, von dem sie mehrere Meter entfernt standen. Die Diener der Sheezas hatten Jabis Familie den Tank aufgefüllt, aber Essen hatte Jabis Vater von ihnen nicht annehmen wollen. Jetzt, da sie Jabi nicht mehr dabei hatten, hatte er gesagt, würden sie genug haben.

„Pass auf dich auf“, sagte Marscha schließlich und, mit einem letzten Klopfen auf Jabis Schulter, trat sie weg.

Santo war der nächste. Er zog Jabi in eine harte Umarmung. „Ich hol dich hier raus“, knurrte er dann leise an Jabis Ohr. „Versprochen, kleiner Bruder. Ich komme wieder und hol dich hier raus.“

Jabis Kehle zog sich zu und er konnte nicht sprechen, nur gegen Santos Schulter nicken.

Dann war auch Santo verschwunden und kletterte hinten auf die Lagefläche des Jeeps, wo Santo Jabi gezeigt hatte, wie man schießt, natürlich illegal. Wo Marscha ihnen gezeigt hatte, wie man unter Intellektuellen rauchte, ganz gesittet und sauber und nicht mit dem billigen Zeug, was Santo sich in die Nase zog. Wo ihr Vater seinen Teekocher aufstellen würde, wenn es Abend wurde.

Jabi musste sich abwenden und sah sich seinem Vater gegenüber.

„Du passt auf dich auf, verstanden?“, sagte sein Vater mit rauer Stimme, mehr denn je ein alter Mann, die vielen Linien deutlich sichtbar in seinem Gesicht unter der hohen Sonne.

Jabi nickte.

Sein Vater legte ihm seine Hand auf die Schulter und drückte einmal, während er an Jabi vorbei trat.

Dann würde er gehen. Sie würden gehen und Jabi würde hier bleiben und...

Sein Vater hatte seine Hand noch nicht weggenommen. „Und wenn...“, sagte er noch, seine Stimme leise. „Und wenn du mal schreiben würdest, wenn du willst und das von hier nicht zu teuer ist und die ganze Scheiße, dann würde ich mich freuen.“

Jabi nickte wieder. „Mache ich“, sagte er leise.

Sein Vater ließ ihn los. „Gut“, sagte er, dann hörte Jabi seine Schritte, wie er zum Jeep ging.

Jabi konnte das nicht. Er musste mit ihnen mit. Das war seine Familie und sie hatten so viele Pläne für Muran-Mudara. So viel, was sie tun wollten, so viele Ideen und Möglichkeiten und...

Der Jeep sprang an, ein Brummen, das Jabi in den letzten Jahren so oft in den Schlaf gewogen hatte. Jetzt rief es nur Panik hervor. Er wirbelte herum, seine Hand ausgestreckt und öffnete seinen Mund, um sie zurück zu rufen, um bloß... Aber der Jeep fuhr schon los, eine Staubwolke unter seinen Rädern. Von der Ladefläche salutierte Santo, dann konnte Jabi ihn im Staub nicht mehr sehen.

„Hier“, knurrte jemand neben Jabi. Erschrocken sah er zur Seite. Rolt starrte ihn an, sein Blick so hasserfüllt, dass Jabi sofort nachfragen wollte, weil er nichts gemacht hatte, und er hätte große Lust, jetzt eine von Santos Lehrstunden anzubringen, wie man jemandem schön die Fresse polierte.

Doch bevor Jabi etwas sagen konnte stieß Rolt ihm das Bündel in die Hände, mitten drin die Sheeza. Jabis Sheeza. Automatisch drückte Jabi sie gegen seinen Bauch und hörte aus dem Bündel ein leises, schwaches, aber zufriedenes Fiepsen.

Rolt schnaubte, wirbelte herum und stampfte weg. Jabi beachtete ihn nicht weiter. Mit der Sheeza in seinen Händen sah er seiner Familie hinterher und fühlte sich, als müsste er sich jede Sekunde übergeben. Er war allein.
Aktualisiert: 25/08/11
Veröffentlicht: 24/08/11
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Naniu am 25/08/11 08:56
Hi Tan!

Wow, was für ein spannender Anfang! Du hast es geschafft, dass man bereits nach dem ersten Kap einen groben Überblick hat, aber dennoch so viele Fragen, dass es spannend ist, man mehr wissen möchte!^Was genau sind Sheeza und wie sehen sie aus? Wieviele Augen haben die? Drei? Die haben Flügel? Usw..

Dennoch hast du schon viele Infos bezüglich der Welt (Jeep, Pistolen, Zauberkräfte, Universitäten, ...)und Jabis Familie gegeben und das sehr geschickt in den Text eingearbeitet, ohne dass es plump oder reingebastelt aussieht! Klasse! <3

*strahleaugen hab* Ich freue mich, endlich mal wieder eine tolle Fantasy-Story hier gefunden zu haben. Fantasy und BxB sind eine seltene Kombination, zumindest, wenn man einen gewissen Anspruch hat und nicht sonderlich auf Doujinshis oder FF steht. ^_- Seit Rih's Begabung hat mich keine der Fantasy-Storys mehr von den Socken gehauen. Also hat sich deine Story auf jeden Fall einen Favo-Eintrag verdient!

Freue mich auf mehr! Danke!

LG
Naniu



Antwort der Autors Tanrien (26/08/11 01:23):
Huhu,

Freut mich, dass dir das erste Kapitel gefallen hat. Falls du auch Englisch liest kann ich dir eine Seite mit Empfehlungen für englische m/m-Originale verlinken, da gibt's auch ganz viel Fantasy - ich poste den Link in die Shoutbox. Smiley

Liebe Grüße
Tanrien
Kapitel 1
split am 25/08/11 11:47
Hallo Tanrien,

schön, dass du wieder da bist.
Das ist ja ein wirklich spannender Anfang, aber es ist eben der Anfang, deswegen kann ich da noch net viel zu sagen, außer, dass es sehr interessant klingt und Lust auf mehr macht.

LG
dat split



Antwort der Autors Tanrien (26/08/11 01:25):
Huhu,

als ob ich jemals ganz weg sein würde... Zwinkernd

Liebe Grüße
Tanrien
Kapitel 1
wieprei am 25/08/11 22:13
Das klingt ja interessant.
Du hast viel geschrieben, Informationen verteilt und doch ist man kein Stück schlauer.
Das ist frustrierend.
Ich freue mich auf die nächsten Kapitel.

Lg. Ines



Antwort der Autors Tanrien (26/08/11 01:27):
Huhu,

ich frage mich gerade, ob man im zweiten Kapitel wirklich schlauer wird, aber dann wiederum weiß ich ja schon alles, also kann ich das immer so schlecht beurteilen. Hoffe, es gefällt trotzdem weiter! Smiley

Liebe Grüße
Tanrien
Kapitel 1
Humpelstil am 18/05/12 22:42
*schnief* trauriger Anfang!
Wie sehen eigentlich die Sheeza aus? Wie Eichhörnchen oder wie ein Fuchs?
(Frag mich nicht wie ich auf Fuchs kam...)
Kapitel 1
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Witch23
20/11/22 01:51
jo ist nur etwas wenierg los hier als früher ^^°

split
04/11/22 19:22
Also wenn die Seite offline gewesen wäre, hättest du die Frage nicht schreiben können, glaub ich. Jetzt funktioniert jedenfalls alles, soweit ich sehen kann *lebenszeichen geb*

beerman
03/11/22 22:08
Seite off`?

Witch23
20/08/22 10:06
Hallo zusammen

gerdhh171
23/07/22 21:10
hallo jungs

Witch23
29/06/22 06:27
Hallo auch

split
23/06/22 14:41
Hallo, welcome back

minori
22/06/22 18:02
Wenn man nach 13 Jahren mal wieder vorbei schaut :) Heyho

Witch23
10/06/22 09:30
Tja, solange bxb existiert sollte das auch ^^

carrabas
09/06/22 21:23
Dieser alte Login funktioniert noch :O

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